Stadtrundgang der besonderen Art
"Barrierefrei" mit Hindernissen

Langsam vortasten auf dem Pflaster. Beim Rollentausch erlebte unter anderem Lothar Höher (Zweiter von rechts) die Hürden für Seh- und Gehbehinderte. Andrea Kuchenreuther (Zweite von links) erklärt die Handhabung eines Blindenstocks. Bild: Schönberger
Politik
Weiden in der Oberpfalz
24.11.2016
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"Barrierefrei heißt nicht rollstuhlgerecht", sagt Carola Preißer. Sie leitet die "Aktion Rollentausch" beim Allgemeinen Rettungsverband: Nichtbehinderte erleben die Stadt aus der Perspektive von Behinderten. Auch Bürgermeister Lothar Höher bekommt zu spüren, wo es in der Stadt hakt.

Bettina Pichlmeier, Blinden- und Sehbehindertenberaterin bei der "Aktion Rollentausch" der offenen Behindertenarbeit (OBA), will auch positive Signale aussenden. "Man kann ja nicht immer nur meckern, sondern muss auch mal zeigen, was es alles schon gibt", sagt sie. Zweiter Bürgermeister Lothar Höher, der Geschäftsführer des Allgemeinen Rettungsverbandes, Helmut Fischer, und Mitarbeiter der OBA gehen mehrere Stationen in der Innenstadt ab. Die Route soll zeigen, auf welchen barrierefreien Wegen Behinderte bereits durch die Straßen kommen. Dabei offenbarten sich noch Schwachstellen. "Viele Dinge sind für nichtbehinderte Menschen nicht offensichtlich", sagt Höher. "Daher muss man richtig sensibilisiert werden, sonst weiß man nicht, wo die Schwachstellen liegen."

Sicht eingeschränkt


Die Teilnehmer schieben Rollstühle und stellen damit verschiedene Flächenbeläge auf den Prüfstand. Zudem hat Andrea Kuchenreuther verschiedene die Sicht einschränkende Brillen dabei. Diese simulieren beispielsweise den "Grauen Star" oder eine Erblindung. Mit Hilfe eines Gehstocks übt die Gruppe unter anderem, Fußgängerüberwege zu finden und zu überqueren.

Start des Rundgangs ist an der Regionalbibliothek. Von dort sind es nur es wenige Meter zur Volkshochschule. "Die VHS ist im Bestand barrierefrei und für viele gut nutzbar", erklärt Carola Preißer: Das bedeutet, dass einige Stellen zwar nicht nach der DIN-Norm gebaut wurden, dennoch überwiegend behindertengerecht seien. Beispielsweise sei der Zugang zu Toiletten für Rollstuhlfahrer gut möglich. Dann geht es zu einer Fußgängerampel an der Bürgermeister-Prechtl-Straße. Diese ist nicht für Sehbehinderte umgerüstet, es gibt keinen Summer. Hier geht es um die Frage, wie es Sehbehinderte schaffen, über die Straße zu kommen. Kuchenreuther klärt auf: "Ich bekomme es durch das Hören des Verkehrs mit. Wir lernen im Mobilitätstraining, zu erkennen, wann Autos abbiegen. Außerdem lernen wir zu erfühlen, wo wir drücken müssen, damit die Ampel umschaltet." Besonderes an vielbefahrenen Kreuzungen, so ist zu vernehmen, sollten Ampeln mit Summern ausgestattet sein. Unter anderem in der Bahnhofstraße besteht Nachholbedarf.

Weiter zum Max-Reger-Park: Dort sind die Beläge geglättet worden, um Rollstuhlfahrern die Fahrt zu erleichtern. "Als ich noch zur Schule ging, war der Eingang zum Max-Reger-Park schon ein kritisches ,Fleckerl'", berichtet Carola Preißer. Noch immer ist es steil, aber leichter befahrbar. Im Park will die Gruppe auch die öffentliche Behindertentoilette begutachten. Doch kann keiner einen Blick hineinwerfen - das Häuschen ist abgeschlossen. Lothar Höher erklärt: "Das hier ist ein sehr gefährdeter Standort. Häufig gibt es hier Verwüstungen". Andrea Kuchenreuther bestätigt das: "Ein häufiges Problem für uns ist, dass die Toiletten extrem verunreinigt sind." Im Raum steht nun der Vorschlag, Euro-WC-Schlüssel für Behinderte anzuschaffen, damit sie gesondert Zutritt zu den Toiletten haben.

Im Rollstuhl in den Bus


Vorletzte Station ist der ZOB. "Wir schauen, wie man am besten mit dem Rollstuhl in einen Bus einsteigt", sagt Preißer. Ein Omnibus steht bereit, der Fahrer fährt eine Rampe an der hinteren Tür aus. Höher wirkt sichtlich überrascht, diese Funktion kennt er noch nicht. "Problematisch ist allerdings, wenn der Bus nicht direkt an den Bordstein fährt. Dadurch wird das Einsteigen wesentlich schwieriger", berichtet Kuchenreuther. Schließlich begutachtet die Truppe einen Fußgängerüberweg in der Weigelstraße. Hier gibt es Platten mit Rillen, die Sehbehinderten andeuten, wo der Überweg beginnt und wo er endet. Bettina Pichlmeier nennt den Reim, der an solchen Stellen gilt: "Rillen gehen, Noppen stehen."
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