Weidener Deutschtürken über das Referendum in der Türkei
Sie hätten mit "Nein" gestimmt

Teilnehmer einer Wahlparty der Cumhuriyet Halk Partisi versammeln sich am Sonntag in Berlin. In Weiden ist die Stimmung unter den Türken nicht so gut. Vier von ihnen versuchen das Wahlergebnis zu erklären. Bild: dpa
Politik
Weiden in der Oberpfalz
19.04.2017
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"Die anatolische Bevölkerung will einen Helden." Ersan Uzman über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan

Vier Deutsch-Türken in Weiden sind sich einig: Mit dem Ausgang des Referendums sind sie nicht zufrieden. Sie versuchen zu erklären, warum ihre Landsleute Erdogans Präsidialsystem unterstützen.

"Ich hätte mit Nein gestimmt", sagt Ersan Uzman. "Das Präsidialsystem mag ich nicht." Uzman, der die türkische Staatsbürgerschaft abgelegt hat, durfte nicht wählen. Seine Frau und sein Sohn haben laut Uzmans Aussage beim Referendum "Nein" angekreuzt. 90 Prozent der Leute, die in Deutschland dafür gestimmt hätten, würde nicht wissen, worum es dabei eigentlich geht, ärgert sich der ehemalige Busfahrer und Ofenmaurer. "Die Türken wissen nicht, was sie angerichtet haben", sagt auch Firuz Puran, Geschäftsführer der gleichnamigen Personalleasing-Firma. Türkische Bürger, die für die Verfassungsänderung gestimmt haben, "sollen in die Türkei gehen", so der 44-Jährige. Sie würden oft nicht wissen, wie es ist, dort zu leben. Die Meinungsfreiheit zum Beispiel schätze er sehr, versichert der gebürtige Weidener. Wählen durfte er nicht, aber bereits in den 90er Jahren habe Puran die Partei AKP für ihre radikalen Pläne kritisiert.

"Die anatolische Bevölkerung will einen Helden", meint Uzman. In Recep Tayyip Erdogan hätten sie ihn gefunden. "Aber für mich ist er der falsche Held. Ich traue ihm und dem Präsidialsystem nicht." Bei dieser Regierungsform hätte ein einzelner Mensch zu viel Macht, das könne nicht gut gehen, sagt der Deutsch-Türke. Er befürchtet, dass es noch schlimmer kommen könnte und erinnert gar an Adolf Hitler.

"Absolut nicht zufrieden" mit dem Ausgang des Referendums ist auch Yusuf Kabakulak. Er denkt, dass die Wahl manipuliert wurde. Der Geschäftsmann, der seit 1978 in Deutschland lebt, ärgert sich, dass ein solch wichtiger Entschluss mit der knappen Mehrheit von 51,4 Prozent gefällt werde. Im türkischen Parlament sei für die Verfassungsänderung eine Zweidrittel-Mehrheit nötig, erläutert er.

Manipulation in Nürnberg


"Das ist keine demokratische Entscheidung gewesen", sagt Kabakulak, der das Schmuckgeschäft Kaba betreibt. Zum Beispiel seien Kurden von der türkischen Polizei unter Druck gesetzt worden, um mit "Ja" abzustimmen. Als die Wahl der Deutsch-Türken vor Wochen in Nürnberg stattfand, fuhr der Geschäftsmann hin, um sich die Abstimmung anzusehen. Mitmachen durfte er nicht, auch Kabakulak besitzt keinen türkischen Pass mehr. "Selbst da ist es nicht mit rechten Dingen zugegangen", erzählt er. Denn auch dort sei großer Druck auf Erdogan-Kritiker ausgeübt worden. Viele hätten sich nicht getraut, auf dem Wahlschein "Nein" anzukreuzen.

Der Juwelier erkennt Probleme der Deutsch-Türken. Viele hätten hier nicht Fuß gefasst. Als Gastarbeiter nach Deutschland zogen, habe der Staat nicht viel unternommen, um sie zu integrieren und ihnen die Sprache beizubringen. "Sie wurden nur als Arbeitskraft gesehen." Bei den Flüchtlingen, die in jüngster Zeit in der Bundesrepublik ankamen, sei das anders.

Abdullah Ugur sieht das ähnlich. Auch er macht schlecht integrierte Deutsch-Türken für das deutliche Ergebnis von 63,1 Prozent der Ja-Stimmen aus der Bundesrepublik verantwortlich. "Die türkische Bevölkerung fühlt sich hier als zweite Klasse behandelt", sagt er. Viele würden denken, nicht richtig dazuzugehören. Doch das stimme nicht, findet Ugur, der 1978 als Jugendlicher in die Bundesrepublik kam und seit 1989 bei Witt Weiden arbeitet. Viele Jahre lang hat er den türkischen Arbeiterkulturverein in Weiden geleitet. In Deutschland würden alle Menschen gleich behandelt, sagt Ugur. Nur in Einzelfällen würde es nicht so sein. "Integration funktioniert nicht von einer Seite aus. Beide Seiten müssen offen dafür sein", erklärt der Witt-Mitarbeiter.

Gegen die Todesstrafe


Kabakulak möchte ebenfalls den Fehler nicht nur bei der Politik suchen. "Es gibt auch Menschen, die sich nicht integrieren lassen, weil sie zu stolz auf ihre Herkunft sind", sagt der Pressather. Er selbst zähle sich nicht dazu. "Ich bin mehr Oberpfälzer als manch anderer Oberpfälzer." Türkische Politiker hätten sich um ihre Landsleute im Ausland lange nicht gekümmert. Erdogan nehme diese Gruppe wahr und gehe auf sie ein, erläutert Kabakulak. Für die Zukunft wünsche er sich, dass die Integration der Türken in Deutschland besser funktioniere.

Zu einem möglichen Referendum über die Wiedereinführung der Todesstrafe in der Türkei sagt Ugur: "Erdogan ist ein typischer Politiker, der keine Verantwortung übernehmen will". Statt das vom Volk gewählte Parlament darüber entscheiden zu lassen, sollten möglicherweise wieder die Bürger abstimmen. Dann könne Erdogan sagen: "Das Volk wollte es so." Puran vermutet, dass der Ausnahmezustand in der Türkei verlängert worden sei, um Proteste nach dem Referendum sofort zu unterbinden. Auch die Todesstrafe könnte Erdogan dafür nutzen, Kritiker einzuschüchtern und verschwinden zu lassen.

Selbst da ist es nicht mit rechten Dingen zugegangen.Yusuf Kabakulak über die Abgabe der Stimmen in Nürnberg


Die anatolische Bevölkerung will einen Helden.Ersan Uzman über den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan
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