50 Jahre Zentraljustizgebäude Weiden - Zeitzeuge Anton Pscheidt erinnert sich
"Ich war jeden Tag auf der Baustelle"

Anton Pscheidt im Kreise der heutigen Wachtmeister. Zwei von ihnen haben ihn noch als Vorgesetzten erlebt: Robert Schneider und Hans Ritter (Zweiter und Dritter von links). Schneider: "Er war ein Top-Chef." Bilder: ca
 
Anton Pscheidt im Schwurgerichtsaal: "Hier hat sich nichts verändert." Bild: Götz

Anerkennend mustert Anton Pscheidt die brünette Wachtmeisterin, die an der Einlasskontrolle der Justiz eine Besucherin abklopft. "Das hätt's früher nicht gegeben." Die Wachtmeisterin nicht. Und die Sicherheitsschleuse auch nicht.

Der 90-jährige Altenstädter war vor 50 Jahren Chef der Wachtmeister der Weidener Justiz. 1966 - als das Landgericht feierlich eröffnet wurde. Zuvor war das Landgericht im jetzigen Keramikmuseum untergebracht. Wo heute alte Inka-Töpfe stehen, saßen früher böse Buben: Der "Peru-Saal" war der einzige Sitzungssaal. Die Wachtmeister mussten nicht nur ein Auge auf die Angeklagten haben. Sie legten auch Scheite im Holzofen nach.

Als einer der letzten stand im Waldsassener Kasten im Mai 1966 der Tschechoslowake Milos D. vor Gericht. Der Grenzsoldat (20) hatte im Dienst seinen Kameraden vom Wachturm bei Zelezna gestoßen und war über Eslarn nach Deutschland geflohen. Die Plädoyers gingen bis Mitternacht, schon allein, weil der Saal am nächsten Tag wieder belegt war. Pscheidt musste nicht selten zu Fuß nach Hause laufen, weil zu solcher Uhrzeit seine Mitfahrgelegenheit schon weg war.

Keine Frage: Ein neues Zentral-Gericht war bitter nötig. Auch die Tatsache, dass das Amtsgericht im heutigen Finanzamt untergebracht war, machte den Alltag nicht leichter. Prozessbeteiligte verliefen sich. Akten mussten hin und her geschleppt werden. 1962 erfolgte schließlich die Grundsteinlegung für das ersehnte "Zentraljustizgebäude". Pscheidt war einer der vielen Zuschauer, die damals die Baugrube umringten. Vier Jahre zogen ins Land, ehe das Gebäude tatsächlich bezogen werden konnte. "Ich war jeden Tag auf der Baustelle." Pscheidt hält diese Bauzeit für angemessen. "Man hat früher eben mit der Hand gearbeitet, nicht mit der Maschine."

Das gesamte Justizgebäude - 62 mal 47 Meter - ist mit Ziegeln gemauert. Für die Fußböden wurde blitzblanker Marmor verlegt, was sofort zu Stürzen führte. Der Stein wurde nachbehandelt. Spektakulär, damals wie heute, war der Schwurgerichtssaal, der über drei Stockwerke nach oben offen ist. Wenn sich seine Türen schließen, wirkt die Welt wie ausgeschlossen. "Hier hat sich nichts verändert", sagt Pscheidt. Die meterhohe Holzverkleidung an den Wänden stammt laut Pscheidt aus der Deggendorfer Werft, einem Ausrüster für Kreuzfahrtschiffe. Die Teppiche schlucken jeden Schall.

Kein Wort verstanden


Aber auch wirklich jeden Schall, wie sich Pscheidt erinnert. Nach den ersten Verhandlungen musste die Akustik nachgebessert werden. "Wenn die Zuschauerreihen voll waren, hat man nichts mehr gehört." Und die Zuschauerreihen waren voll. Gleich in der ersten Woche nach der Einweihung - am Donnerstag, 3. November 1966 - ging der erste Prozess wegen versuchten Totschlags über die Bühne. Ein Bauhelfer aus Tirschenreuth hatte seine Ehefrau nach 14 Bier mit einem Beil verletzt. Als besonders aufsehenerregend ist Pscheidt der wohl größte Prozess der Weidener Justizgeschichte in Erinnerung. Vor Gericht standen neun junge Prager, darunter drei Frauen, die 1972 ein Flugzeug nach Latsch entführt hatten. Dabei war der Pilot erschossen worden. Ihre Strafen: drei bis sieben Jahre Haft. "Da war voll."

Das erste "lebenslänglich" fiel schon früher. Im März 1967, als ein Ex-Kapo aus dem Steinbruch des KZ Flossenbürg des vierfachen Mordes angeklagt war (siehe unten). Hugo Rochel, genannt "die Ratte", nur 1,50 Meter groß, aber laut Zeugenaussagen als brutalster Kapo des KZ gefürchtet. So grausam, dass ihn sogar die SS abmahnte. Das Urteil unter Vorsitz von Dr. Adolf Schuster fällt deutlich aus: lebenslang.

1971 wird Dr. Schuster Landgerichtspräsident. Er ist damit einer von vier Präsidenten, die Anton Pscheidt erlebt hat. Walter Leupold kennt er nicht mehr aus dem aktiven Dienst. "Der ist zu jung für mich", meint der 90-Jährige augenzwinkernd. Nach seiner Pensionierung hat Pscheidt das Gericht nur noch besucht, um bei seinen alten Kameraden vorbeizusehen. Auch heute wird er von den Wachtmeistern der Weidener Justiz freudig begrüßt. Zwei haben ihn noch als Vorgesetzten erlebt: Robert Schneider und Hans Ritter. Legendär ist sein Gulasch aus dem Kupferkessel im Garten in Altenstadt. Auch im Innenhof der Justiz haben die Wachtmeister gefeiert und dabei "ein Feuerl geschürt".

Kaffee statt Guillotine


Beruf und Privatleben - das konnte Pscheidt schlecht trennen. Wenn die Familie an Weihnachten beieinander saß, war das Hallo oft groß. "Mein Sohn war bei der Kripo. Ich war Wachtmeister bei der Justiz. Mein Bruder war Gefängniswärter." Und Pscheidts verstorbene Frau war Schreibkraft - ausgerechnet bei der Bewährungshilfe. "Wir kannten wirklich jeden Lumpen von Weiden."

Als Pscheidts Bruder Gefängniswärter war, war das Gefängnis noch in der Regionalbibliothek - gegenüber des Landgerichts. Eine Mauer mit Stacheldraht teilte die Brüder. Heute blühen hier lila Blümchen. Büchereibesucher essen Torte im Hof. Pscheidt sieht's gern: "Ich muss meinem Bruder unbedingt erzählen, dass man hier heute Kaffee trinkt."

Wir kannten wirklich jeden Lumpen von Weiden.Anton Pscheidt (90)
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