Oberpfälzer über die Schwimmkrise
Olympia-Teilnehmer Philipp Wolf: "Uns Deutschen fehlt da ein bisschen der Teamgeist"

Philipp Wolf in seinem Element: Bei den deutschen Kurzbahnmeisterschaften in Berlin am Wochenende ist der Altenstädter erstmals seit Olympia wieder am Start. Bilder: A. Schwarzmeier
Sport
Weiden in der Oberpfalz
16.11.2016
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Philipp Wolf (links) und sein ehemaliger Trainer Peter Dehling haben mit der Teilnahme an den Olympischen Spielen das große Ziel erreicht. Doch was folgt jetzt?

Den letzten Schliff hat er sich im Weidener Realschulbad geholt, dort, wo er seine ersten Schwimmzüge gemacht hat. Zwei Wochen vor Olympia bereitete sich Philipp Wolf hier im Sommer auf die Spiele vor. Seine Trainer von früher, Wolfgang und Peter Dehling, hatten jedes Detail im Blick.

Rio de Janeiro ist knapp 10 000 Kilometer von Weiden entfernt, gedanklich ist Philipp Wolf immer wieder mal dort. Der Altenstädter, der seit einigen Jahren für die SG Stadtwerke München startet, war einer der wenigen deutschen Schwimmer, die bei den Olympischen Spielen ihre Leistung abrufen konnten. In der 4x100-Meter-Staffel schwamm er persönliche Bestzeit. Am Ende reichte es für das Team nur zu Platz 11. Der 24-Jährige, der einst beim SV Weiden groß wurde, hat nicht nur gute Erfahrungen aus Brasilien mitgebracht. Zusammen mit seinem Jugendtrainer Peter Dehling blickt er auf Rio zurück. Beide suchen auch nach Gründen, warum es im deutschen Schwimmsport einfach nicht mehr läuft.

Hallo Philipp, wie groß ist schon wieder die Lust aufs Schwimmen? Am Wochenende gibt's in Berlin die deutschen Kurzbahnmeisterschaften ...

Wolf: Ich bin schon dabei, gehe über 100 Meter Freistil und 100 Meter Schmetterling an den Start.

Wie steht es da mit der Motivation, wenn man vor einigen Wochen noch bei Olympia am Start war?

Wolf: Es war allgemein ein bisschen schwierig nach den Spielen. Aber wenn dann der Alltag an der Uni wieder losgeht, braucht man auch den Sport als Ausgleich. Wobei zurzeit mit dem Umbau des Olympiabades in München die Trainingsbedingungen sehr schwierig sind.

Dehling: Nach so einer intensiven Phase mit Training und Wettkämpfen musst du runterkommen und dich wieder sammeln. Man verliert ja auch nicht so viel an Leistungsfähigkeit. Ich denke, 80, 85 Prozent sind noch da.

Hatten Sie nach Olympia Gedanken, mit dem Leistungssport aufzuhören?

Wolf: Ich schwimme schon weiter. Ich mache das ja schon sehr lange. Natürlich geht einem das Training manchmal auf den Geist. Ich würde auch vieles vermissen, wenn ich nicht weitermache.

Wie oft trainieren Sie jetzt schon wieder?

Wolf: Es ist nicht so, dass ich sechs bis acht Mal die Woche ins Wasser gehe. In Berlin nehme ich jetzt einfach mal teil, weil auch viele von meinem Verein dabei sind. Es gibt dort auch Staffelwettbewerbe. Aber ich habe da keine großen Erwartungen an die Wettkämpfe.

Olympia war wohl ein unvergessliches Erlebnis. Haben Sie schon Tokio 2020 im Visier?

Wolf: Ich sage jetzt nicht, dass Olympische Spiele noch mal ein Muss sind. Ich muss einfach mal schauen. Die WM nächstes Jahr in Budapest ist durchaus ein Ziel, auch die Universiade in Taiwan. Ich will aber auch mein Bauingenieur-Studium abschließen, den Bachelor machen.

Dehling: Ob Philipp bis Tokio weitermacht, kann man jetzt noch nicht sagen. Philipp muss entscheiden, ob er noch mal so viel investieren will. Im Sommer nächsten Jahres müsste er das Projekt Tokio schon angehen. Das muss er für sich entscheiden.

Wollte der Bundestrainer schon wissen, ob Sie weitermachen?

Wolf: Jetzt nach Olympia schleppt sich alles ein bisschen dahin. Auch der Bundestrainer sagte, wir sollen uns jetzt bis Jahresende sammeln. Dann will er wissen, wer weitermacht.

Ein neues Förderkonzept bei den olympischen Sportarten sieht vor, dass es weniger Olympiastützpunkte gibt. Zentralisierung ist das neue Zauberwort, auch im Schwimmen ...

Wolf: Für München wird sich nichts ändern, wir sind kein Olympiastützpunkt. Da sind jetzt viele Dinge geplant. Da heißt es zum Beispiel, die Sprinter sollten öfter mal zusammen trainieren. Aber man muss erst mal schauen, was da kommt.

Wenn Sie von Sprintern reden, steht bei Ihnen wohl ein Wechsel auf eine andere Strecke an.

Wolf: Gut möglich, dass ich künftig auch die 50 Meter Kraul schwimme. Bei 50 Meter braucht man im Training nicht so die Meter machen wie bei 400 Meter. Man muss da mehr im Kraftraum machen. Ich muss nicht zwei Stunden pro Einheit im Wasser sein, da reicht auch eine Stunde. Ich merke jetzt einfach auch, was im Krafttraining zu holen ist. Ich habe viel mit Gerd Gregor im Vitalis in Weiden gearbeitet. Dieses Krafttraining hat mir sehr viel gebracht.

Dehling: Wenn Philipp die kürzere Strecke trainiert, kann er auch an seiner Schwäche, der Grundschnelligkeit, arbeiten. Über die 100 Meter ist er auf den zweiten 50 Metern Weltklasse, auf den ersten 50 ist er einen Tick zu langsam.

In Tokio wäre Philipp 28 Jahre alt. Ist man da nicht schon zu alt als Schwimmer?

Dehling: Für einen Sprinter wäre dies das beste Alter, wenn man im Kopf nicht verbrannt ist. Aber die meisten sind da im Kopf verbrannt. Das heißt, sie können ihre Leistung nicht mehr bringen.

Bundestrainer Henning Lambertz sagte zuletzt, an der deutschen Schwimm-Misere sei auch schuld, dass immer weniger Kinder das Schwimmen lernen?

Dehling: Das glaube ich nicht. Die Schwimmclubs sind ja alle voll. Man müsste die Kinder gezielter aufbauen. Wir haben in Deutschland unglaublich viele sehr gute 13-, 14-Jährige. Aber wo bleiben die dann später im Aktivenalter alle? Wir zerlegen in Deutschland schon viele Talente, bevor es eigentlich losgeht. In Deutschland hat Kinder- und Jugendschwimmen einen wahnsinnig hohen Stellenwert. Da wollen sich auch viele Vereine profilieren.

Herr Dehling, Sie haben Bundestrainer Dirk Lambertz ein Konzept vorgelegt, wie es mit dem deutschen Schwimmen aufwärtsgehen könnte. Was steht da drin?

Dehling: Da steht drin, dass man die Landesverbände entmachten müsste. Die haben zu viel Einfluss auf die Jugendarbeit. Die Jugendlichen werden in Deutschland zu früh kaputtgemacht. Man will hier schnelle Erfolge haben. Das sind Titel ohne Werte. Und später gibt's dann diese Athleten nicht mehr, weil sie total ausgepowert sind.

Und was wurde noch falsch gemacht?

Dehling: Der Verband hat systematisch die Mannschaftsmeisterschaft im Schwimmen entwertet. Die laufen jetzt so nebenher. Diese Titelkämpfe sind aber für das Teambuilding total wichtig. Da lernt man den Mannschaftsgeist. Früher waren das Wettkämpfe auf Weltklasseniveau.

Hat Ihnen der Bundestrainer eigentlich geantwortet?

Dehling: Ich habe am ersten Arbeitstag nach seinem Urlaub eine Antwort bekommen. Er hat gesagt, dass er in vielen Dingen meine Meinung teilt. Es sei aber schwierig, verkrustete Verbandsstrukturen aufzubrechen. Das hat mich schon überrascht, dass er sich gemeldet hat. Er sagte, er würde sich öfter solche lösungsorientierten Vorschläge wünschen.

Philipp, Sie haben sich ohne große Förderung nach oben gekämpft, gehörten bis vor Olympia keinem Kader des Schwimmverbandes an. Das ändert sich doch nach dem Olympia-Auftritt, oder?

Wolf: Ich war mal vor einigen Jahren nach der Jugend-EM im C-Kader, da habe ich 100 Euro monatlich gekriegt. Danach war nichts mehr. Ich wurde jetzt aufgrund von Olympia in den B-Kader eingestuft. Von der Sporthilfe habe ich aber noch nichts gehört. Das zieht sich, das dauert. Größtenteils haben mich immer meine Eltern unterstützt.

Was müsste sich für einen Athleten noch ändern, damit sie optimal trainieren können, wenn Zentralisierung keine Lösung ist?

Wolf: Wichtig wäre, Trainingsgruppen zusammenzustellen. So macht es unser Trainer Olaf Bünde in München schon. Dem ist völlig egal, welcher Vereinsname hinter einem Sportler steht. Es geht ihm darum, Athleten zu finden, die sportlich, aber auch menschlich zusammenpassen.

Neben den Dehlings ist Olaf Bünde wohl einer Ihrer großen Mentoren.

Wolf: Olaf hat die Lockerheit. Er hat mich auch die zwei Wochen vor Olympia nach Weiden gehen lassen, als es schwierig war, in München zu trainieren. Er gab mir den Freiraum, er sagte: Wenn ich glaube, es hilft mir, dann solle ich das machen.

Wie weit sind eigentlich die Eindrücke von Rio schon weg?

Wolf: Vom Erlebnis her war das natürlich alles gigantisch. Aber es gab auch Sachen, die nicht so toll waren, die sich eingeprägt haben. Da gibt's Geschichten, die trüben das Ganze schon etwas. Man hat das Gefühl, Funktionäre zählen manchmal mehr als die Sportler.

Was hat Sie konkret gestört?

Wolf: Was mir in Rio auch fehlte, war schon ein bisschen der Zusammenhalt. Uns Deutschen fehlt da ein bisschen der Teamgeist. Andere Nationen wie die Amerikaner und die Franzosen haben das vorgemacht. Die sind oft gemeinsam aufgetreten, bei uns war das nicht so, da gab's viele Grüppchen. Und dann waren Verbandsrepräsentanten in Rio da und sprachen kein einziges Mal mit uns. Auch die Kommunikation im Team ist verbesserungswürdig.

Aber trotzdem, dieses olympische Gefühl will man doch noch einmal erleben.

Wolf: Es ist nicht so, dass ich sage, das muss noch mal sein. Allerdings habe ich mich zuletzt auch sehr verbessert. Es gab mal zwei Jahre, in denen nichts voranging. Und dann gab's viele andere negative Sachen: Mit der WM hat es nicht geklappt, zur Universiade haben sie mich nicht mitgenommen. Da fehlt beim Verband ein bisschen das Feingefühl. Aber zuletzt hatte ich mich über 100 Meter Freistil über eine Sekunde verbessert. Das spornt an.

Was sagt der Trainer zur Zukunft seines ehemaligen Schützlings?

Dehling: Philipp hätte das Potenzial, zu den fünf, sechs besten Freistilschwimmern der Welt auf den Kurzstrecken zu gehören. Aber man muss bedenken: Er ist kein Profisportler. Ich habe ihm nur gesagt, er solle sein Potenzial ausschöpfen. Nicht, dass er mal mit 35 vorm Fernseher sitzt, Olympia schaut und sagt, das hätte ich auch mal erleben können.

Mit Ihrer Freundin waren Sie nach Olympia in Florida im Urlaub. Wie verbringt ein Olympia-Schwimmer eigentlich seinen Badeurlaub?

Wolf (lacht): Im Wasser waren wir schon. Da lässt man sich etwas treiben. Aber einfach nur so dahinschwimmen, das kann ich nicht.

Philipp WolfPhilipp Wolf wurde am 15. August 1992 in Weiden geboren. Seine Familie lebt in Altenstadt/WM. Mit zehn Jahren begann er beim SV Weiden mit dem Schwimmen. Seinen ersten großen Erfolg feierte er 2010 mit Bronze über die 50 Meter Rücken bei der Jugend-EM in Finnland. Im Jahr 2012 wechselte er aus Studiengründen vom SV Weiden zur SG Stadtwerke München. In den letzten Jahren stand der Kraul- und Rückenspezialist in einigen Endläufen bei deutschen Meisterschaften, wurde auch deutscher Mannschaftsmeister. Im Dezember vergangenen Jahres nahm er an der Kurzbahn-EM in Israel teil und wurde über die 100 Meter Freistil Vierter. Allerdings steht der drittplatzierte aus Polen unter Dopingverdacht, Bronze ist noch drin. Im Sommer qualifizierte sich Wolf für Olympia und schwamm in der 4x100-Meter-Freistil-Staffel. (mr)


Peter DehlingPeter Dehling wurde am 25. November 1959 in Weiden geboren. Er und sein Bruder Wolfgang, der ebenfalls Schwimmtrainer ist, stammen aus einer Weidener Schwimmer-Familie. Beide Dehlings merkten schon früh, dass Philipp besonderes Talent hat. Wolfgang schrieb die Trainingsprogramme für Philipp, Peter war oft der Mann am Beckenrand. Oder wie es Peter sagt: "Wolfgang war der Kopf, ich der Motivator." Peter war früher auch Wettkampfschwimmer. "Ich war auch mal bei einer deutschen Meisterschaft dabei." Bei bayerischen Meisterschaften stand er öfter auf dem Treppchen. Heute noch ist der bald 57-Jährige als Triathlet unterwegs. Er nahm 2008 und 2012 auch am Ironman auf Hawaii teil. Peter Dehling ist Arzt und führt mit Kollegen im Weidener Osten eine neurochirurgische Praxis. (mr)


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