Fußball
In tiefer Sorge um SpVgg SV

Die schwarz-blaue Fahne hängt durch: Eine Fraktion ehemaliger Funktionsträger sieht die SpVgg SV Weiden auf einem unheilvollen Weg. Bild: G. Büttner
Sport
Weiden in der Oberpfalz
03.06.2016
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"Wir wollen wachrütteln." Zitat: Thomas Binner, ehemals techischer Leiter der SpVgg SV Weiden
 
SpVgg-SV-Vorsitzender Kurt Haas ist sauer: Was ehemalige Vereinsmitarbeiter als Sorge um den Verein beschreiben, sind für ihn nichts anderes als Querschüsse und Störfeuer. Bild: A. Schwarzmeier

Eines schickt das Quintett vorweg: Um einen "persönlichen Rachefeldzug" handele es sich bei seinem Vorstoß nicht. Alleine die Sorge um die SpVgg SV Weiden bewege es dazu, den Weg an die Öffentlichkeit zu gehen. Im Fadenkreuz der Kritik steht die Vereinspolitik, allen voran Sportvorstand Philipp Kaufmann.

Es sind in Fußballerkreisen bekannte Namen, die fast schon inständig vor einer Entwicklung warnen, "die der Verein schon einmal vor der Insolvenz 2010 durchgemacht hat". Und dies auf zwei DIN-A4-Seiten, beide eng beschrieben und von folgenden Personen unterzeichnet: Thomas Binner (ehemals technischer Leiter), Hakan Boztepe (Ex-Trainer der zweiten Mannschaft), Alexander Lang (ehemals Teammanager der "Zweiten"), Stephan Landgraf (Ex-Pressesprecher) und Bekim Kastrati (Gönner und Sponsor). "Wir wollen wachrütteln", sagt Binner.

"Der Anfang vom Ende?" lautet der drastische Titel des Brandschreibens an die Sportredaktion. Genauso unmissverständlich und deutlich geht es im Inhalt weiter. "Nochmals einen zurückgelassenen Scherbenhaufen wie nach der Pleite vor sechs Jahren aufzuräumen, erscheint nahezu unmöglich", heißt es darin. Die Verfasser greifen Kaufmann massiv an, werfen ihm vor, sich profilieren zu wollen, personelle Strukturen im Verein zu untergraben und sich lang gedienter Vereinsmitarbeiter zu "entledigen". "Das Fundament der engagierten und mit schwarz-blauen Herzen ausgestatteten Mitarbeiter wird nach und nach weiter ausgedünnt", prangert die Oppositionsgruppe an.

Reserve: Alle weg


Aufgeschreckt hat Binner und Co. unser Zeitungsartikel vom 11. Mai. Darin hatte Kaufmann offen gelassen, ob die SpVgg SV Weiden in der kommenden Saison mit einer zweiten Mannschaft antreten werde. Aus gutem Grund, denn der personelle Aderlass ist immens. Aus dem bisherigen Kreisliga-Kader ist nach NT-Informationen so gut wie kein Spieler bereit, weiterhin das SpVgg-SV-Trikot zu tragen. Zu tief ist dem Vernehmen nach im Team die Enttäuschung, dass die "Reserve" im Verein links liegen gelassen werde. "Die Spieler sind alle weg", bestätigt nun Binner.

Spätestens jetzt, so heißt es in dem Schreiben an die Redaktion, sollten bei den SpVgg-SV-Verantwortlichen "die Alarmglocken schrillen: "In der langen und traditionsreichen Geschichte der alten SpVgg und des Nachfolgevereins SpVgg SV war es noch nie der Fall, dass der Klub ohne eine zweite Mannschaft in eine Saison gegangen ist." Sich nur auf die erste Mannschaft zu stützen, sei "fatal. Vor allem dann, wenn, wie derzeit bei der SpVgg SV Weiden der Fall, nicht ehrlich mit offenen Karten gespielt wird".

Das von der Vereinsseite favorisierte Konzept, Jugendliche aus dem Nachwuchsleistungszentrum in den Seniorenbereich hochzuziehen und damit doch noch eine zweite Mannschaft stellen zu können, halten die Ex-Mitarbeiter "von vorneherein zum Scheitern verurteilt". Nach dem Aufstieg in die Landesliga Nord seien die A-Junioren dort nachhaltig in den Spielbetrieb eingebunden. Zudem tendiere das Interesse der eigenen Talente am Umstieg in eine zweite Mannschaft "gegen Null". Demnach seien zu einem Sondierungsgespräch 33 mögliche U19-Kandidaten eingeladen worden, aber gerade einmal 7 erschienen.

"Zweite" ein Muss


Die Beschwerdeführer halten eine zweite Mannschaft für einen Bayernligaverein wie die SpVgg SV Weiden für unverzichtbar. Als Beispiele führen sie den FC Amberg oder auch SSV Jahn Regensburg an, die ihre Reserven in höheren Regionen platziert haben. Die Bezirks- oder eventuell sogar Landesliga bewerten sie als "perfekten Unterbau" und "Sprungbrett" für die eigenen Junioren oder auch für Verletzte aus dem Bayernligateam, die wieder Spielpraxis erlangen müssen. Dass dies "mehr oder minder kostenintensiv" sei, räumen Binner und Co. ein. Konzepte dazu seien aber von den "inzwischen entlassenen Mitarbeitern" bereits vor zwei Jahren erstellt worden. Allerdings seien diese von der SpVgg-SV-Vorstandschaft "leider nie weiter verfolgt worden".

Wir wollen wachrütteln.Thomas Binner, ehemals techischer Leiter der SpVgg SV Weiden

"Vorwürfe völlig aus der Luft gegriffen"


Kurt Haas beschreibt sich selbst als jemand, der "viel einstecken kann". Aber nach den jüngsten Vorhaltungen reißt ihm der Geduldsfaden. "Das ist die Binner-Truppe, die sich da zusammenrottet", ärgert sich der Vorsitzende der SpVgg SV Weiden über "Störfeuer" und "Vorwürfe, die aus der Luft gegriffen sind". Der Klub-Boss lässt, konfrontiert mit dem "Brandbrief" ehemaliger Vereinsmitarbeiter (siehe Text oben), Dampf ab. Und zwar richtig: "Die scheinheilige Art dieser Leute geht mir gegen den Strich. Die haben nur im Auge, der SpVgg SV zu schaden."

Die Angriffe auf Sportvorstand Philipp Kaufmann stuft Haas an der Grenze zur Rufschädigung ein: "Im Prinzip ist dieser Brief nur dazu da, um Philipp Kaufmann zu beschädigen." Die Attacke ziele zudem völlig an den Realitäten vorbei. "Der Sportvorstand kann ja die Dinge überhaupt nicht alleine bestimmen. Wir haben bei der SpVgg SV einen siebenköpfigen Vorstand, der demokratische Entscheidungen trifft", betont Haas. Und schiebt nach: "Wir sind bestimmt keine Volldeppen."

Zu anderen Spielregeln


So mancher der Kritiker, so Haas, habe die Möglichkeit gehabt, weiter im Verein mitzumachen. "Ja, durchaus zu anderen Spielregeln", räumt der Vorsitzende ein, "aber die Chance war da." Zum Beispiel für Thomas Binner. "Er macht viel und vieles gut, aber auch das, was er will. Und das hat seine Schattenseiten", schießt Haas zurück. Gleichzeitig gibt er den Schwarzen Peter an Thomas Binner weiter: "Er hatte für sein Amt eine neue Funktionsbeschreibung vorliegen, war aber nicht bereit, sich einzuordnen. Da ist er gegangen." Haas betont: "Freiwillig."

Auch die restlichen Unterzeichner bekommen ihr Fett weg. Die Trennung von Reserve-Trainer Hakan Boztepe? "Ganz normal im Fußballgeschäft", meint Haas. Der Abgang von Alex Lang als Betreuer der 2. Mannschaft? "Uns hat er mitgeteilt, dass er sowieso aufhören wollte." Der Zwangsabschied von Pressesprecher Stephan Landgraf? "Durchaus ein Kostenfaktor", räumt Haas ein. " Außerdem hat er sich mit seinen vielen Tätigkeiten, auch für den FC Amberg, aus unserer Sicht übernommen." Und Bekim Kastrati? "Ein Busenfreund von Thomas Binner ...", erklärt Haas knapp, aber vielsagend. Den Kritikern versichert er: "Die SpVgg SV funktioniert, auch im zwischenmenschlichen Bereich." Ein Extralob erhält der Sportvorstand: "Philipp Kaufmann hat Ideen und macht eine richtig gute Arbeit."

Bei der Diskussion rund um die zweite Mannschaft verwahrt sich Haas gegen Hysterie. "Wir alle wissen um die Wichtigkeit einer 2. Mannschaft. Und wir haben das klare Ziel, diese mit eigenen Nachwuchskräften aufzubauen." Vom Gelingen ist er überzeugt: "Ich glaube, dass wir das auf die Strecke bringen." Dass eine "Reserve" alleine aus A-Junioren keine praktikable Lösung sei, räumt der Vorsitzende jedoch ein. Er rechnet neben dem Gerüst aus A-Junioren mit "einigen Rückkehrern" sowie "vier, fünf Spielern" aus dem Bayernliga-Kader. Sie sollen künftig das Aufgebot der "Zweiten" ergänzen.

Notfalls noch Geduld


Die Forderung nach einem Wiederaufstieg in die Bezirksliga hält Haas indes für berechtigt und sieht sich zumindest hier "auf einer Linie" mit den Kritikern. "Die Kreisliga ist für einen ausgebildeten NLZ-Spieler nicht unbedingt das Maß aller Dinge", weiß der Vorsitzende. "Aber wir haben das Problem, dass unsere Jugendlichen bis zu 40 Kilometer entfernt wohnen. Wenn sie den Sprung in die Bayernliga nicht schaffen, ist die Versuchung groß, lieber in der Heimat zu spielen." Neuer Trainer soll Stefan Fink werden. "Er kann mit jungen Spielern und hat Erfahrung im Trainerbereich", sagt Haas und warnt - nun wieder ganz geduldig - vor zu hohen Erwartungen: "Notfalls müssen wir noch eine weitere Saison in der Kreisliga durchstehen."

Die scheinheilige Art dieser Leute geht mir gegen den Strich. Die haben nur im Auge, der SpVgg SV zu schaden.Kurt Haas, Vorsitzender der SpVgg SV Weiden



Noch nicht in Seenot - Kommentar von Alfred SchwarzmeierEine starke Bayernliga-Truppe, ein funktionierendes Nachwuchsleistungszentrum, geordnete Finanzen - es könnte eitel Sonnenschein herrschen bei der SpVgg SV Weiden. Stattdessen blitzt und donnert es, passend zur derzeitigen Großwetterlage.

Eine Handvoll Ex-Mitarbeiter warnt eindringlich davor, dass das Vereinsschiff zu kentern droht, wenn nicht das Ruder herumgeworfen wird. Der Schuldige für die angebliche Schieflage ist ausgemacht: Sportvorstand Philipp Kaufmann.

Seit einem Jahr gibt Kaufmann als Steuermann die Kommandos. Selbstbewusst, bisweilen forsch im Ton, aber auch konsequent und kostenorientiert. Der Ton aber macht die Musik: Einige Matrosen wittern Unehrlichkeiten und gehen von Bord.

Das meiste Vereinspersonal bleibt jedoch an Deck, findet es gut, dass Grenzen gezogen werden, klare Regeln gelten. Aktuell ist von Seenot wenig zu spüren. Die Zeit wird zeigen, ob der neu eingeschlagene Kurs das SpVgg-SV-Boot zusammenhält, es auch bei Unwetter in ertragreiche Gewässer bringt. Vor allem daran muss sich ja ein Steuermann messen lassen.
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