Regionale Unternehmer entsetzt über Brexit:
Wenn Alpträume wahr werden

Politik
Weiden in der Oberpfalz
25.06.2016
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Ein schwächeres Pfund gegenüber dem Euro verteuert die Ausfuhren der regionalen Firmen. Die Unternehmer sind entsetzt. Mit wenigen Ausnahmen.

Weiden/Amberg. Für die Hamm AG in Tirschenreuth, mit annähernd 1000 Beschäftigten einer der großen Arbeitgeber in der nördlichen Oberpfalz, stellt England - neben Frankreich - den wichtigsten Absatzmarkt in der Europäischen Union dar. "Ein Auseinanderfallen der EU wäre für uns ein Alptraum", sagt Vorstand Reinhold Baisch. "Kein Land ist so exportorientiert wie Deutschland: Eine Rückkehr in die Kleinstaaterei wäre das Schlimmste." Neben den Wechselkurs-Verwerfungen (Pfund zum Euro) bereitet dem Hamm-Vorstand vor allem die Verunsicherung der britischen Kunden Sorge: "Bei Unsicherheit wird nicht investiert." Fast jede Zehnte von Hamm gefertigte Baumaschine wird dem Vernehmen nach auf die Insel verkauft.

"Verteuern und verzögern"


"Negativ berührt" zeigt sich auch Hans Dill, Inhaber der Knopffabrik Dill in Bärnau. Für die Firma bedeutet Großbritannien einen "wichtigen Markt". "Ein künftig assoziierter Status wird die Ausfuhren verteuern und verzögern." Diese Verschlechterung gehe wohl auf Kosten der Gewinn-Marge. Bis zu 15 Prozent des Umsatzes generierte die Firma Gollwitzer (Floß, Kreis Neustadt/WN) in den vergangenen Jahren in UK. Durch die Abwertung des Pfunds gegenüber dem Euro erwartet Inhaber Harald Gollwitzer eine "Verteuerung unserer Leistungen": "Es wird schwieriger werden." Das auf Spezialtiefbau fokussierte Unternehmen zählt rund 140 Beschäftigte. Die Firma Schöninger aus Weiden bezieht zwar ihr Glas von Pilkington (englische "Mutter" der Flachglas in Weiherhammer), "aber fakturiert wird ausschließlich in Deutschland", betont Geschäftsführer Til Schöninger. Er sieht deshalb keine Auswirkungen auf seinen Betrieb, "aber nachhaltig schlechte Folgen für die Wirtschaft in Europa".

Der Weidener Unternehmer Hans-Jochen Müller begrüßt hingegen "vorbehaltlos" die "mutige Entscheidung des englischen Volkes gegen die ausufernde Bürokratie in Brüssel". "Es ist höchste Zeit, die europäischen Bürokraten in die Schranken zu weisen." Der Inhaber der international tätigen Firma Hajo Strick (legere Freizeitmode) sieht keine geschäftlichen Auswirkungen durch den Brexit. "Wir brauchen ein neues Europa. Es werden weitere Länder dem Beispiel Englands folgen, wir Deutsche sind dabei allerdings die letzten ..."

Die Porzellanfabriken Seltmann (Weiden/Erbendorf) verzeichnen in England "deutliche Zuwächse" - gerade im Gastro-Bereich: "Insgesamt beträgt der britische Anteil an unserem Umsatz jedoch weniger als 1,5 Prozent", erklärt Geschäftsführer Werner Weiherer. Viel entscheidender sei das Marktkonzept; wenn dies passe, erwartet Weiherer keine gravierenden Auswirkungen. Weit dramatischer sei im Vergleich zur Schwäche des Pfunds jedoch der Verfall des russischen Rubels.

"Braunes Gedankengut"


"Als Unternehmer gelassen, aber tief besorgt als Bürger", reagiert Christian Engel auf den Brexit. Der geschäftsführende Gesellschafter der BHS Corrugated aus Weiherhammer (Exportanteil 90 Prozent, davon zwei Drittel in Übersee) fürchtet, "dass das englische Beispiel Schule macht" und er sieht die Gefahr "eines Schürens von nationalsozialistischem, braunem Gedankengut in Europa".

Ein Auseinanderfallen der EU wäre für uns ein Alptraum. Kein Land ist so exportorientiert wie Deutschland: Eine Rückkehr in die Kleinstaaterei wäre das Schlimmste.Reinhold Baisch. Vorstand bei Hamm
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