Professor Dr. Sabine Hess berichtet aus Flüchtlimngslagern in Griechenland und in der Türkei
Aus den Augen, aus dem Sinn

Prof. Dr. Sabine Hess war mit ihrem Team in Flüchtlingslagern in Griechenland und der Türkei unterwegs. Ihr Bericht beim AK Asyl fiel sehr ernüchternd aus. Die Professorin ist die Tochter von Josef und Ursula Hess. Bild: hfz
Politik
Weiden in der Oberpfalz
18.07.2016
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Professor Dr. Sabine Hess war mehrere Wochen in Flüchtlingslagern in Griechenland und der Türkei unterwegs. Dabei machte sie zusammen mit ihrem Team Erfahrungen, die zu beschreiben schwer fallen.

Sie arbeitet am Institut für Kulturanthropologie an der Universität Göttingen. Einer ihrer Schwerpunkte ist die Migrations- und Grenzregimeforschung. Sabine Hess informierte in einem Vortrag, den der AK Asyl initiiert hatte, über die Eindrücke einer jüngst erfolgten mehrwöchigen Forschungsreise nach Griechenland und in die Türkei. Schwerpunkte der Beobachtungen waren die Flüchtlingslager auf der griechischen Insel Chios und in der Türkei bzw. in der Pufferzone zu Syrien (Gaziantep).

Keine humane Behandlung


Wer meint, dass die Regelungen zu den Flüchtlingen an den Außengrenzen der EU die Gesetze der Genfer Konvention einhalten oder allgemeinen Vorstellungen von humaner Behandlung entsprechen, der wird schmerzlich eines Besseren belehrt. Da die Türkei mit über 3,6 Millionen Flüchtlingen nur denen aus europäischen Ländern Geflohenen Asylanträge zu stellen erlaubt, fallen all die aus dem Schengenraum zurückgeschobenen Flüchtlinge oder alle anderen aus Syrien, Irak etc. auf ein nahezu unerträgliches Rechtsniveau zurück. Sie müssen ihre Anträge über den UNHCR stellen, und der ist nicht willens oder nicht in der Lage, die Anträge in naher Zukunft angemessen zu bearbeiten.

Das Team um Dr. Hess stellte fest, dass die europäischen Rechte relativiert und zerlegt werden. "In der Tat, was zum Beispiel auf den griechischen Inseln vor allem zur katastrophalen Situation der Flüchtlinge führt, ist das Campregime, wobei mit dem Deal der große Hotspot Vial mit über 1000 Plätzen über Nacht zu einem Detention-Camp wurde, welches das Militär führt - alle NGOs und auch der UNHCR haben sich aus Kritik daraus zurückgezogen." Die grundsätzliche Versorgungslage sei, was medizinische Versorgung, Nahrung und Hygiene betrifft, in verschiedenen Lagern nicht als menschenwürdig zu bezeichnen. Flüchtlinge würden zudem nicht über ihre Rechte aufgeklärt, Anwälte gebe es praktisch nicht.

Mehr als deutlich wurde den Besuchern die fühlbare Unerträglichkeit des Wartens im Ungewissen, die Unsicherheit über die Entwicklung der Zukunft. Fühlbar wurde die Verzweiflung der Mütter beim Anstehen um Zuteilung der Rationen. Tief beeindruckend sei aber auch die unermüdliche Kraft, die etwa die Frauen allen Widrigkeiten entgegenstemmen in ihrer Sorge um Familie und Kinder. Immer wieder werde ihre menschliche Würde spürbar. Kritik übte Hess auch an der Rolle der vielen Hilfsorganisationen. Man werde den Eindruck nicht los, dass sie sich viel zu wenig auf zentrale Aufgaben konzentrierten.

Merkl als Mutter Teresa


Gefragt nach ihrer Rolle als Deutsche in den Lagern, sagte Hess, dass man die Deutschen sehr positiv sehe, Angela Merkl werde vielfach mit Mutter Teresa verglichen. Dass die deutsche Politik die Lagerzustände mit ihrem Deal zumindest in Kauf nehme, formulierten die Flüchtlinge nicht.
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