Sterbehilfe als letzter Ausweg
Wenn der Schmerz unerträglich wird

Claudia Müller fühlt sich "total verdreht wie ein verwringtes Handtuch". Bild: Herda

Es tut weh, die Kollegin so leiden zu sehen. Claudia Müller dreht sich wie aufgezogen um die eigene Achse: verkrümmt, verdreht. Sie fragt: "Wie lange halte ich das noch aus?"

Einen Namen dafür zu finden, was die Redakteurin quält, war ein Kampf. Die Diagnosen reichen von rezidivierender depressiver Episode über dissoziative Bewegungsstörung, Hemidystonie, multisegmentale Bewegungsstörung unklarer Genese bis zu narbig-fibrotischen, arthrotischen Veränderungen in der Halswirbelsäule, die Dr. med. Andreas Förg in seiner Privatpraxis für Upright-Kernspintomographie in Aschheim diagnostizierte. Der niederschlagende Befund bedeutet, dass ein unheilbares massives Entzündungsgeschehen im Hals der 58-Jährigen Ursache ihrer Schmerzen ist.

Ein schwer erträglicher Druck auf die Nerven löst einen Prozess aus, den die Schulmediziner nicht erklären können: "Ich gebe den Krämpfen nach, um mich nicht zu verdrehen", beschreibt sie den unaufhörlichen Drang, sich zu drehen. Es sei, als ob man eine Spirale immer weiter unter Spannung setzen würde. "Irgendwann ist es nicht mehr auszuhalten", sagt sie, "dann kracht es."

Vom linken Kiefergelenk aus schraube sich der spiralförmige Zug die Wirbelsäule wie gegen zwei Pole hinab. Seit die Journalistin an Weihnachten 2011 einen Tannenzweig aufhing, beim Tritt von der Leiter eine Stufe übersah und sich verriss, ging es stetig bergab. "Vier Wochen später war ich erwerbsunfähig."

Keine Sekunde schmerzfrei


Alles begann, als Claudia mit dem Fuß umknickte und sich übel verriss. "Seit Mai 2011 war ich keine Sekunde schmerzfrei", sagt sie. "Manchmal ist es auszuhalten, dann spießt sich etwas, Kopfschmerzen, die sich anfühlen wie ein Nagel im Hirn, dass es einem die Augen rausdrückt - von links oben in die linke Hüfte bis zur rechten Zeh." Kein Bereich des Körpers, der nicht betroffen sei.

Claudia Müller musste lernen, sich Schritt für Schritt von dem zu verabschieden, was sie bisher ausmachte: "So wirst du halt immer weniger du selber", beschreibt sie den langsamen Abschied von eigenen Ich: "Man muss in unserem Job ja schnell entscheiden," beschreibt sie den Verlust beruflicher Souveränität. "Plötzlich kannst du eine Situation nicht mehr handlen - ich habe lange gebraucht, bis ich nicht mehr dagegen ankämpfte." Kurz bevor sie krank wird, leistet sich das kochbegeisterte Paar eine "sündteure Küche": "Wir hatten früher mal 50 bis 60 Gäste im Haus selbst bekocht." Das kann sie natürlich jetzt vergessen. Immerhin: "Ich bin a alte Glusthenna, Gott sei Dank schmeckt es wieder." Jeden Tag folgt ein kleines Adieu: "Als mein Auto aus dem Hof rollte, sind Tränen gekullert", erinnert sie sich an den Verlust von Mobilität.

Sie entdeckt ihre kreative Ader, beginnt mit Seidenmalerei, rüstet sich mit Pastellkreiden aus - nur um kurz später festzustellen: "Ich kann nichts mehr halten." Der Alltag ist eine Herausforderung. "Ich habe schon Schwierigkeiten mit dem Zähneputzen, weil's mich dreht." Das Anziehen bereitet größte Mühe, sie schafft es trotz des Liftes kaum mehr in die Badewanne, das Haarewaschen ist eine Tortur.

Kopfüber dagehängt


Sie schläft selten länger als drei, vier Stunden und ist dann erst mal bewegungsunfähig. "Versuch mal zu lesen, wenn es dich ständig dreht." Ein Gespräch im Sitzen: undenkbar. "Vergangenes Jahr bin ich kopfüber dagehängt, ein Bein in der Luft, habe mich am Boden gekrümmt und abgenommen auf Kleidergröße 32." Sie ist am Ende: "Fährst du mich in die Schweiz?", fragt sie ihren Mann, "ich kann nicht mehr."

Sie würde ihrem Bernd diese Belastung gerne ersparen. "Es ist ein großes Glück, einen Mann an der Seite zu haben, der alles tut - du siehst ja den riesigen Garten, er kocht fantastisch, aber er ist halt nicht mehr der Jüngste." Der Blick durchs Fenster auf das Naturidyll am Stadtrand ist Claudias Trost und Kraftquelle. "Es gibt Schwestern, die helfen, Neffen, Nichten, Freunde, die jeden Freitag kommen." Aber gegen den Schmerz kann keiner etwas ausrichten. Und den letzten Ausweg sieht sie nach dem gesetzlichen Verbot von Sterbehilfevereinen auch versperrt: "Warum kann ich nicht daheim in Ruhe und Frieden, in Begleitung meiner Angehörigen und vom Arzt meines Vertrauens Abschied nehmen?"

Zurzeit sei es auszuhalten, sie hege aktuell keine Suizidgedanken: "Sollte ich durch die Verdrehungen einen Darmverschluss bekommen, würde ich das als Geschenk Gottes betrachten und Hilfe verweigern." Ohne Aussicht, dass sich was verändert, wisse sie aber nicht, wie lange sie den Zustand noch ertrage: "Ich weiß, dem Bernd zerreißt es das Herz, aber mir zu Liebe würde er mich in die Schweiz bringen." Doch jetzt steht erst einmal eine kleinere Reise auf dem Fahrplan: zum dritten Mal zur Klinik nach Donaustauf, in der Hoffnung, die Leiden zu lindern.
Irgendwann ist es nicht mehr auszuhalten, dann kracht es.Claudia Müller
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