Neuer Bundesverkehrswegeplan
Wenn zwei streiten, muss der Dritte nichts zahlen

Hansjörg Bohm. Bild: Huber
Politik
Weiden in der Oberpfalz
22.03.2016
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Das Bundesverkehrsministerium hat seinen Vorschlag zum Bundesverkehrswegeplan 2030 (BVWP) veröffentlicht. Seit gestern kann die Öffentlichkeit dazu Stellung nehmen. Hansjörg Bohm, Bau- und Planungsdezernent der Stadt Weiden, beschäftigt sich seit vielen Jahrzehnten mit Verkehrswege- und im Speziellen mit Eisenbahn-Planung. Er gilt als heimlicher Erfinder des Projektes "Stuttgart 21". Gegenüber unserer Zeitung bewertet er die Pläne der Bundesregierung.

Herr Bohm, was halten Sie vom Schienenteil des neuen BVWP, der nun im Entwurf vorliegt?

Bohm: Wer den neuen BVWP erstmalig studiert, mag bei den vielen dargestellten Bahnprojekten östlich von Nürnberg nur Sieger sehen. Ich möchte kein Spielverderber sein, aber meine Begeisterung hält sich in Grenzen.

Warum?

Die "Franken-Sachsen-Magistrale" im Vordringlichen Bedarf ist ein alter Hut aus dem BVWP 1992, auch der Prager Abzweig ab Marktredwitz über Schirnding. Eine regionale Initiative um Bayreuth und Marktredwitz herum propagiert diese Ausbaustrecke für den TEN-Schienenkorridor Nürnberg/München-Prag. Der neue BVWP enthält nun auch das Konkurrenzprojekt, eine Ausbaustrecke Nürnberg-Furth im Wald-Prag, mit Münchener Ast über Regensburg und Schwandorf, wenngleich vorerst nur als Potenzieller Bedarf. Die Initiatoren beider Trassen bekämpfen einander seit Jahren. Während der alte BVWP nur das Nord-Projekt enthielt, relativiert der neue diese Position und fordert damit auf, das Ping-Pong zwischen Nord und Süd weiterzuspielen. Solange es dafür nützliche Spieler gibt, wird kein Geld für Ausbaumaßnahmen fällig, passiert weiterhin nichts. Schlimmer noch: Beide Ausbaustrecken taugen nichts. Denn die Fernbusse sind schon heute kaum länger unterwegs.

Aber die Elektrifizierung Hof-Regensburg ist doch ein Erfolg, oder?

Unsere "Oberpfalz-Magistrale" soll das "Güterzugklo" Bayerns werden. Man sucht sich die vermeintlich Dümmsten aus, geht den Weg des geringsten Widerstands. Das kennen wir von HGÜ-Trasse, Ostbayernring, Fracking oder Windradparks. Trassen, Standorte, Verlärmungen, die die Schickeria-Regionen nicht haben wollen. Sankt Florian grüßt. Dabei gibt es Alternativen, die bei der Öffentlichkeitsbeteiligung vorgeschlagen wurden, aber im jetzigen Entwurf nicht enthalten sind. Ich nenne den Knoten Fürth, der größte Eisenbahnflaschenhals Bayerns. Baut man diesen kreuzungsfrei um, passen dort voraussichtlich genauso viele zusätzliche Güterzüge durch, wie sie uns auf der "Oberpfalz-Magistrale" künftig erfreuen sollen. Doch das gäbe mächtig Ärger, musste die Stadt doch unlängst den S-Bahn-Ausbau mit wenig schmucken Schallschutzwänden über sich ergehen lassen.

An die Wiedereinführung des Fernverkehrs Hof-München glauben Sie auch nicht?

Die Bahn will das IC-Liniennetz angeblich kräftig ausbauen. Doch was sind das für Züge? Die "Intercity-2" bestehen aus weißen statt roten Doppelstockwagen, stammen aus dem Nahverkehr und sind nur für 160 km/h zugelassen. Der Unterschied zwischen Nah- und Fernverkehr reduziert sich auf die Farbe. Auch beim Tempo orientieren sich die "Intercity-2" am Nahverkehr, wie die Pilotstrecke Bremen-Emden zeigt. Inter-City und Regional-Express sind mit 105 beziehungsweise 107 Minuten praktisch gleich lang unterwegs.

Wenn die Güterzüge kommen, soll es auch einen besseren Schallschutz geben. Ist das nichts?

Ich will niemand böse Absichten unterstellen. Das hindert mich aber nicht, Befürchtungen zu hegen. Eine wesentliche speist sich aus den Tücken der Verkehrslärmschutzverordnung. Weil es sich bei der Elektrifizierung kaum um einen Ausbau im Sinne des Bundesimmissionschutzrechts handeln dürfte, können freie Lärmkontingente mit Güterzügen belegt werden. Diese werden umso größer, wenn diese Züge durch modernere Waggons leiser werden.

Was erwarten Sie für unsere Region, wenn der BVWP endgültig beschlossen sein wird?

Die Aufnahme der "Oberpfalz-Magistrale" in den Vordringlichen Bedarf hat ein Gutes. Wir werden bald Genaueres über die Ausbaupläne erfahren. Die Bahn drängelt bekanntlich gewaltig. Wenn's losgeht, dürften wir zwei Beruhigungspillen in Dauerdosis verabreicht bekommen. Die erste: Ihr kriegt wieder Fernverkehr! Umlackierten Nahverkehr? Die zweite: wunderwirkende Kunststoffbremsklötze! Die machen Güterwagen leiser. Aber was nützt uns das bei viel mehr Güterzügen? Die Elektrifizierung hat tatsächlich nur einen einzigen Zweck: Güterzüge von dort weg zu verlagern, wo sie keiner haben will. Und das auf finanziell möglichst schlankem Fuß. So gesehen ist der neue BVWP für unsere Region ein trojanisches Pferd.

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/bvwp2030
1 Kommentar
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Axel Miller aus Regensburg | 24.04.2016 | 16:44  
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