Weihnachten in der Justizvollzugsanstalt mit viel Tradition
Gefangene grübeln über das eigene Fehlverhalten

In der Justizvollzugsanstalt Weiden sind aktuell 124 Gefangene untergebracht. Sie sitzen entweder in Untersuchungshaft oder eine Haftstrafe von bis zu zwei Jahren ab. Archivbild: Wilck

Nur eine kleine Zelle als Rückzugsort und begrenzte Besuchszeiten für Familie und Freunde: Für Inhaftierte ist das Leben in der JVA an sich schon schwer. Der Heiligabend und die Feiertage drücken bei einigen zusätzlich auf die Stimmung. Viele wollen vor allem reden. Für Ablenkung sorgen Gottesdienst, Krippenspiel und Fernseher.

Zu Heiligabend gibt es sogar Glühwein für die Gefangenen. Oder, um es ganz korrekt zu sagen, Glühweinersatz. Denn Alkohol ist in der Justizvollzugsanstalt (JVA) Weiden strikt verboten. Besuch ist an diesem Tag nicht möglich. Das hat aber weniger etwas mit dem besonderen Tag zu tun, als vielmehr mit der Regelung, dass mittwochs prinzipiell keine Besuche gestattet sind. Für den 24. Dezember wird da keine Ausnahme gemacht. Dafür kommen viele Angehörige vor und nach dem Heiligabend.

Diese Tatsachen zeigen, dass sich der stellvertretende Abteilungsleiter Harald Graßl (46) genau überlegt, wie er Weihnachten hinter Gittern gestaltet. Er sucht nach eigener Aussage nach dem goldenen Mittelweg. Der 46-Jährige erklärt: „Einerseits kann man nicht so tun, als sei Weihnachten keine besondere Zeit. Andererseits darf man das Fest auch nicht zu emotional gestalten.“ Denn die Gefühlslage der Gefangenen sei ohnehin schon problematisch. Um dabei das „richtige Maß Weihnachten“ zu finden, vertraut er auf seine Erfahrungswerte. Graßl ist seit 2007 in Weiden. Zuvor war er in mehreren Anstalten, unter anderem in München, Nürnberg und Straubing.

Für den 24. Dezember ist am Nachmittag ein ökumenischer Gottesdienst geplant, der laut Graßl gut angenommen wird. Diser unterscheidet sich nicht viel von den vielen anderen, die an diesem Tag abgehalten werden. Die Gefangenen singen sogar gemeinsam „Stille Nacht, heilige Nacht“. Auch ein Krippenspiel wird aufgeführt. Fünf Gefangene haben sich freiwillig gemeldet und mit dem nebenamtlichen Diakon ein Schattenspiel einstudiert. Nach dem Abendessen (siehe Weihnachtsmenü) dürfen die Inhaftierens selbst entscheiden, wie sie ihre Zeit verbringen. Die Zellen sind bis 20 Uhr aufgesperrt. Auf den drei Stationen der JVA ist es den Gefangenen erlaubt, sich gegenseitig zu besuchen. Einige spielen Karten. Andere ziehen sich in ihre Zelle zurück und suchen Ruhe.


Nein, so weit ist es noch nicht, dass der Weihnachtsmann hinter Gitter muss. 124 Inhaftierte in Weiden müssen das Fest allerdings im Gefängnis verbringen. Bild: dpa

Das WeihnachtsmenüDie Justizvollzugsanstalt setzt auf Tradition. Am Heiligabend gibt es sauere Bratwürste – so wie bei vielen Oberpfälzer Familien. Mittags bekommen die Gefangenen einen Erbseneintopf.
Vorfreude dürfte bei den Inhaftierten auf den 25. Dezember herrschen. Zum Frühstück erhält jeder ein Päckchen der Gefangenen-Fürsorge. Der Inhalt: Lebkuchen, eine Tafel Schokolade, Kekse, zwei Mandarinen, eine Orange und einen Apfel. Die JVA spendiert zudem einen Christstollen, der aus der Bäckerei der JVA Amberg stammt.
Mittags gibt es Entenkeule, Blaukraut und Knödel. Ein im Gefängnis nicht alltägliches Menü. Zum Abendessen gibt es Wurst und Brot. Für den 26. Dezember plant die JVA Weiden für mittags Hähnchenschenkel mit Kartoffelsalat und für abends Dosenfisch.

Vor allem der Fernseher spielt nach Aussage von Graßl eine wichtige Rolle. Nicht nur an Heiligabend, aber an diesem Tag besonders. Denn er sorgt für Ablenkung und bringt ein Stück Normalität in die Zelle. Die Gefangenen können das Weihnachtsprogramm genauso sehen, wie ihre Freunde und Bekannten in Freiheit. Graßl bezeichnet den Zeitpunkt, seitdem ein Fernseher in Zellen erlaubt ist (Ende der 90er Jahre), als „Break-even-Point“. Eigentlich ein Begriff aus der Wirtschaft. Der 46-Jährige will damit – um im Fachjargon zu bleiben – den hohen Zugewinn für die Gefühlswelt der Gefangenen beschreiben.

Der Fernseher ist sicherlich ein Trost dafür, dass es zu Weihnachten keine Geschenke von den Angehörigen gibt. Seit der Einführung des Bayerischen Strafvollzugsgesetzes im Dezember 2007 ist das nicht mehr erlaubt. Früher durften Familie und Freunde zu drei besonderen Anlässen (Weihnachten, Geburtstag und Ostern) ein Paket schenken. Heute ist es dafür möglich, dass Angehörige zusätzlich Geld einzahlen – bis zu 107,46 Euro, dass die Gefangenen laut dem Justizvollzugsbeamten Robert Müller (45) zum Einkaufen verwenden dürfen. Vor allem Kaffee und Tabak sind begehrt.

Abgesehen von den fehlenden Päckchen ist an Heiligabend in der JVA vieles ganz ähnlich dem Weihnachtsfest in Freiheit. Allerdings besteht zu dieser Zeit mehr Gesprächsbedarf. Die Stationsbeamten müssen viel reden. Auch Sozialarbeiter Thomas Hartmann (47), der seit 19 Jahren in der JVA Weiden arbeitet, ist gefordert. Er wird mit den gleichen Problemen konfrontiert, die auch während des Jahres besprochen werden. Aber vor allem die Familie sei zu dieser Zeit ein Thema. Für die Häftlinge sei es ein großer Unterschied, ob sie eine Familie in Freiheit haben oder nicht. Hartmann sagt außerdem: „Es ist eine nachdenkliche Zeit, in der es dem ein oder anderen nicht so gut geht.“ Gerade in der Weihnachtszeit würden viele über das Leben und ihr Fehlverhalten nachdenken.

Trotz all dieser Sorgen berichtet der Sozialarbeiter, dass es in der Justizvollzugsanstalt generell nicht viele Probleme gebe – entgegen vieler Vorurteile. Der 47-Jährige spricht nach kurzem Überlegen, ob der Begriff für eine Justizvollzugsanstalt passt, sogar von einem „harmonischen Zusammenleben“. Dass das so gut funktioniert, erklärt er sich mit der Größe der Anstalt und dass sich viele Beamte und Inhaftierte teils schon 25 Jahre kennen. Beamte, weil sie schon so lange in der JVA arbeiten. Gefangene, weil sie immer wieder in den Vollzug müssen.

Zu Weihnachten in der Justizvollzugsanstalt Weiden gehören für den stellvertretenden Abteilungsleiter Harald Graßl zwei Veranstaltungen, die bereits Tradition haben. Dazu zählt der Auftritt des nordoberpfälzer Gospelchors Hope and Joy, der Anfang Dezemer bereits zum 7. Mal im JVA-Gottesdienstraum stattfand. Während die Inhaftieren am Anfang der zweistündigen Veranstaltung auf ihren Stühlen säßen, würden sie zum Ende stehen, klatschen und mitsingen, verrät Graßl. Auch ein Schafkopftunier „zwischen den Jahren“ wir von den Gefangenen gut angenommen. Alleine schon die Preise locken. Für die drei besten gibt es Einkaufsgutscheine im Wert von 10, 15 oder 20 Euro. Klar ist auch: Ein Christbaum darf zum Weihnachtsfest nicht fehlen. Jede der sechs Abteilungen hat einen. Jedoch keinen echten. Gegen einen solchen spricht die Brandgefahr. Am Baum sind Lichterketten und Kugeln angebracht.

Die Justitzvollzugsanstalt WeidenDie Justizvollzugsanstalt (JVA) Weiden hat laut dem stellvertretenden Abteilungsleiter Harald Graßl eine Belegungsfähigkeit von 120 Personen. Aktuell sind im Gefängnis 124 Inhaftierte. „Wir sind also moderat überbelegt“, erklärt der 46-Jährige. Die JVA ist zuständig für Amtsgerichtsbezirk Weiden und Tirschenreuth. Die Gefangenen in Weiden sind im Erst- oder Regelvollzug und müssen eine Freiheitsstrafe von bis zu zwei Jahren absitzen. Also eher „kleine Fische“, wie Graßl sagt. Jedoch sind in Weiden auch noch Menschen, die sich in Untersuchungshaft befinden und Straftaten aller Couleur begangen haben. Darunter können auch Totschläger und Mörder sein. Der Anteil der beiden Gruppen (Erst- und Regelvollzug sowie Untersuchungshaft) ist etwa gleich groß.