Redaktionsgespräch zur Trassenplanung
Bürger fragen, Tennet antwortet

Tennet-Bürgerreferentin Carolin Kürth und Pressesprecher Markus Lieberknecht erläutern im Gespräch mit unserer Zeitung die Trassenpläne. Bild: Götz
Politik
Weiden in der Oberpfalz
28.09.2016
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Jetzt ist die Katze aus dem Sack - aber manch einem hat sie zu viele Schwänze. Die Tennet-Sprecher versuchen, den Trassen-Knoten zu lösen: "Das sind Vorschläge, die im Detail diskutiert werden", sagt Carolin Kürth, Bürgerreferentin des Projekts Süd-Ost-Link.

Demokratische Beteiligungsverfahren sind kein Honigschlecken. Erst warf man den Netzbetreibern vor, sie hätten die Betroffenen vor vollendete Tatsachen gestellt. Jetzt legen die Tennet-Leute ein Vorschlag-Bündel vor und manche Kommunalpolitiker schlagen die Hände überm Kopf zusammen: "Die machen ja die ganze Region verrückt", klagt etwa Wiesaus Bürgermeister Toni Dutz.

"Das ist die Crux der Planung" sagt Pressesprecher Markus Lieberknecht, "wir wollten keine Alternativen von vornherein ausschließen - alle Vorschläge sind mit Erdkabel machbar."

Gerade Linie: Zu den Vorgaben gehört, den kürzesten Weg zu wählen. Warum verläuft die Linie von Bayreuth nicht Luftlinie Richtung Süden sondern durch Wunsiedel?

Kürth: Wir haben zwei Vorgaben - möglichst direkt, kurz und kostengünstig zu planen. Die möglichen Trassen wurden mit einem Geoinformationssystem errechnet. Die Abweichungen ergeben sich durch Umgehung von Raumwiderständen.

Lieberknecht: Hier ist sie dem Fichtelgebirge geschuldet.

Krumme Linie: Welchen Grund hat die Kurve Richtung tschechische Grenze auf Höhe Tirschenreuth?

Kürth: Das ist eine Alternative zum Ostbayernring und zur A93 - die geht manchmal ins Gestein, da kann man nicht direkt daneben bauen.

Lieberknecht: Gerade bei Tirschenreuth wollten wir Teiche umgehen und sehen eine mögliche Bündelung mit einer Gaspipeline.

Lockangebote: Trifft es zu, dass Tennet bereits mit Landwirten über den Verkauf von Grundstücken verhandelt? Zitat aus einer Versammlung: "Bei einem ist ein Großkopferter mit Hubschrauber gelandet ..."

Kürth: Mit wem sollten wir beim jetzigen Planungsstand verhandeln?

Lieberknecht: Ich kann mir das höchstens beim Ostbayernring vorstellen - aber ohne Helikopter, einen solchen haben wir nicht.

Ostbayernring: Inwieweit deckt sich der Verlauf eines Vorschlags mit dem des Ostbayernrings?

Kürth: Das können wir im Detail noch nicht beantworten, weil es von der endgültigen Planfeststellung des Ostbayernrings abhängt.

Autobahn A 93: Wie groß ist der Streckenabschnitt entlang der Autobahn?

Kürth: Hier müssen wir diskutieren, wie streng die Autobahnmeistereien die 40 Meter Anbauverbotszone auslegen. Dazu kommen Siedlungen, Industrie- und Naturschutzgebiete, die wir vermeiden müssen.

Autobahn A9: Warum wurde der Trassenvorschlag des Abgeordneten Albert Rupprecht entlang der A9 abgelehnt?

Lieberknecht: Er weicht nach Westen von der Luftlinie ab, wäre länger und geht dann in die Fränkische Schweiz, was es nicht einfacher macht.

Das ist die Crux der Planung, wir wollten keine Alternativen von vornherein ausschließen - alle Vorschläge sind mit Erdkabel machbar.Pressesprecher Markus Lieberknecht


Erwärmung: Die Landwirte kritisieren, dass Tennet mit der Beschaffenheit Oberpfälzer Böden keine Erfahrung habe. Bauernpräsident Franz Kustner: "Ich habe drei Gasleitungen, da hält sich kein Schnee." Wie sicher sind Sie sich, dass es keine Auswirkungen auf die Ernte gibt?

Lieberknecht: Wir haben in mehreren 100 Kilometern Erdkabeltypen, die auch hier zur Anwendung kommen, in Niedersachsen und Schleswig-Holstein verbaut. Die Erwärmung an der Oberkante bewegt sich im Bereich von einem Grad. Sollte es zu Ernteertragsausfällen kommen, sind wir verpflichtet, Entschädigungen zu zahlen. Das haben unabhängige Gutachter zu beurteilen.

Waldbesitzer: Wie wollen Sie bei Waldflächen verfahren?

Kürth: Es wird hier Entschädigungen geben müssen. Zum Teil kann man auch Forstflächen zu Ackerflächen umwidmen. Ersatzflächen dürfen wir nicht anbieten, das lässt die Bundesnetzagentur so nicht zu.

Entschädigung: Die Landwirte befürchten, die Mehrkosten gingen zulasten der Eigentümer.

Lieberknecht: Die Entschädigungen werden höher sein müssen als bei Freileitungen. Wir werden versuchen, einen Rahmenvertrag mit dem Bauernverband zu schließen.

Strompreis: Studien prognostizieren eine Zusatzbelastung von bis zu 200 Euro jährlich pro Haushalt.

Lieberknecht: Wir haben das für Süd-Link kalkuliert. Die Erdverkabelung kostet dem durchschnittlichen Haushalt umgelegt auf ganz Deutschland etwa 10 Euro zusätzlich - das Projekt insgesamt 15 Euro.

Atom und Kohle statt Wind: Kritiker widersprechen, dass die Trassen Windstrom nach Süden transportieren sollen - der Anschluss ans Europäische Stromnetz sei lange vor der Energiewende beschlossen worden, also würden hier Kohle- und Atomstrom transportiert. Falsch?

Lieberknecht: Das Projekt hat das Ziel, Überschüsse der Offshore-Windenergie aus dem Norden nach Süden zu transportieren. Ähnlich wie Süd-Link ist der Süd-Ost-Link aber Teil des europäischen Stromnetzes.

Temelín: Stimmt es, dass bei Etzenricht ein Zubringer geplant ist?

Lieberknecht: Das ist eine Gleichstromleitung von Nord nach Süd. Im Übrigen würde eine Wechselstromleitung von Temelín ihren Weg nach Westen weiter südlich suchen.

Rendite: Wie hoch ist eigentlich die Rendite bei diesem Projekt?

Lieberknecht: Zunächst müssen wir in Vorleistung gehen und bekommen zwei Jahre später, wie die Stadtwerke, ein marktübliches Netzentgelt.

Verzögerung: Wer bezahlt die Mehrkosten, wenn es zu Verzögerungen - Stichwort Berlin - kommt?

Lieberknecht: Wir haben schon eine von drei Jahren. Das wird auf die Stromrechnung umgelegt.

Aarhus-Konvention: Die Bürgerinitiativen sagen, die Planung verstoße gegen die Aarhus-Konvention. Was sagen Sie dazu?

Kürth: Die Kritik richtet sich gegen die Bundesfachplanung, die eine Klagemöglichkeit erst am Ende des Verfahrens vorsieht. Das muss der Gesetzgeber regeln.

Zwei TrassenVier Regierungsbezirke in Bayern sind direkt vom Bau der beiden Starkstromleitungen Süd-Link und Süd-Ost-Link betroffen: die Oberpfalz, Oberfranken, Unterfranken und Niederbayern. Von 2025 an soll der Strom aus dem Norden fließen. Welche Orte konkret betroffen sein werden, ist offen, der Vorschlag sieht einen ein Kilometer breiten Leitungsverlauf vor. Der Vorzugskorridor soll erst im März 2017 festgelegt werden.

Südlink: Für den Verlauf von der Nordseeküste bis Baden-Württemberg gibt es einen östlichen und einen westlichen Vorschlag, jeweils mit Varianten und Querspangen - das gilt auch für Unterfranken. In der Ostvariante käme Süd-Link über Thüringen im Bereich Mellrichstadt oder Melpers nach Nordbayern. Für den weiteren Verlauf in Richtung Grafenrheinfeld wurden zwei Alternativen vorgestellt. Rhön und Spessart dürften kaum tangiert werden. In der Westvariante würde Süd-Link über Hessen bei Bad Brückenau nach Bayern kommen.

Südostlink: Die oberfränkische Stadt Hof wird je nach Variante entweder westlich oder östlich von der neuen Leitung umschifft. Für die westliche Variante spricht, dass dann das Fichtelgebirge weniger betroffen wäre.

Startpunkt ist Magdeburg in Sachsen-Anhalt, Zielpunkt ist das niederbayerische Ohu bei Landshut. Auch bei Regensburg ist eine westliche und eine östliche Führung möglich. (dpa)
2 Kommentare
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Marco Kellner aus Ebnath | 29.09.2016 | 16:58  
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Maria Estl aus Pullenreuth | 29.09.2016 | 17:47  
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