Verschleppungsabsicht im Betrugsprozess gegen Wolfgang S.?
Die unendliche Geschichte

Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf (links) wäre bereit für sein Plädoyer. Nur kam er bisher nicht zum Zug: Die letzten drei Verhandlungstage beschäftigte sich das Gericht mit 14 Beweisanträgen der Verteidiger. Weitere sind angekündigt. Bild: Hartl

Eigentlich hätte im Betrugsprozess gegen Wolfgang S. (68) am Dienstag Staatsanwalt Hans-Jürgen Schnappauf plädieren sollen. Daraus wurde wieder nichts. Verteidiger Jörg Jendricke zauberte fünf Beweisanträge aus dem Hut. Unter anderem will er Vorstandsvorsitzende internationaler Banken als Zeugen sehen.

(ca) Für vorsitzenden Richter Walter Leupold war damit am 44. Verhandlungstag die Geduld erschöpft. Beweisanträge sollen der Wahrheitsfindung dienen. "Ich frage mich, warum eine solche Wahrheitsermittlung kurz vor Torschluss erfolgt? Wir hatten neun Monate Zeit."

Jendricke wies "eine Verschleppungsabsicht" von sich: "Das lasse ich mir nicht andichten." Und außerdem: "Das sind die fünf Anträge - für heute." Mehr habe er in der vierwöchigen Pause "nicht geschafft": "Ich habe noch andere Verfahren, und ich muss zwischendrin auch mal schlafen." Leupold konterte: "Ich kann Ihnen mein Büro zeigen. Da hängt auch keine Hängematte."

Die Strafkammer mit Leupold und den Richtern Markus Fillinger und Dr. Marco Heß lehnte am Nachmittag die Beweisanträge wie erwartet ab. Von den Bankdirektoren sei "nichts Relevantes" zu erwarten. Drei der weiteren gewünschten Zeugen - darunter der Amberger Finanzberater Reiner H. - sind schon einmal gehört worden. Reiner H. machte damals schon von seinem Aussageverweigerungsrecht Gebrauch (er sitzt in U-Haft) - und er würde das aller Wahrscheinlichkeit nach wieder tun. Der Überweisungsbeleg, zu dem diese drei aussagen sollten, überzeugte Leupold auch nicht: Demnach flossen 27 Millionen Dollar von einer Firma "Luroapex" an Wolfgang S. Wer "Luroapex" im Internet sucht, landet in einer Datenbank für Fake-Firmen.

Trotzdem schart sich im Zuhörerraum noch immer eine Handvoll treuer "Jünger" des Angeklagten, die nicht vom Glauben an die Millionen abgefallen sind. Einer mokierte sich in einer Pause über die selbstbewusste Verhandlungsführung des vorsitzenden Richters. Nach der Fortsetzung ließ er das Tonband seines Handys mitlaufen - und wurde prompt von einem Polizeibeamten ertappt.

Verteidiger Jendricke widersprach nach der Sitzung dem Eindruck, seine Anträge würden zur Wahrheitsfindung wenig beitragen. Die Zeugen, die er möchte, seien durchaus relevant: "Ich stelle ja keine Anträge, dass ich Kasperle, Hexe und Krokodil hören will." Der zweite Verteidiger, Helmut Miek, am Dienstag aus persönlichen Gründen verhindert, hat für den heutigen Mittwoch ebenfalls weitere Beweisanträge angekündigt. Damit ist absehbar, dass es diese Woche nichts mit den Plädoyers wird - geschweige denn mit einem Urteil.
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