Tod ohne Leiche

Im Adressbuch der Stadt gilt Dr. Heinrich Seltmann als alleiniger Bewohner der Seltmann-Villa. Seit 1991 ist der Chemiker verschollen. Bild: Götz
Politik
Weiden in der Oberpfalz
15.07.2015
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Dr. Heinrich Seltmann ging früh seine eigenen Wege. Die Familie, die Fabrik in Weiden konnten ihn nicht halten. Ihn lockte Berlin, die weite Welt. Doch ob er noch lebt, wo er sich aufhält, darüber rätselt nicht nur die Familie, sondern auch das Amtsgericht Weiden. Es leitete nun das Verfahren ein, um ihn für tot erklären zu können.

Das Schicksal des 1926 in Berlin geborenen Sprosses der Fabrikanten-Dynastie Seltmann blieb immer ein Thema, das als "familienintern" behandelt werden wollte. Darum ist in Weiden über sein Leben und Wirken so gut wie nichts bekannt. Mal lebte er angeblich im Ausland, mal in Berlin. Vertrauten Gästen zeigte seine Mutter, die 2005 im Alter von 102 Jahren verstorbene Weidener Ehrenbürgerin Maria Seltmann, "das Zimmer vom Heinrich". Tatsächlich ist Dr. Heinrich Seltmann auch im jüngsten Adressbuch der Stadt Weiden als Bewohner der Seltmann-Villa, Christian-Seltmann-Straße 68, ausgewiesen. "Wir hatten keine Anweisung, diesen Eintrag zu ändern", verlautet dazu aus dem Unternehmen. Seit über einem Jahrzehnt ist die Seltmann-Villa, inzwischen unter Denkmalschutz gestellt, jedoch gänzlich unbewohnt.

Nicht auffindbar

Auch bei der Gründung der Maria-Seltmann-Stiftung zum 5. Dezember 1993, in die die Unternehmerin zu ihrem 90. Geburtstag einen Großteil ihres Privatvermögens einbrachte, war der Sohn nicht auffindbar. Die Seltmann-Stiftung geht davon aus, dass die Todeserklärung von Dr. Seltmann ohne Auswirkungen auf das Stiftungsvermögen bleibt. Nicht Staatsanwaltschaft oder Gericht, sondern Familienangehörige stellten den Antrag, den seit 1991 verschollenen Chemiker für tot zu erklären.

Als Todeszeitpunkt wird dabei der 31. Dezember 1994, 24 Uhr, angenommen. Dies entspreche genau den Vorgaben des "Verschollenheitsgesetzes", das zwar aus dem Jahr 1939 stammt, aber immer noch gültig ist, betont Markus Fillinger, Sprecher des Landgerichts Weiden. Derartige Verfahren seien inzwischen "äußerst selten" geworden. "Wir liegen wohl bei einem Vorgang im Jahr."

Meist gründeten die Ursprünge für einen Antrag immer noch in den Kriegswirren. Dabei gelte es, Erbauseinandersetzungen zu klären. Die Verfahren würden nur auf Antrag eingeleitet. Die Todeserklärung sei zulässig, so regele es Paragraf 3, "wenn seit dem Ende des Jahres, in dem der Verschollene nach den vorhandenen Nachrichten noch gelebt hat, zehn Jahre, oder wenn der Verschollene zur Zeit der Todeserklärung das 80. Lebensjahr vollendet hätte, fünf Jahre verstrichen sind". Dr. Seltmann würde am 26. Oktober 2015 bereits 89 Jahre alt werden.
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