Pro und Kontra Stromtrasse
Ohne Trasse keine Wende - Kohle ohne Ende

(Foto: dpa)
Politik
Weiden in der Oberpfalz
21.10.2016
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Die Gretchenfrage der Trassenplanung: Die Befürworter sagen: Keine Energiewende ohne Windstrom aus dem Norden. Zudem unterliege PV- und Windenergie Schwankungen, die nur durch einen Strommix ausgeglichen werden könnten. Kritiker meinen: Es geht auch ohne Trassen. Die Windenergie sei nur ein Vorwand, um Kohle- und Atomstrom kreuz und quer durch Europa zu leiten. Das Kontra-Lager setzt auf eine dezentrale Energieversorgung und den überschaubaren Ausbau von regionalen Verteilnetzen.

Pro: Ohne Trasse keine Wende

Behörde für die Fachplanung - Bundesnetzagentur begrüßt Erdverkabelung: Chance, Akzeptanz zu fördern




Das grüne Licht für den Bau der Nord-Süd-Trasse gab der Bundestag - insofern ist die Bundesnetzagentur für Elektrizität, Gas, Telekommunikation, Post und Eisenbahnen mit Sitz in Bonn, kurz Bundesnetzagentur (BNetzA), als obere deutsche Bundesbehörde ein verlängerter Arm des Bundeswirtschaftsministeriums. Die Bundesnetzagentur begrüßt die angepeilte Erdverkabelung "und die damit verbundenen Möglichkeiten, Akzeptanz für diese neue Gleichstromverbindung vor Ort zu fördern", sagt Sprecherin Carolin Bongartz.

Die Behörde ist für die Fachplanung der neuen Trassen zuständig. Bislang liege ihr kein Antrag von Tennet vor. Mit dem rechne man aber bis spätestens Frühjahr 2017. Die BNetzA werde dann die Unterlagen auf Vollständigkeit prüfen und in Antragskonferenzen alle Aspekte ermitteln, die bei der Festlegung des Verlaufs der Leitung berücksichtigt werden müssen.

Ziel der Bundesfachplanung ist die Festlegung eines 500 bis 1000 Meter breiten Korridors, in dem die Leitung verlaufen soll. Im anschließenden Planfeststellungsverfahren werden der exakte Leitungsverlauf und die genaue Technologie innerhalb dieses Korridors festgelegt. "Das Genehmigungsverfahren wird mehrere Jahre dauern", sagt Peter Franke, Vize-präsident der BNetzA. Die Bürger hätten bei jedem Schritt die Möglichkeit, sich zu beteiligen.

Erdkabel pur - Tennet operiert mit möglichen Trassenvorschlägen




Netzbetreiber sind lernfähig. Stießen sie im ersten Anlauf noch viele vor den Kopf, legt Tennet nun für den Süd-Ost-Link ein Bündel an Alternativen vor: "Das sind Vorschläge, die jetzt im Detail diskutiert werden", sagt Bürgerreferentin Carolin Kürth. Dass einige nun doch lieber eine klarere Vorgabe gesehen hätten, sei "die Krux der Planung", sagt Pressesprecher Markus Lieberknecht. "Wir wollten keine gangbaren Wege von vornherein ausschließen - alle Vorschläge sind mit Erdkabel machbar". Zu den Planungsvorgaben gehört, den kürzesten Weg zu wählen, also annähernd Luftlinie. Carolin Kürth: "Wir haben zwei Vorgaben - möglichst direkt, kurz und kostengünstig zu planen." Mögliche Trassen wurden mit einem Geoinformationssystem errechnet. Abweichungen ergeben sich durch die Vermeidung von Raumwiderständen.

Das erklärt die Kurve Richtung tschechische Grenze auf Höhe Tirschenreuth: "Eine Alternative zum Ostbayernring und zur A 93 - die geht manchmal ins Gestein, da kann man nicht direkt daneben bauen", sagt Kürth. Das Projekt habe zum Ziel, Überschüsse der Offshore-Windenergie aus dem Norden nach Süden zu transportieren. Der Süd-Ost-Link sei Teil des europäischen Stromnetzes. Die Erdverkabelung koste jeden Haushalt im Schnitt etwa zehn Euro zusätzlich - das Projekt insgesamt 15 Euro.

Für Trassen und erneuerbare Energien - OTH-Professor Stefan Beer: "Netzausbau ist die derzeit günstigste Lösung"




"Bei gegenwärtiger Gesetzeslage ist kaum eine andere Lösung möglich", sieht Stefan Beer keine günstige Alternative zum Trassenbau. Der OTH-Professor, der vor seiner akademischen Laufbahn beim Bayernwerk als Ingenieur für konventionelle Kraftwerke zuständig war, bezeichnet sich selbst als "Erzeugungsexperte". Sein derzeitiger Schwerpunkt ist die Stromerzeugung aus Biomasse und kleinen Windanlagen. "Ich mache den Ingenieursjob genauso für konventionelle wie erneuerbare Energien", sieht er die Technik als ideologiefreien Raum.

Netzexperten würden bestätigen: "Wir sind an der Belastungsgrenze", sagt der gebürtige Oberviechtacher. "Wir haben die Netze jahrelang vernachlässigt." Nach Abschaltung des letzten AKW gehe man von einer Unterdeckung in der Energie-Grundlast von 5 Gigawatt (GW) und einer Stromunterdeckung von 40 Terawattstunden (TWh) aus. "Dieses Defizit können wir nicht mit fluktuierenden Erneuerbaren abdecken."

Auch wenn die Erdverkabelung etwas teurer käme als überirdische Trassen: "Der Netzausbau ist ökonomisch klar die günstigste Variante." Der Ausbau basiere auf einer wissenschaftlich transparenten Grundlage. "Man simuliert das Netzgeschehen, stellt Engpässe fest und plant." Vorrangiges Ziel: die Versorgungssicherheit. Zwar sei eine 100-prozentige Versorgung durch erneuerbare Energien mit Unterstützung dezentraler Stromspeicher, Blockheizkraft- und Pumpspeicherwerke denkbar. "Aber dann würde sich der Strompreis deutlich verteuern." Die Kosten beliefen sich nach Schätzungen auf das Fünf- bis Zehnfache des Trassenausbaus. Auch "Power to Gas" sei machbar: "Aber das ist derzeit nicht rentabel."

Der Ausbau sei auch ohne Atomausstieg nötig und er stärke das europäische Stromnetz. Dennoch sei die Planung in jetziger Form der Windenergie-Überkapazität im Norden geschuldet. Braunkohlestrom gehe nur ins Netz, wenn nicht genügend Erneuerbare verfügbar seien. "Der tschechische Investor in der Lausitz wettet darauf, dass unsere Energiewende scheitert", sagt Beer. "Wenn sie gelingt, hat er Pech gehabt." Nach einer Hochrechnung der Fraunhofer-Gesellschaft für 2020 wachse die Residuallast, die Differenz zwischen nachgefragter Leistung und den Tälern der fluktuierenden Erneuerbaren, beträchtlich. "Wir können die Lücke als Übergangslösung mit Kohle oder durch Stromimport ausgleichen." Der gesetzlich geregelte Stromvorrang erneuerbarer Energien lasse nach dem Merit-Order-System (englisch für Reihenfolge der Leistung) an der Strombörse EEX in Leipzig eine Ergänzung in der Reihenfolge der Grenzkosten zu: "Atomkraft ist am günstigsten, dann folgt Strom aus Braun-, Steinkohle und Gas."

Langfristig würden sich die Erneuerbaren als weitaus günstigste Energie durchsetzen. "Strom wird in Zukunft nur deshalb bezahlbar bleiben, weil Sonne und Wind kostenlos zur Verfügung stehen." Jegliche europäische Kernkraftvision sei völlig unrealistisch: "Die Sicherheitsmaßnahmen machen AKW so teuer", erklärt Beer, der das bereits in den 90er Jahren in Studien belegt habe. "Zu derzeitigen Bedingungen können Kernkraftanlagen nicht wirtschaftlich betrieben werden." Der OTH-Professor selbst versorgt sein Haus völlig regenerativ mit Photovoltaik und Biomasse: "Die KW-Stunde kostet mich 12 bis 14 Cent, der aktuelle Strompreis liegt bei 30 Cent."

Kontra: Kohle ohne Ende

Geringer Netzbedarf für PV - Grammer-Solar-Chef plädiert für dezentrale Gaswerke als Übergangslösung




"Die meisten Befürworter regenerativer Energien sind der Meinung", sagt Siegfried Schröpf, Geschäftsführer von Grammer Solar, "je dezentraler die Kraftwerke aufgestellt sind, desto geringer ist der Netzbedarf." Auch das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) kritisiere die Konzeption der Trassen: "Diese Leitungen sind so ausgelegt, dass sie bei einem reichhaltigen Angebot von erneuerbaren Energien dennoch eine vollständige Einspeisung des Kohlestroms ermöglichen. Das ist aus energiewirtschaftlichen Gründen unnötig und aus umweltpolitischen Gründen nicht tragbar."

Es sei paradox, dass die Bundesregierung seit zwei Jahren durch teils rückwirkende Veränderungen am EEG den Ausbau der erneuerbaren Energieproduktion massiv gebremst habe und dann beklage, man sei auf Sicht auf Kohle angewiesen. "Der Entwurf für den Netzentwicklungsplan sieht trotz steigender Kapazitäten aus erneuerbaren Energien auch für 2023 und 2033 eine durchgängig hohe Auslastung der deutschen Braunkohlekraftwerke vor - die auf dieser Basis geplanten Stromtrassen verursachen unnötige Kosten für die Bereitstellung von Netzkapazitäten für den Transport von Strom, der nicht mehr benötigt wird."

Es habe in diesem Jahr schon ein Wochenende gegeben, an dem Deutschland komplett mit regenerativer Energie versorgt wurde. "Aber es ist klar, dass wir das im Herbst und Winter nicht hinbekommen." Der Bedarf an fossilen Energieträgern werde jedoch weiter sinken. "Als Puffer könnten dezentrale Gaswerke dienen." Je dezentraler diese aufgestellt seien, desto geringer der Netzausbaubedarf. "Zentrale Kohlekraftwerke brauchen deutlich mehr Übertragungsnetzkapazitäten als dezentrale Gaskraftwerke, die noch dazu in Kraft-Wärme-Kopplung deutlich effizienter betrieben werden können."

Da Photovoltaik (PV) zu über 90 Prozent auf der Verteilnetzebene (Nieder- und Mittelspannung) einspeise, spiele der Ausbau der Übertragungsnetze für sie nur eine untergeordnete Rolle. Für den Ausbau der PV sei dagegen die Aufnahmefähigkeit der Verteilnetze entscheidend. "Nach einer aktuellen Prognos-Studie können intelligente Solarstrom-Speicher die Kosten des Netzausbaus auf der Verteilnetzebene in Bayern und Baden-Württemberg um über 100 Millionen Euro pro Jahr reduzieren."

"Doppeltes Spiel" - Windmüller: Dezentrale Energieversorgung machbar




"Hundert Prozent erneuerbare, dezentrale und vernetzte Energieversorgung ist nicht nur möglich, sondern langfristig die beste, nachhaltigste und krisensicherste Energieversorgung." Das sagt mit voller Überzeugung Matthias Knab, einer der Gründer der Bürgerwind-Genossenschaft Freudenberg (Kreis Amberg-Sulzbach). Er und drei weitere Mitstreiter sorgten dafür, dass sich im Landkreis Amberg-Sulzbach 2011 die ersten beiden Windräder drehten - befürwortet von den unmittelbar betroffenen Anwohnern und finanziell weitgehend getragen von Bürgern aus der Region. "Würden alle Anstrengungen ehrlich und konsequent auf das Ziel erneuerbarer, dezentraler Energieversorgung hinarbeiten, wäre der Netzausbau in diesem Stil nicht oder nur deutlich reduziert nötig. Die Vernetzung müsste dann nur regionale Schwankungen der Erzeugung ausgleichen."

Alle ernstzunehmenden Fachleute, die dieses Ziel unterstützen, gingen einhellig davon aus, dass die derzeitigen Ausbaupläne vor allem dem mittelfristigen Erhalt der Braunkohleverstromung dienen, erklärt Knab. Bayern habe mit dem Abschalten der Atomkraftwerke und dem gleichzeitigen Abwürgen der Windkraft (Stichwort 10H) vordergründig keine andere Chance, als Strom zu importieren. Knab: "Die Politik betreibt doppeltes Spiel."

Längster Schwarzbau Deutschlands - Bürgerinitiativen und Umweltverbände: Beteiligungsverfahren der Aarhus-Konvention missachtet




Gegen die Folgen des Trassenbaus macht eine Reihe von Verbänden und Initiativen - darunter die Aarhus-Initiative und das Aktionsbündnis gegen die Süd-Ost-Trasse - mobil.


  • Umweltzerstörung: "Erdkabel - das klingt harmlos", erklärt Hubert Weiger, Vorsitzender des Bund Naturschutz. "Aber diese bedeuten gewaltige Eingriffe in Natur und Landschaft." Deshalb fordert Jörg Hacker vom Fichtelgebirgsverein ein "Planungsmoratorium".

  • Europäisches Stromnetz: Hauptziel der Netzbetreiber seien Lückenschlüsse im europäischen Stromnetz. "Dass es dabei vorrangig um die Windenergie aus dem Norden geht, ist ein Märchen", sagt Günter Bock von der BI Hof.

  • Kohle und Klima: "Diese Trassen werden Kohlestrom transportieren", protestiert Sonja Schumacher von der BI Neustadt/Waldnaab. "Wir merken die Klimaerwärmung schon jetzt, obwohl Deutschland weniger betroffen ist als Afrika, wo in wenigen Jahrzehnten keiner mehr leben kann." Damit schaffe man weitere Fluchtursachen.

  • Stromkosten: Die Trassengegner glauben den Beteuerungen nicht, dass der Strompreis nur moderat steige. "Ob Stuttgart 21 oder Flughafen Berlin", erinnert der KV-Vorsitzende des Bund Naturschutz Bayreuth, Reinhard Birkner, "wir wissen alle, wie die Kosten bei Großprojekten explodieren."

  • Traum-Rendite: Ohnehin könne kein Bürger, dem demnächst bei seiner Bank Negativzinsen drohten, verstehen, wie die Bundesnetzagentur den Investoren eine Rendite von 9 Prozent garantieren könne.

  • Erderwärmung und Ernte: Vertreter des Bauernverbandes sind keinesfalls überzeugt, dass die Erwärmung in einem für die Saat unproblematischen Bereich liege: "Tennet hat Versuchsflächen in der norddeutschen Tiefebene, die nicht mit unseren Böden vergleichbar sind", sagt etwa der Oberpfälzer BBV-Präsident Franz Kustner.

  • Aarhus-Konvention: "Die deutschen Regelungen zum Gerichtszugang in Umweltangelegenheiten[...] sind [...] nicht im Einklang mit den Anforderungen der UN ECE Aarhus-Konvention (AK) umgesetzt worden", nimmt Rechtsanwältin Roda Verheyen Stellung zum Entwurf eines Gesetzes zur Anpassung des Umweltrechtsbehelfsgesetzes. Für Brigitte Artmann, Hilde Lindner-Hausner und Maria Estl steht fest: "Da entsteht ein Schwarzbau."




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