Medienhaus "Der neue Tag" präsentiert Vorab-Premiere des Dokumentationsfilms
"Kleine graue Wolke" macht eine unsichtbare Krankheit sichtbar

Die Zuschauer in Weiden sahen den Film in einer Vorab-Premiere, für die das Medienhaus "Der neue Tag" 120 Tickets verlost und die Autorin aus Hamburg eingeladen hatte. (Bild: Alexander Unger)

(jak) Sie hat eine unheilbare Krankheit. Eine, die für die Außenwelt kaum greifbar ist. Die einen schweren Verlauf nehmen kann. Und die sie mit vielen Fragen konfrontiert, die sie sich nie stellen wollte. Und doch wird am Donnerstagabend im Kino "Neue Welt" in Weiden klar: Sabine Marina, Autorin des Dokufilms "Kleine graue Wolke", ist eine starke und positive junge Frau. Ihr Film bewegt bei der Vorab-Premiere das Publikum. Und sorgt erst für Ruhe und dann für Gesprächsbedarf.

Als der Abspann des Films durchgelaufen ist, herrscht Ruhe im Kinosaal. Deutlich ist spürbar, dass "Kleine graue Wolke" das Weidener Publikum berührt hat. Dass dieser Film nachwirken wird - vermutlich auch dann noch, wenn die Zuschauer längst zu Hause sind. Auch Wolfgang Graf, Filmvorführer an diesem Abend, hat bemerkt, dass es sich um einen besonderen Film handeln muss: "Ich bin während der Vorführung mal kurz rein in den Saal, um zu gucken, ob alles in Ordnung ist. Da war eine ganz ungewöhnliche Stille im Raum, ganz anders als sonst im Kino."


Nach der Filmvorführung nutzten einige der Zuschauer die Möglichkeit, mit der Autorin zu sprechen. (Bild: Alexander Unger)

Die Filmemacherin Sabine Marina ist 29 Jahre alt. Vor vier Jahren bekam sie die Diagnose Multiple Sklerose. Zu diesem Zeitpunkt studierte sie Medienproduktion. "Die Idee für einen Film war schon drei Monate nach der Diagnose fix", erzählt sie im Gespräch mit dem Publikum nach dem Film. Damals dachte sie allerdings noch an einen zehnminütigen Kurzfilm. Am Ende wurde es ein 90-minütiger Kinofilm, der ab dem 24. September auch in verschiedenen Kinos in der Region zu sehen sein wird.



Die Diagnose Multiple Sklerose brachte Sabine Marina zunächst aus dem Gleichgewicht. Sie dachte darüber nach, ihr Studium abzubrechen. Wie sollte sie den Stress durchstehen? Doch sie entschied sich dagegen, machte weiter und reichte "Kleine graue Wolke" als Bachelor-Arbeit ein. "Ich wollte mir mit dem Film beweisen, dass ich es doch kann", erzählt sie in Weiden. Inzwischen hat sie sogar ihre eigene Filmproduktionsfirma gegründet und möchte auch andere Menschen mit Multipler Sklerose porträtieren.

Umfrage kurz vor der Aufführung in Weiden: Warum sind Sie hier, was erwarten Sie sich von dem Film?


"Kleine graue Wolke" erzählt in starken Bildern und mit ergreifener Offenheit, was Sabine Marina und andere von der Krankheit betroffene Menschen, die sie auf ihrem Weg kennenlernen durfte, erleben. Welchen Fragen sie sich stellen müssen. Welche Einschränkungen den Alltag verändern. Wie die Mitmenschen reagieren - oder nicht reagieren. Welche medizinischen Tests sie durchlaufen. Wie sie damit umgehen, eine unsichere Zukunft zu haben.

Multiple Sklerose - Krankheit mit 1000 GesichternMultiple Sklerose wird auch die Krankheit mit 1000 Gesichtern genannt. Sie ist eine chronisch-entzündliche Erkrankung des Nervensystems und kann Gehirn, Rückenmark sowie die Sehnerven befallen. Und sie kann ganz unterschiedlich verlaufen: mit abklingenden Symptomen oder schwerem Verlauf mit starken körperlichen Beeinträchtigungen.

Als Ursache wird eine Autoimmunreaktion angenommen, die körpereigene Strukturen angreift und die Hüllschicht von Nervenfasern (Myelinscheiden) zerstört. So werden auch Nervenfasern selbst beschädigt und Reize werden schlechter weitergeleitet. Wie Multiple Sklerose genau entsteht, ist bis heute nicht endgültig geklärt. Daher ist eine individuelle Vorhersage des Verlaufs kaum möglich.

Die Multiple Sklerose beginnt meist im frühen Erwachsenenalter, kann jedoch auch schon bei Kindern und Jugendlichen auftreten. Man schätzt, dass in Deutschland jedes Jahr zwischen 150 und 200 Kinder und Jugendliche die Diagnose MS bekommen. Weltweit leben etwa 2,5 Millionen Menschen mit der Diagnose Multiple Sklerose, vor allem auf der Nordhalbkugel, in Europa, Nordamerika und Kanada. Frauen sind häufiger betroffen als Männer.

Multiple Sklerose ist nicht tödlich, nicht vererbbar, nicht ansteckend, keine psychische Erkrankung, kein Muskelschwund. Und Multiple Sklerose führt auch nicht zwangsläufig zu einem Leben im Rollstuhl. Aber Multiple Sklerose ist unheilbar. Immer noch werden MS-Patienten mit vielen Vorurteilen konfrontiert.

Quelle: Deutsche Multiple Sklerose Gesellschaft (DMSG)
"Kleine graue Wolke" gibt einen stellenweise intimen Einblick in das Leben der Menschen mit Multiple Sklerose. Er konfrontiert somit auch den Zuschauer mit unbequemen Situationen, Gefühlen und Gedanken. In Weiden sind viele Menschen unter den Zuschauern, die selbst Multiple Sklerose haben oder im engen Umfeld damit konfrontiert sind. Die Stille nach der Vorführung zeigt: Der Film lässt niemanden kalt, er stößt Gedanken und Gefühle an, die man erst einmal sortieren muss.


Sabine Marina im Gespräch mit dem Leiter der Online-Redaktion im Medienhaus "Der neue Tag", Christian de Vries. (Bild: Alexander Unger)

Krankheit mit 1000 Gesichtern


Multiple Sklerose wird auch die Krankheit mit den 1000 Gesichtern genannt. Weil sie kaum greifbar ist, häufig für Außenstehende unsichtbar. Nicht wenige Betroffene halten die Diagnose geheim, darunter auch einige im Publikum. Multiple Sklerose verläuft oft schubartig und bedeutet nicht automatisch, im Rollstuhl zu sitzen. Der Verlauf der Krankheit sowie ihre Symptome sind individuell sehr unterschiedlich. Und die Zukunft der Menschen mit dieser Krankheit ist ungewiss: Möglicherweise haben sie jahrelang keine Schübe, vielleicht wird man ihnen die Diagnose nie ansehen, vielleicht ist der Verlauf aber auch eines Tages so stark, dass man auf Hilfe angewiesen ist. Im Film nehmen ein paar der 1000 Gesichter Persönlichkeit an.

Und schnell wird klar: Nicht nur der Verlauf der Krankheit ist individuell unterschiedlich, auch der Umgang damit. Katharina etwa hält im Film ihre Krankheit geheim, weil sie Angst vor beruflichen Nachteilen hat. Eine ältere Dame war vor Jahren pflegebedürftig und bettlägerig. Heute sitzt sie nicht einmal mehr im Rollstuhl und gibt Seminare für andere Betroffene. Peter und Silke haben beide Multiple Sklerose, sind verheiratet und meistern ihren Lebensalltag gemeinsam. Peter, stark pflegebedürftig, hat sich eine optimistische Lebenseinstellung bewahrt, während Silke körperlich fitter, aber häufig niedergeschlagen ist.

Persönlichen Einblick in die Krankheit


Am Filmende zieht Sabine Marina ein Fazit: "Am Ende geht es nicht darum, was wir durch die MS verloren haben. Es geht darum, was wir durch sie finden werden." Ein paar Antworten darauf gibt "Kleine graue Wolke". Der Film lässt aber auch bewusst Fragen offen. Und das ist gut so. Denn den richtigen Umgang mit einer solchen Krankheit muss jeder für sich selbst finden. So wie beispielsweise auch die richtige Therapie und die Frage auf die Antwort, ob und welche Medikamente man nehmen möchte. Medizinische Aspekte deutet der Film daher nur an. "Kleine graue Wolke" ist keine Anleitung, kann auch keine sein. "Kleine graue Wolke" gibt einen einfühlsamen, bewegenden, persönlichen und wichtigen Einblick in eine Krankheit, über die zu wenig geredet wird.


Sabine Marina weiß, dass ihr Film nicht leicht zu verdauen ist. "Das ist die Krankheit aber auch nicht", sagt sie nach dem Film. Die Schwere zu Beginn des Films löst sich in dessen Verlauf ein stückweit auf, wandelt sich in Optimismus. Das ist wohl die größte Stärke von "Kleine graue Wolke". (Bild: Alexander Unger)

"Ich finde Deinen Film superklasse."Eine Zuschauerin in Weiden zu Sabine Marina

Das wurde auch im Gespräch mit der Filmautorin nach der Aufführung klar. Mehrere Zuschauer bedauerten die mangelnde Aufklärung über die Krankheit und die daraus resultierenden Missverständnisse und verständnislosen Reaktionen von Nichtbetroffenen. Das bestätigte auch Sabine Marina: "Viele Betroffene schreiben mir 'Ich habe niemanden zum Reden'." Manchmal ist sie dann diejenige, die mit ihnen redet.


Filmausschnitt "Kleine graue Wolke". (Bild: W-Film-Presse- und Kinoportal)

"Man muss mehr über diese Krankheit informieren. Besonders auf dem Land."Diese Aussage einer Zuschauerin erntet einige Zustimmung im Publikum

Gemeinschaft hilft Stärke zu bewahren


Die 29-Jährige hat bis heute Kontakt zu den Menschen aus ihrem Film. "Wir sind ein eingeschworener Haufen geworden. Wenn ich mit anderen Menschen spreche, die auch Multiple Sklerose haben, ist da gleich ein verbindendes Band. Man unterhält sich auf einer ganz anderen Ebene. Diese Gemeinschaft hilft mir, die Stärke zu bewahren. Wir sollten uns gegenseitig unterstützen, nicht runterziehen."

"Ich habe schon so viel von dem Film gelesen, ich wollte ihn unbedingt sehen."Eine Zuschauerin kurz vor dem Film

Wie es ihr heute ginge, vier Jahre nach der Diagnose, fragte Christian de Vries, Leiter der Online-Redaktion Oberpfalznetz. "Körperlich habe ich so meine Aufs und Abs. Aber eigentlich fühle ich mich gesund." "Und wie geht es diese Tage für Sie weiter?", fragt sie ein Zuschauer nach dem Film. "Freitag fahre ich erstmal zurück nach Hamburg. Und dann helfe ich einer Freundin beim Umzug."