Weiden: Kinderhaus im Visier der Sparkommissare - Gefahr zur Schließung
Tohuwabohu um Defizit

Die Eltern vergeben alljährlich Bestnoten für das pädagogische Konzept, die Arbeit der Erzieherinnen - und Spitzennoten für die Küche des "Tohuwabohu". Jetzt wird auch im Kinderhaus, als Kindertagesstätte eigentlich ein "Non-profit-Unternehmen", jeder Euro umgedreht. Bild: Huber
Politik
Weiden in der Oberpfalz
27.01.2015
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So schnell kann es gehen. Das städtische Kinderhaus "Tohuwabohu", Vorzeigeeinrichtung mit Vorbildcharakter, ist ins Visier der Sparkommissare geraten. Zum einen hat der Kommunale Prüfungsverband das hohe Defizit moniert. Zum anderen hat der Stadtrat die Verwaltung beauftragt, einen Trägerwechsel zu prüfen. Sprich: das "Tohu" zu verkaufen.

Das ist bitter. 125 Kinder - von einem Jahr bis zum Grundschulalter, nicht wenige aus sozial schwachen Familien - besuchen das Kinderhaus, das so oft schon Vorreiter war. Das "Tohuwabohu" gründete eine der ersten Krippengruppen. Es war und ist die einzige Kita der Stadt, in der täglich frisch gekocht wird. Das "Tohu" betreut behinderte und nicht behinderte Kinder gemeinsam. Es bietet mit die längsten Öffnungszeiten Weidens: von 7 bis 17.30 Uhr, auch freitags, gebucht von Berufstätigen und Alleinerziehenden.

All das kommt jetzt auf den Prüfstand. Jugendamtsleiterin Bärbel Otto ist angewiesen, potenzielle Träger anzuschreiben. Adressaten sind die Kirchen und die Arbeiterwohlfahrt. Bis Oktober soll das Kinderhaus zudem ein Konzept vorlegen, ob und wie die Küche weiter betrieben werden kann.

Denn: All diese Errungenschaften kosten zusätzlich. "Wenn ich eine Vollzeitkraft von 8 bis 16 Uhr einstellen kann, ist das sicher günstiger als unser Schichtbetrieb", sagt Jugendamtsleiterin Bärbel Otto, die Vorgesetzte für das Kinderhaus mit seiner Leiterin Diplom-Sozialpädagogin Doris Schörner. Ohne eigene Küche kann laut Rechtsdezernent Hermann Hubmann (in sein Dezernat 3 fällt das Kinderhaus) eine fünfstellige Summe eingespart werden.

Von der Politik bekommen die engagierten Erzieherinnen und ihre Chefin wenig Schützenhilfe. "Fakt ist: Das Tohu ist wesentlich teurer als andere Kindergärten", sagt SPD-Fraktionsvorsitzender Roland Richter. Das Defizit lag zuletzt bei 200 000 bis 300 000 Euro. Der städtische Betriebskostenzuschuss an andere Kindergärten belief sich auf 0 bis 45 000 Euro. "Wir müssen sehen, ob wir das in den Griff bekommen." Die Trägerschaft zu halten, hält Richter für möglich. "Aber die Küche?"

CSU-Fraktionsvorsitzender Wolfgang Pausch stößt in das gleiche Horn. "Man hat festgestellt, dass die anderen Träger ihre Kindergärten wesentlich günstiger betreiben." Ein Trägerwechsel - warum nicht? "Ob Kirche oder AWO, beide können es gut." Die Vorzüge des "Tohuwabohu" wolle er gar nicht schmälern: "Die machen alles. Aber es muss halt auch finanzierbar sein."

Jugendamtsleiterin Bärbel Otto führt die hohen Kosten vor allem auf die Immobilie zurück. "Alles ist Holz, nichts ist nach DIN." Das sei "wunderschön". "Aber eine Reparatur ist immer eine Katastrophe." Runde und schiefe Fenster, Parkettboden, kurvige Wände, Winkel und Ecken: Das verursache überdurchschnittlich hohe Instandhaltungs-, Reinigungs- und Hausmeisterkosten.

"Aus einer anderen Zeit"

"Das Tohu kommt aus einer anderen Zeit", meint SPD-Fraktionschef Richter: "Damals waren alle begeistert." Geplant von Architekt Heiner Schreml, hat die Stadt unter OB Hans Schröpf das architektonisch einzigartige Kinderhaus 1996 eingeweiht. Bürgermeister Lothar Höher (CSU) wünscht sich "mehr Ruhe" in der Spardebatte: "Jedes Thema, das momentan diskutiert wird, führt zum Riesenaufstand." Ein Entscheidungsprozess in einer Demokratie dauere, erfolge "nicht Knall auf Fall". Am Ende findet sich in Höher doch noch ein Streiter für das "Tohu". Seine Meinung: "Wir haben das ,Tohuwabohu' nicht gebaut, um es einem privaten Träger zu übergeben."
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