Ein Mann, ein Boot

Leif Zimmermann mit seiner Tochter Madita auf dem Hochrhein. Bilder: hfz (2)
Sport
Weiden in der Oberpfalz
07.01.2016
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Kanu, Zelt und Kocher: Leif Zimmermann nimmt nur das Nötigste auf seine Reisen mit.

Einfach losfahren und alles hinter sich lassen: Lehrer Leif Zimmermann verbringt den Großteil seiner Freizeit auf den Flüssen Mittel- und Osteuropas. Für seine Lebensleistung wurde er vor kurzem vom Deutschen Kanuverband ausgezeichnet. Was für ihn den Reiz des Kanufahrens ausmacht, verrät er im Gespräch mit dem "Neuen Tag".

Sportlicher Ehrgeiz gehört für Dr. Leif Zimmermann ebenso dazu wie das Abenteuer Einsamkeit. 4503 Kilometer ist er in der vergangenen Saison gepaddelt. Das entspricht ziemlich genau der Länge des Mekong. Um sich das mal vorzustellen: Der zehntlängste Fluss der Erde entspringt im tibetischen Hochland, markiert fast den gesamten Grenzverlauf von Laos und Thailand und mündet schließlich in Südvietnam bei Ho-Chi-Minh-Stadt (früher Saigon) ins Südchinesische Meer. Diese Distanz hat Zimmermann in der abgelaufenen Saison bewältigt.

Insgesamt paddelte der Hirschauer, der an der FOS/BOS in Amberg unterrichtet, in acht Ländern auf 28 verschiedenen Gewässern. Damit hat er eine persönliche Bestleistung aufgestellt und für den Kanu-Weiden e.V. - hier ist er als Übungsleiter sowie Familien- und Jugendwart aktiv - den ersten Platz beim Wanderfahrer-Wettbewerb des Bayerischen Kanuverbands geholt.

Abzeichen für 40 000 km


Zimmermann begeisterte sich schon als Kind für Flüsse. Immer hat er bei seinen Touren ein Fahrtenbuch geführt. Kilometer um Kilometer brachte er sich so dem ehrgeizigen Ziel näher: 2015 ist er nicht nur am weitesten von allen Bayern gepaddelt, er bekam auch das seltene Globus-Abzeichen des Deutschen Kanu-Verbands. Nur etwa 300 Kanufahrer haben das bisher erhalten. Sie müssen dafür nachweislich 40 000 Kilometer zurückgelegt haben. Zimmermann hat das noch vor seinem 50. Geburtstag geschafft.

"Die Längen ergeben sich vor allem durch die Mehrtagestouren", sagt er. Seit vielen Jahren verbringt er den Großteil seiner Freizeit im Boot. "Allerdings mit Unterbrechungen." Tagelang ist er alleine auf Flüssen unterwegs. Mit dabei nur das Nötigste. Sein Zelt baut er oft erst spät abends an einem einsamen Ufer auf. Bei Sonnenaufgang startet er wieder, paddelt dem neuen Tag entgegen. "Ich mache das aus Ehrgeiz", sagt er. "Das ist auch eine sportliche Herausforderung." Es habe einfach eine andere Qualität, nur mit Zelt und Boot unterwegs zu sein. Den Kanuten fasziniert, welche Distanzen er aus eigener Kraft überwinden kann.

Beim Zelten verlässt er sich auf die Duldung seiner Mitmenschen. Das funktioniere zwar immer ganz gut, sagt Zimmermann. Wenn es möglich sei, campe er aber auch offiziell oder übernachte bei Kanufreunden. Nur einmal ist er bisher in Schwierigkeiten geraten: In Kroatien hat ihn die Polizei kurz festgenommen. Nach einigen Stunden kam er aber auch da wieder auf freiem Fuß.

Abenteuer-Romantik


Neben der Abenteuer-Romantik, die er beim Zelten am Fluss verspürt, gibt es für den bayerischen Meister im Wanderfahren auch eine klare Notwendigkeit: Durch das Übernachten nahe am Fluss lassen sich in möglichst kurzer Zeit lange Strecken zurücklegen. Der erfahrene Kanute durchquert dabei genauso Wildwasser-Abschnitte wie langsame Teilstücke. "Ich nehme alle Bereich mit, wenn's irgendwie geht. Ich will möglichst viel von dem Fluss mitnehmen. Die Wildwasserfahrer sind sich dafür ja oft zu schade."

Dieses Jahr ist er die Save ab Sisak in Kroatien gepaddelt. Der Fluss bildet die Grenze zwischen Kroatien und Bosnien-Herzegowina und mündet bei Belgrad in die Donau. Zwei Mal war er auch in Polen: Einmal befuhr er die Oder von Breslau aus bis zur Mündung, ein zweites Mal die Warthe vom Städtchen Konin aus bis zur deutschen Grenze.

Auch den Rhein ist er vom Bodensee bis hinter Mannheim gepaddelt. "Zum Abschluss bin ich dann noch fast routinemäßig die gesamte Elbe ab der deutsch-tschechischen Grenze gefahren", sagt Zimmermann. "Das war im September. Da ist es schon kritisch geworden mit dem Wetter." Zu seiner Rekorddistanz für dieses Jahr zählt auch eine Umrundung der Halbinsel Istrien in der Adria. Dort ist er mit einem Seekajak unterwegs gewesen. "Die sind schnell und weniger windanfällig."

Im vergangenen Sommer paddelte er auch von Bad Reichenhall nach Passau. "Eine interessante Strecke mit verschiedenen Anforderungen. Das geht so in zweieinhalb Tagen", sagt Zimmermann. Zwar ist er dieses Jahr viele kurze Strecken gefahren, doch diese hebt er aus besonderem Grund hervor: Mittlerweile seien die Orte seiner Route wegen des Zustroms an Flüchtlingen alle in den Nachrichten. Es komme bei so langen Touren oft auf die äußeren Bedingungen an. Nicht jede Strecke lasse sich zu allen Zeiten fahren.

Flüsse auf Flüchtlingsrouten


Die Flüchtlingskrise beeinflusst Zimmermanns Leidenschaft: Flüsse sind oftmals Landesgrenzen. Zwischen Bosnien und Kroatien zu fahren, ist schwierig geworden, sagt der Kanute. Auch Grenzüberquerungen auf Flüssen würden heikler: Kanufahrer laufen Gefahr, als illegale Einwanderer angesehen zu werden. Die Grenzen werden stärker überwacht, kontrolliert oder sogar geschlossen. Ob Zimmermann die Freiheit in den osteuropäischen Gewässern in der nächsten Saison wieder so unbekümmert genießen kann, bleibt deshalb abzuwarten.
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