50 Jahre Zentraljustizgebäude Weiden - die ersten Prozesse
Lebenslänglich für "die Ratte"

Der letzte große Prozess im alten Gericht, das heute Keramikmuseum ist. Der "Peru-Saal" im ersten Obergeschoss war der Sitzungssaal. Hier wurde im Mai 1966 der 20-jährige Milos D. verurteilt. Der tschechoslowakische Grenzsoldat war desertiert, dabei starb sein Kamerad.
 
Das erste "lebenslänglich" im neuen Schwurgerichtssaal. April 1967: Dr. Adolf Schuster, damals noch Landgerichtsdirektor, verkündet das Urteil gegen den ehemaligen KZ-Kapo Hugo Rochel (links im Bild, mit seinem Verteidiger Rechtsanwalt Dr. Hanns Pietsch. Bilder: Bonkoß, Stadtarchiv Weiden (2)

Noch heute ist der Schwurgerichtssaal im Weidener Justizgebäude beeindruckend. Er ist über drei Stockwerke nach oben offen. Die Richter sitzen erhöht. Angeklagte wirken hier ganz klein.

Der erste Angeklagte, der nach der Einweihung im Oktober 1966 den Saal betrat, war Heinz-Georg G., 32-jähriger Bauhelfer aus dem Landkreis Tirschenreuth. Er hatte seine Ehefrau, fünffache Mutter, am Vatertag nach 14 Bier und sechs Schnaps mit einem Beil verletzt. Prozessbeginn war am Donnerstag, 3. November 1966. Am Tag darauf fiel schon das Urteil: ein Jahr Gefängnis wegen Bedrohung und Körperverletzung.

Gleich der nächste Ehemann stand auch schon am Montag, 7. November 1966, vor dem Schwurgericht, wieder unter Vorsitz des damaligen Amtsgerichtsdirektors Oskar Herzinger. Der Fall ganz ähnlich: Der 29-jährige Ludwig G. aus Weiden hatte seine Frau, ebenfalls Mutter von fünf Kindern, mit einem Messer angegriffen. Im Suff hatte er "seine Gattenrechte in Anspruch nehmen wollen". Zu seiner Verteidigung führte Ludwig G. an, dass ihn die Gattin fast täglich in der eigenen Wohnung betrogen habe, und den Haushalt sträflich vernachlässigt habe. Am Ende verließ er mit einer Geldstrafe von 1000 Mark das Gericht.

Weit spektakulärer war ein Mordprozess, der ebenfalls in dieser ersten Novemberwoche im neuen Schwurgerichtssaal beginnen sollte: das Verfahren gegen Hugo Rochel, Ex-Kapo des KZ Flossenbürg . Der Prozess ging aufgrund gesundheitlicher Probleme des 70-Jährigen erst im April 1967 über die Bühne. Rochel wurde vierfacher Mord an Häftlingen angelastet. Die Zeugenaussagen waren drastisch: "Eineinhalb Meter groß, aber im KZ gefürchtet", titelte "Der neue Tag" zum Prozessauftakt gegen den 1,50 Meter großen Rentner. "Im Steinbruch wurde er nur Ratte genannt", erinnerten sich Zeugen.

Rochel sei an allen Ecken und Winkeln aufgetaucht, habe geknüppelt und geschlagen "wie ein Wahnsinniger". "Der brutalste Kapo", den er kennengelernt habe, sagte ein ehemaliger Häftling. Regelmäßig "trieb er Häftlinge in den Draht". Das Gericht konnte ihm einen Mord nachweisen: Im Winter 1941/42 warf Rochel die Mütze eines Juden aus reiner Schikane zum Zaun und zwang ihn, diese zu holen - die SS erschoss den Mann. Das Urteil der Kammer unter Vorsitz von Landgerichtsdirektor Dr. Adolf Schuster: lebenslänglich.

Internationale Wellen schlug auch einer der letzten Prozesse, der noch im alten Landgerichtsgebäude geführt wurde: Vor Gericht stand der 21-jährige tschechoslowakische Grenzsoldat Milos D . Er hatte bei seiner Flucht in die Bundesrepublik seinen Streifenkameraden angeschossen und vom Wachturm in Zelezna gestoßen, ehe er über die grüne Grenze lief. Die CSSR forderte vergeblich die Auslieferung des Deserteurs. Das Landgericht verurteilte ihn zu dreineinhalb Jahren Jugendgefängnis. Eine ältere Dame unter den Zuhörern bot dem jungen Mann an, ihn auf der Stelle zu adoptieren, gleich wie der Prozess ausgehe.

Milos erklärte, nach der Haft so schnell wie möglich Deutschland verlassen zu wollen, um in einem anderen Land der freien Welt ein neues Leben zu beginnen. Das scheint geklappt zu haben: Der 70-jährige Milos D. lebt heute in New York.
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