Stallgespräch beim Bio-Erzeuger
Sauwohl mit Ringelschwanz

BBV-Bezirkspräsident Franz Kustner ist begeistert: "Wenn man sieht, wie ruhig die Tiere sind - jeder ist bedacht, den bestmöglichen Tierschutz umzusetzen", lobt der ehemalige Landtagsabgeordnete und Landwirt den Biohof der Familie Brunner. Bilder: Herda (3)
Politik
Weiden in der Oberpfalz
26.01.2016
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Wenn zu viele auf Bio umstellen, kommen wir schnell ins Überangebot.
 
Wegen der Auflagen und des Widerstands in der Bevölkerung ist es fast nicht mehr möglich, einen Hühnerstall im Dorf genehmigt zu bekommen.

Sau Nummer 4 lässt den Ringelschwanz hängen. "Ein Zeichen, dass es ihr nicht gut geht", sagt Reinhard Brunner. Der Bio-Ferkelerzeuger muss seine 300 Schweine immer im Blick behalten. Tierwohl ist für ihn überlebenswichtig.

Weiden/Neubau. Neugierig trabt eine Gruppe rosafarbener Ferkel auf die Besucher zu. Rüssel in die Höhe schnuppern die drei Monate alten Paarhufer an Franz Kustners Händen. Der Bezirkspräsident des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) besichtigt beim "Stallgespräch" zusammen mit Kollegen das Vorzeigeunternehmen in Neubau. Dass Schweine hochintelligente Tiere sind, ist bekannt. Hier kann man besichtigen, wie sie das mit viel Platz im Außengehege und im Stall ausleben - beim Rumtoben mit einem Spielzeug oder beim Spurt zu den Futternäpfen, wenn die Druckluft das Mittagessen in die Tröge presst.

Aufwand mal zwei


"Ich brauche fast alles mal zwei", beschreibt Brunner den Mehraufwand durch seine Haltung. "Der Arbeitsaufwand, die Futterkosten - ich brauche den höheren Preis um kostendeckend zu arbeiten." Der Neubauer kennt beide Seiten der Medaille. Bis 2009 drehte er am konventionellen Rad, musste die Mehrkosten durch eine immer größere Produktion kompensieren: "Wir hatten bis dahin 850 Mastplätze und wollten schon auf 1200 aufstocken - dann haben wir einen anderen Schritt gewagt, von dem die ganze Familie überzeugt ist." 2009 stellt der Brunnerhof, seit drei Generationen in Familienbesitz, auf ökologische Landwirtschaft um.

"Einen Schweinebetrieb von Intensiv auf Bio umzustellen, ist nicht ohne", sagt der Oberpfälzer. "Man muss komplett leer fahren, ein Jahr ohne Ferkel überbrücken, die Baumaßnahmen schultern - und man braucht die Sicherheit einer langfristig gesicherten Abnahme." Und Brunner weiß: "Wenn zu viele auf Bio umstellen, kommen wir schnell ins Überangebot." Bio bleibe auf Sicht eine Nische. Von 60 Millionen Schweinen in Deutschland tragen nur 300 000 ein Öko-Siegel. Deshalb gibt es im Verband auch kaum Animositäten zwischen den Lagern.

Es herrscht vielmehr die Auffassung: Man sitzt im gleichen, schwankenden Boot. Die Zahl der Schweine in der Region ist zwar von 1960 bis heute annähernd gleich geblieben. Aber sie werden nur noch von 1,5 Prozent der ursprünglichen Zahl an Schweinehaltern aufgezogen. Der Trend zur Größe hält weiter an.

Hans Scharbauer kann mit seinem geschlossenen Schweinebetrieb mit 80 Zuchtsauen und angeschlossener Mast nicht mehr kostendeckend produzieren: "Wie die Marktkräfte wirken, sieht man", sagt er, "wir schlachten in Deutschland über eine Million Schweine pro Woche, 115 Prozent des Eigenbedarfs - das hat natürlich Auswirkungen auf den Preis." Der Landwirtschaftsmeister am Maierhof bekommt rund 40 Prozent weniger pro Schwein - etwa 110 Euro bei 90 Kilogramm Schlachtgewicht.

"Mit unseren transparenten Produktionsbedingungen und den nahen Wegen garantieren wir am besten die Qualität", findet Scharbauer. "Wir haben in der Oberpfalz noch einen hohen Anteil an direkten Metzgerverbindungen - ich beliefere drei Metzger, zu denen der Schlachtweg maximal 30 Minuten beträgt." Bio-Kollege Brunner unterstützt die These: "Der Schlachthof Weiden war Bio-zertifiziert." Die Schließung sei schlecht für den Verbraucher, für die Tiere und für ihn selbst: "Für mich bedeutet das ein Minus von 15 000 Euro, weil ich selber nach Weiden fahren konnte - und die Tiere waren nicht diesem Stress ausgesetzt."

Brüssel-Dresche


"Vor zwei Jahren gaben viele wegen der EU-Bestimmungen zur Gruppenhaltung auf", sagt Franz Kustner. Die Kleinen konnten den notwendigen Umbau nicht leisten. "Vieles wird aber auch auf die EU geschoben", schränkt Karl Bäumler, stellvertretender BBV-Kreisobmann die Brüssel-Dresche ein, "aber hinter vorgehaltener Hand sagt der Veterinär, dass vom Land und Bund schon auch einiges dazukommt."

Die Landwirte fühlen sich von allen Seiten unter Druck: Wichtige Märkte wie Russland, China oder auch arabische Staaten sind weggebrochen. Der Handel nutzt das Überangebot zu einem gnadenlosen Preiskampf. Und der Verbraucher honoriert die Qualität der regionalen Hersteller noch immer zu wenig: Aktionen des Handels, wie "Rewe regional" hören sich gut an, nehmen aber nur einen winzigen Teil des Sortiments ein - mehr Lockvogel als neues Regionalbewusstsein.

Und als sich mehr Landwirte als erwartet an der Aktion "Tierwohl" beteiligten, stiegen die Konzerne auf die Bremse: "Wir wären in der Lage gewesen, 20 000 Tonnen zu liefern", erklärt Hans Winter, BBV-Geschäftsführer in Weiden, "der Handel ist aber nur bereit, 10 000 Tonnen abzunehmen." Man wollte offensichtlich mit einer kleinen Menge guten Gewissens werben und nicht wirklich auf faire Produktion umstellen.

"Der Verbraucher hat es in der Hand", findet Bezirksbäuerin Stilla Klein. Wer will, dass Huhn, Schwein & Co ihr kurzes Leben gesund und artgerecht fristen, darf eben bei Schnitzel und Gockerl nicht geizen. "Inzwischen ist es wegen der Auflagen und des Widerstands in der Bevölkerung fast nicht mehr möglich, einen Hühnerstall im Dorf genehmigt zu bekommen", bedauert Klein.

Der Schweinehund kauft mit
Angemerkt von Jürgen Herda

Wir wissen es doch eigentlich: Der Kauf regionaler Produkte hat nur Vorteile - wir fördern die hiesige Wertschöpfung, unser Geld bleibt "dahoam", wir schützen Arbeitsplätze und Lehrstellen vor Ort, schonen wegen kurzer Wege Tier und Umwelt und von den Produktionsbedingungen am Hof können wir uns mit eigenen Augen überzeugen. Nach dieser Logik müssten Hofläden boomen.

Die Wirklichkeit sieht aber anders aus. Der Handel schmückt sich zwar gerne mit dem positiv besetzten Label "Aus der Region" oder einer Initiative "Tierwohl". Aber deren Anteil an der Produktpalette bleibt verschwindend gering, obwohl unsere Landwirte das doppelte Volumen liefern könnten. Theoretisch hätte der Verbraucher die Macht, dies zu ändern.

Aber unser innerer Schweinehund sieht das anders. Wenn wir nach Feierabend noch schnell zum Einkaufen hetzen, soll im Supermarkt die Auswahl aus aller Welt verfügbar sein. Der Hunger kauft mit: Von Produktmanagern appetitanregend verpackte Industrieware wandert in den Wagen, am regionalen Fach schieben wir achtlos vorbei. Am Kassenzettel können wir ablesen: Besonders billig war das Festschmaus der Lebensmittelindustrie nicht. Fürs gleiche Geld hätten wir auch was Gescheites bekommen.

juergen.herda@derneuetag.de
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