Vom Bierfassroller bis zum Tennisass
Wir sind schon Europameister

In einem Bericht über ihn war zu lesen, er ist das Phantom mit Präzision: Alfred Böckl, zehnfacher Europameister im Tennis. Nur alle paar Monate taucht der 66-Jährige bei einem hochkarätigen Turnier auf, gewinnt und verschwindet wieder auf dem Platz des TC Grün Rot, wo er ein, bis maximal zwei Mal pro Woche trainiert. Bild: Büttner
Sport
Weiden in der Oberpfalz
01.07.2016
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Er sitzt im Rollstuhl und wirft mit dem Speer Weltrekord-Weiten. Obendrein holte Daniel Scheil für den Behinderten- und Versehrtensportverein Weiden zwei Europameistertitel (mit Speer und Diskus). Seit vergangener Woche ist er zudem Vize-Europameister im Diskus-Wurf. Archivbild: kzr
 
Singende Europameisterin: Diana Schriml. Bild: Hartl

Die deutsche Nationalelf um Jogi Löw will in Frankreich den Europameistertitel holen. Daniel Scheil hat ihn gerade in Italien um einen Zentimeter verpasst. Aber der Spitzensportler des Behindertensportvereins Weiden weiß, wie sich der Titel anfühlt. Und er ist nicht der einzige in der Stadt und der Region, der von sich sagen kann: "Ich bin schon Europameister."

Weiden/Störnstein/Amberg. Aller guten Dinge sind vier. Das zumindest finden Fußballfans, die sich ganz fest auf den Europameistertitel für die deutsche Nationalelf eingeschossen haben. 2016 wäre es der vierte. Und vier Menschen aus Weiden und der Region wollen wir vorstellen, die bereits Europameister sind. Ein Mal, zwei Mal - oder sogar schon zehn Mal!

"Ich trainiere nur einmal, maximal zweimal die Woche." Das sagt ein Mann, der in seiner Tenniskarriere bereits zehnfacher Europameister ist: Alfred Böckl . Zuletzt holte er den Titel im Januar in Österreich in der Altersklasse 65. Aber es läuft nicht immer alles glatt: Der Bechtsriether trat bei den Weltmeisterschaften 2015 im Halbfinale gegen die Nummer eins der Welt an - und musste trotz klarer Führung wegen Muskelproblemen in den Beinen aufgeben. "Das war ein harter Schlag", erinnert sich der 66-Jährige, der nie einen Trainer hatte und von sich selbst sagt, er ist Tennis-Autodidakt. Pokale hat Böckl in seiner Karriere trotzdem reichlich eingeheimst. Sie stehen etwas abseits, im Keller des Hauses des ehemaligen Sport- und Techniklehrers (Max-Reger-Schule). Dafür sind die Erinnerungen recht präsent.

Etwa an den Mathelehrer, der zu dem einst 17 Jahre alten Böckl sagte: "Fredi, nimm doch einmal einen Tennisschläger." Damals, erinnert sich der 66-Jährige, habe er seine Liebe zum Tennisspielen entdeckt. Die Turnierszene aber rollte er erst mit 35 auf: "Damals habe ich in Frankfurt Lunte gerochen, als ich die Nummer zwei der Welt, Jürgen Fassbender, geschlagen habe. Ein Sensationssieg." Und bei weitem nicht der letzte. Mit 45 startete Böckl so richtig durch und holte bis heute fünf Europameistertitel im Einzel und nochmal fünf im Doppel.

Und wie steht's um die Erfolgsaussichten der deutschen Kicker? "Gegen Italien wird's sehr schwer. Aber ich hoffe, wir spielen 1:0 oder 2:1."

Seit Tagen ist Daniel Scheil nicht erreichbar. Dabei ist er als zweifacher Europameister - 2014 jeweils im Speer- sowie im Diskus - prädestiniert für diesen Bericht. Aber er ist gerade unpässlich, erklärt der zweite Vorsitzende des Behinderten- und Versehrtensportvereins Weiden, Alexander Grundler. Scheil, der im Rollstuhl sitzt und von dort aus den Speer 26,96 Meter weit feuert, Weltrekord, will gerade im italienischen Grosseto bei der Leichtathletik-Europameisterschaft der Behindertensportler den Titel holen. Das ist doch mal eine Entschuldigung.

Tage später aber erklärt Scheil persönlich: Er hat den Titel verpasst. Knapp. Sehr knapp. Der Diskus des 43-Jährigen flog einen Zentimeter kürzer als der des Konkurrenten. Darüber ärgert sich Scheil, der seit einem Hinterwandinfarkt vor acht Jahren im Rollstuhl sitzt, noch immer. Aber hey, der Mann ist Vize-Europmeister. Davon können sich die Deutschen Kicker eine Scheibe abschneiden. Das werden sie, meint Scheil und tippt auf einen 2:1-Sieg der Deutschen gegen Italien. Stilecht, in einer Pizzeria will er sich das Spiel an der Ostsee anschauen, wo er in den Vorbereitungen für den vorläufigen Höhepunkt seiner Leichtatlethik-Karriere steckt: die Paralympics. Sechs Mal die Woche trainiert er dafür. Zwei Mal täglich. Und die Pausen nutzt er unter anderem, um Fußball-EM zu gucken. Eine schöne Abwechslung sei das. Dabei gebe es auch Parallelen zwischen den Sportarten: "Ich finde, man muss einfach gelassen bleiben und immer das Beste geben. Dann klappt's schon." Und wenn nicht? "Dann macht man's beim nächsten Mal eben besser."

"Ach, das ist doch schon eine Zeit her", wiegelt der Störnsteiner Wolfgang Meiler ab. Europameister ist er trotzdem. Zweifacher sogar. Denn 2003 und 2004 holte er den Europameister-Titel im Bierfassrollen - mal mit Bruder Johannes, mal mit Cousin Matthias. Weltweit macht dem Landwirt in seiner Disziplin auch nicht so leicht jemand etwas vor. Meiler ist obendrein zweifacher Europameister in einer Gaudisportart, zu der es einen Stock braucht. Damit wird ein Bierfass 600 Meter weit und über drei Wendungen hinweg schnellstmöglich ins Ziel getrieben. Zum Beispiel in 2:43 Minuten, eine Meiler-Meiler-Top-Zeit.

Um ins Finale einzuziehen, müssen Bierfassroller wie Nationalkicker die K.O.-Runde überstehen. Der Unterschied zum Fußball ist, die Bierfassroller rollen sich an einem Tag ins Finale. Sprich: Es wird bis zu sechs, sieben Mal pro Tag gelaufen. "Dazu braucht's Kondition und Geschick. Heute wäre ich zu unfit dafür", meint Meiler. Und betont, auch fürs Bierfassrollen musste mächtig trainiert werden. Am Ende gab's zwar keine üppige Siegprämie: "Leben kann man - anders als ein Profi vom Fußball - vom Bierfassrollen nicht", lacht Meiler: "Aber verdursten mussten wir dank unseres Sponsors, einer Brauerei, auch nie."

Dabei bietet sich am heutigen Samstag eher ein Glas italienischer Rotwein an, um auf den Sieg der Jogi-Jungs gegen die Azzuri anzustoßen. "Ich werde auf jeden Fall mitfiebern", sagt der 29-Jährige. So quasi von Europameister zu Europameister.

Für die besondere Note bei jedem Deutschland-Spiel könnte Diana Schriml sorgen. Schließlich holte die 34-jährige Ambergerin heuer in St. Petersburg den europäischen Titel im Karaoke. Ihre Liebe zu dieser Disziplin entdeckte die 34-Jährige im "Hemingway" in Weiden, wo gerade Public Viewing für Fußballfans sehr angesagt ist. Ihr Tipp für Jogis Jungs: "Stets das Beste geben." Das müsse die Einstellung sein, wenn man Europameister werden will. Und: "Man muss beweisen, dass man wandelbar und flexibel ist." Capisce? Capisce!

TitelträgerWeidener sowie die Bürger der Region dürfen in Europa nicht unterschätzt werden. Sie holen reihenweise Titel in diversen Disziplinen. In diesem Artikel stellen wir aus Platzgründen nur vier Titelträger vor. Aber die nächste Europameisterschaft kommt bestimmt. (mte)
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