Wochenende für Familien suchtkranker Kinder
Eltern im toten Drogen-Winkel

Kümmern sich um die Angehörigen von Suchtkranken: Jutta Carrington-Conerly, Präsidentin der Lions "Goldene Straße" und Suchtberater Gerhard Krones. Bild: Herda
Politik
Weiden in der Oberpfalz
03.11.2016
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Die im Dunkeln sieht man nicht: Wenn bei einem Drogenfund die Handschellen klicken, wird das medial grell beleuchtet. Die Eltern der Suchtkranken aber, die jahrelang um ihr Kind kämpfen, verschwinden im toten Winkel.

Wieder einmal klingelt die Polizei. Die Nachbarn in dem kleinen Ort nahe der tschechischen Grenze beobachten die Szene verstohlen hinter Vorhängen. Der 18-jährige Mario (Name geändert) verschwindet fast zwischen den zwei Streifenpolizisten. Resigniert steht Vater Hans in der Tür, Mutter Jana hat Tränen in den Augen, und Schwester Franzi schämt sich in Grund und Boden. Ihr Bruder hat es schon wieder getan - einen Bruch für seine Sucht.

Eltern im Mittelpunkt


Rund 4000 Mütter, Väter und Geschwister in der nördlichen Oberpfalz kennen den oft jahrelangen Teufelskreis: Die Beteuerung des Kindes, den Drogenkonsum im Griff zu haben, Abstürze, Versprechen, Rückfälle. Nichts, was nicht schon gesagt worden wäre. Kein Vorwurf, den man sich erspart hätte. Was bleibt, ist erschöpfende Ohnmacht. "Es ist das größte Defizit im Hilfesystem", bedauert Gerhard Krones, Initiator von "Need no Speed" "dass die Angehörigen als Hauptleidtragende kaum wahrgenommen werden." Der Weidener Sozialpädagoge stellt sie in den Mittelpunkt des zweiten "Familienwochenendes für Eltern drogenkranker Kinder" - gesponsert vom Lions Clubs "Goldene Straße". In Waldecks idyllischen Hollerhöfen konnten sich 17 Mütter und Väter aus der Oberpfalz und erstmals auch aus Westböhmen ihre Ängste, Sorgen und Wut von der Seele reden.

"Es war wunderbar mitanzusehen, wie sie sich geöffnet haben", sagt Jutta Carrington-Conerly, Präsidentin der örtlichen Lions. "Es sind ganz viele Tränen geflossen - auch bei uns." Für die Anwältin war es faszinierend zu sehen, wie "Gerhard Krones mit seiner Art" die Betroffenen aus der Reserve gelockt habe. "Es war ein sehr emotionales Wochenende und es ist gut zu wissen, dass unsere finanzielle Unterstützung so eine befreiende Wirkung haben kann."

Zunächst habe es Bedenken gegeben, auch tschechische Eltern dazuzuladen. "Viele bringen das Nachbarland mit dem Ort in Verbindung, wo das Unheil für ihre Kinder begann - dem Vietnamesenmarkt, wo Crystal-Speed günstig zu kaufen ist. "Was können die tschechischen Eltern dafür?", fragte Krones rhetorisch. "Die unberechtigten Vorwürfe waren schnell ausgeräumt."

Die gemeinsamen Sorgen überwiegen, das pädagogische Trio mit den Suchtberatern Tomás Brejcha, Katerina Vickers und eben Gerhard Krones stellten von Beginn an den Begriff prátelství (Freundschaft) als Motto über den lockeren Austausch. "Erst haben wir uns mit Händen und Füßen verständigt, und dann hat die Übersetzerin einen super Job gemacht", lobt Krones. Sie habe sich so in die Menschen hineingedacht, dass sie sich selbst von den Schicksalen mitreißen habe lassen.

Sie nahm seine Hand


Gemeinsam sei allen Familien, dass die meisten Kinder über 30 gewesen seien, sich die Suchtkrankheit chronisch seit vielen Jahren verfestigt habe - und die Eltern kaum Kontakt zu Beratungsstellen hätten. "Wir konnten manche, die schon aufgegeben hatten, wieder neu motivieren", freut sich Krones. Und Carrington-Conerly ergänzt: "Paare, die schon kurz vor der Trennung standen, hielten sich wieder bei der Hand." Krones sei es in seinen Aufstellungen gelungen, Familienkonstellationen offenzulegen, die das Suchtverhalten begünstigten. Psychische Krankheiten können mit gestörten Beziehungsmustern des Systems Familie einhergehen. Um den Ursachen auf den Grund zu gehen, stellen Platzhalter wie Stühle oder Schränke abwesende Familienmitglieder dar. "Es war beeindruckend", schildert Carrington-Conerly, "wie ein tschechischer Teilnehmer voller Zorn am Schrank rüttelte, der seinen Vater darstellte."

Wichtig ist Krones, den Familien konkrete Hilfestellungen zu bieten. "Drogenkonsum ist der Versuch einer Lösung für das diffuse Gefühl des Unbehagens", erklärt der Psychotherapeut. "Oft findet kaum Kommunikation statt, die Familienkonflikte drehen sich in der Schleife." Konkreter Tipp des Beraters, um eine klare Grenze zu ziehen: "Jetzt ist ein Punkt erreicht, wo ich am Ende meiner Kräfte bin", sollten die Eltern ihren Kindern erklären, "deshalb ist es besser, du wohnst eine Zeit lang nicht mehr bei uns - aber wir sind als Papa und Mama weiter für dich da."

Das verhindere quälende Schuldgefühle. Ein Erfolgserlebnis: "Ein Vater hat mir erzählt, sein Sohn habe ihm später gesagt, er habe das nicht als Strafe verstanden. Er sei dadurch vor die Entscheidung gestellt worden - so weiterzumachen oder das Leben wieder in den Griff zu bekommen." Der Sohn ist heute clean.
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