Internetriese investierte zwei Millionen Euro
Weidener Firma XDEV entwickelt Software für Google

Markus Kett und sein Team entwickeln in Weiden Software, die weltweit zum Einsatz kommt. Bild: Alexander Unger
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Weiden in der Oberpfalz
22.07.2014
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Markus Kett beliefert unter anderem Google mit Software aus Weiden.
 
Buchstaben und Zeichen: So sehen die Arbeitsplätze der XDEV-Entwickler aus. Bild: Alexander Unger

Softwarefirmen, die für die weltweit größten Internetkonzerne entwickeln, sitzen im Silicon Valley in Kalifornien. Könnte man meinen. Das Weidener Unternehmen XDEV zeigt jedoch, dass Google auch in Entwickler aus der Oberpfalz investiert - einen Millionenbetrag sogar.

Durch ein schmuckloses Treppenhaus führen graue Stufen in den dritten Stock. Nur ein Firmenschild am Haupteingang und ein dezenter Aufkleber an der Eingangstür verraten, wer oder was hier über der Hypovereinsbank seinen Sitz hat. Sobald sich die Tür öffnet, tritt der Besucher in eine andere Welt. Lounge mit schwarzen Ledermöbeln, dunkle Fußböden und Bürotüren aus Glas - alle geöffnet. Markus Kett ist Product-Manager beim Software- und IT-Unternehmen XDEV in der Sedanstraße in Weiden. Die Java-Spezialisten entwickeln und programmieren sogenannte Entwicklungswerkzeuge in der Programmiersprache Java, die in Branchenkreisen als "sehr anspruchsvoll" gilt. Unter anderem tun sie das im Auftrag von Google.

Erster Kontakt zu Google


Zu den XDEV-Kunden gehören große Unternehmen wie Thyssen-Krupp, das Max-Planck-Institut für Infektionsbiologie in Berlin, das Baureferat der Stadt München und das Umweltbundesamt, das die auf der Zugspitze gesammelten Wetterdaten auswertet. Auch viele mittelständische Betriebe, die Software für die Verwaltung oder den Außendienst brauchen, finden sich im Kundenstamm. "Viele nehmen unsere Lösungen statt den Branchenriesen SAP", beschreibt Markus Kett die Motivation der Kunden.

Auf der Messe "Java one", die jährlich in San Francisco stattfindet und als Leistungsschau der Branche gilt, ist der Kontakt zu Google entstanden. "Man kennt sich dort, redet zwanglos miteinander und tauscht sich aus", berichtet Markus Kett über die ersten Kontakte zum Internetriesen. Google lasse aus Kostengründen außerhalb der USA programmieren. Rumänien, Indien und Bangladesch gehören zu den Ländern, in denen die "Tipparbeit" erledigt wird.

Qualitätsarbeit aus Deutschland


"Deutschland gehört aus deren Sicht zu den Billiglohnländern, aber hier stimmt die Qualität der abgelieferten Arbeit", sagt Kett. "Die Erfahrung hat gezeigt, dass die deutschen Programmierer nicht nur stur Zahlen und Buchstaben tippen, sondern eventuelle Fehler und Unstimmigkeiten im Programm bemerken und an den Auftraggeber weitergeben. Bei Deutschen wissen die Amerikaner, die denken mit. Deshalb schätzen sie deutsche Qualitätsarbeit."

Ein Standort jenseits der scheinbaren Finanz- und Software-Hochburgen, sondern in der Oberpfalz sei "dabei kein Problem". Das Unternehmen hat seine Wurzeln in München am ehemaligen Standort von "Sun Microsystems", der "Mutter" der Programmiersprache Java.

Anspruchsvolles für Jedermann


Anwendungen, die auf der Programmiersprache Java basieren, gelten in Branchenkreisen als schwer umzusetzen. Umfangreiche Kenntnisse der Programmiersprache und von Datenbanken sind erforderlich, um aus Zahlen, Zeichen und Befehlszeilen eine funktionierende Software zu erstellen. Die Spezialisten auf dem Gebiet dieser Programmierung sind rar. DasUnternehmen XDEV gehört dazu.

Die Keimzelle von XDEV liegt bei Microsystems in München. Nach der Übernahme des Unternehmens durch die Oracle Corporation im Jahr 2010 ist XDEV in Weiden gestartet. "Weil Weiden auf halber Strecke zwischen Frankfurt und Prag liegt, wo auch viele Java-Entwickler sitzen", so der Product-Manager.

Anwendungen für alle Anbieter und Betriebssysteme


Der nächste große Wurf der Firma soll der "XDEV GWT BUILDER" werden. Damit können Entwickler auch ohne besondere Java-Kenntnisse Anwendungen entwickeln. Clou des Programms ist die Fähigkeit, die Arbeit des Entwicklers in einen bestimmten Quellcode zu übersetzen. Damit können auch Java-Laien Web-Anwendungen erstellen, die plattform-übergreifend laufen, also zum Beispiel auf Tablets und Smartphones mit unterschiedlichen Betriebssystemen. Gemeinsam mit den "Bausteinen", die vom Internetgiganten Google und dem finnischen Unternehmen Vaadin kommen, ist es möglich, sozusagen per "Mausklick" zu programmieren.

Bisher war es für Entwickler eine große Herausforderung, ihre Produkte auf mobile Endgeräte wie Smartphones oder Tablets zu bringen - entweder als Programm, das im Internetbrowser läuft oder als eigenständige App. "Viele haben bisher die Kosten gescheut, für die verschiedenen Geräteanbieter und deren Betriebssysteme jeweils eine eigene Anwendung zu programmieren", so Markus Kett. Als Endanwender kennt man das: Einige Apps gibt es nur für das Smartphones mit Android-Betriebssystem oder für IPhones. XDEV schließt diese Lücke. Das Programm setzt an der Stelle an, die alle Anbieter gemeinsam haben: dem Internetbrowser.

Software als "Werbegeschenk"

XDEV stellt das neue Produkt "GWT Builder" als sogenannten "Open Source" zur Verfügung: Das Programm und der Download sind kostenlos, der Quellcode, das Herzstück der Anwendung, darf und soll von allen weiterentwickelt und verändert werden. XDEV stellt die Software bewusst auf diese Art zur Verfügung: "Es ist toll zu sehen, was andere aus unserer Vorlage machen. Und für Google ist es natürlich ein Vorteil, wenn die Technologie von Vielen genutzt werden kann, nicht nur von Profis."

Anfragen aus der ganzen Welt


Markus Kett weiß, dass erst dann Geld mit dem Programm verdient wird, wenn aus diesem massenhaft genutzten "Werbegeschenk" ein Folgeauftrag eines Unternehmens, das maßgeschneiderte Lösungen braucht, entsteht. "Die Software selbst ist das Marketinginstrument." Und das funktioniert offenbar gut.

Entwickeln, produzieren, verteilen - alles in Vor- und Eigenleistung. Laut Markus Kett verstehen nur wenige in der Branche, dass und wie dieses Konzept funktioniert. Er bringt das auf eine einfache Formel: "Entweder entwickle und verkaufe ich eine Software, die ich dann aber auch bewerben, vorführen und vermarkten muss. Oder ich stelle sie kostenlos ins Netz und sie wird auf der ganzen Welt heruntergeladen und dann kommen Aufträge von überall her. Du weißt gar nicht, was die Leute mit deiner Software machen und dann erfährst du, dass jemand neue Ideen oder individuellen Bedarf hat." Wirtschaftliche Basis für das Unternehmen sind daher die Bereiche individuelle Lösungen, Schulung und Support.

Schwierige Investorensuche in Deutschland


"In Deutschland ist für solche Entwicklungen wie unsere kaum ein Investor zu finden", betont Kett. So ein Potenzial werde meist gar nicht erkannt. Der Internetriese Google hat dafür Risikokapital zur Verfügung gestellt. "Geld aus Bayern gibt es nur für Ideen, mit deren Umsetzung noch nicht begonnen wurde. Und von der LFA Förderbank Bayern gibt es zwar Kredite, aber kein Risikogeld."

Dabei sind die Entwicklungen von XDEV weltweit wertvoll: "Es gibt nur eine Handvoll Firmen auf der ganzen Welt, die solche Java-Entwicklungsumgebungen entwickelt haben wie wir", erklärt Kett. "Wenn es etwas gibt, dass man mit Java entwickeln kann, dann können wir das. Das allein ist eigentlich Referenz genug."

Die Suche nach Nachwuchs gestaltet sich allerdings schwierig, deutschlandweit. XDEV investiert in den Nachwuchs: "Die Leute müssen bei uns zwei bis drei Jahre arbeiten, bevor sie wirklich mit entwickeln können." Und dann klappt es vielleicht auch mit Google.
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