70 Jahre "Der neue Tag": Andy Neumaier über die Kapriolen von Jahrzehnten
Das Wetter macht, was es will

Aus dem Landkreis Tirschenreuth stammt der Wetterexperte unserer Zeitung, Andy Neumaier. Der 38-Jährige prognostiziert regelmäßig (und zuverlässig) das Wochenend-Wetter quer durch unsere Lokalausgaben. (Foto: hfz)
 
So schön kann das Wetter sein: Ein Regenbogen leuchtet über dem Steinberger See im Landkreis Schwandorf. (Foto: Gerhard Götz)

... und das, seit 70 Jahren. Das Frühjahr im Gründungsjahr unserer Zeitung fiel genauso kühl und unbeständig aus wie heuer. Der Blick in die Wetter-Annalen offenbart einige Überraschungen.

Wir hatten das journalistische Vergnügen, mit dem NT/AZ-Wetterexperten Andy Neumaier über das Wetter der vergangenen 70 Jahre und die wettermäßige Zukunft in der Region ein Interview zu führen.

Die Erinnerung verklärt auch das Wetter: Heißen, sonnigen Sommern folgten immer Winter, die den Namen verdienten, und an Weihnachten lag selbstverständlich Schnee ...

Andy Neumaier: Das hat im letzten Winter schon mal überhaupt nicht funktioniert. Der letzte Sommer war recht heiß, der Winter dann dagegen irgendwie matschig mild bis frühlingshaft. Und die paar Tage Schnee konnte man an der Hand abzählen. Im Umkehrschluss hieße das ja auch, dass nach milden Wintern kühle Sommer folgen. Und wenn das so wäre, wie kämen wir dann aus der Spirale wieder heraus? Wollen wir also lieber hoffen, dass die Gründungsväter dieser Regel nicht unbedingt recht behalten, sonst sieht's ja für den aktuellen Sommer irgendwie doof aus.

Wie gestaltete sich der Frühling 1946, als unsere Zeitung gegründet wurde: Mussten wir uns warm anziehen?

Eher schon. Das war nämlich so ein ähnliches Frühjahr, wie wir es dieses Jahr erleben. Sehr launisch, ein relativ frischer März, der April wechselhaft mit einzelnen sommerlichen Tagen, und der Mai lange ebenfalls eher kühl und feucht. Die Daten aus den direkten Nachkriegsjahren sind da noch ein bisschen mau, aber anhand alter, staubiger Wetterkarten konnte ich das ein bisschen so herausfiltern.

Klimaerwärmung: Da kann man sich Freunde und Feinde machen. Fachlich gesehen, muss man da vor Panikmache warnen.Andy Neumaier

Wie fiel das Wetter in unserem Gründungsjahr insgesamt aus - wir hoffen doch, überdurchschnittlich?

Das war ein normales Jahr. Ein bisschen zu nass, vor allem im Februar und Juni, und von den Temperaturen her moderat bis leicht unterkühlt. Die Sonne hat sich an die damaligen Regeln gehalten, mehr als 32 Grad gab's damals aber wohl kaum, zumindest nach den Daten, die es aus der Zeit gibt.

Langweilig entwickelte sich das Wetter in den vergangenen sieben Jahrzehnten jedenfalls nicht: Was waren die größten Temperatur-"Ausreißer" nach oben und nach unten?

Naja. Irgendwie konnte man diese Ausreißer ja hauptsächlich erst in den letzten Jahrzehnten feststellen. 40,2 Grad in Gärmersdorf 1983, der Schneewinter 2006, als man die Dächer vielerorts von den weißen Massen befreien musste, der wärmste Sommer 2003, der wärmste Winter 2006/2007 ... Davor war alles noch ein bisschen moderater, irgendwie.

Welche Wetterphänomene - wie der Jahrhundert-Winter 1963/64 oder der Jahrhundert-Sommer 1983 - ereigneten sich noch?

In der jüngeren Zeit hatte man vor allem die Orkane Vivian und Wiebke vor Augen. 1990, das war die bis dato bedeutendste Sturmserie in der Oberpfalz. Dann kamen ja noch Lothar und Kyrill 1999 und 2004. 1978/79 die verheerende Schneekatastrophe in Norddeutschland, die für die Oberpfalz zumindest in Eiseskälte mündete, sonst aber hier etwas glimpflicher ablief. Dann hätten wir ja noch den unvergessenen Sommer 2003 zu bieten. Im Juli 1993 der erste bildlich festgehaltene Tornado in der Oberpfalz, damals in Pfreimd; am 29. Juli 2005 eine oberpfalzweite Gewitterfront mit mindestens einem Tornado bei Waldthurn und vielen schweren Sturmschäden in der gesamten Region. Das ist natürlich alles jetzt im neo-medialen Zeitalter viel besser dokumentiert, aus den Zeiten davor gibt es entsprechend immer weniger Hinweise, aber vielleicht auch einfach weniger Geschehnisse. Und so alt bin ich mit meinen 38 Jahren ja auch noch nicht.

Das Wetter verhält sich so bewegt wie das Zeitungsgeschehen: Unter welcher Schlagzeile lässt sich das meteorologische Geschehen in den vergangenen 70 Jahren zusammenfassen?

Wie gesagt, ich hoffe, es kommt jetzt niemand auf die Idee, ich könne mich komplett zurückerinnern. Ich muss mir das schon auch aus den Archiven zusammenfieseln. Auch die Frage ist schwierig, denn wie fasst man da 70 Jahre zusammen? Irgendwie haben viele Abschnitte ihren eigenen Charakter. Wie würdet ihr denn die Schlagzeilen der letzten 70 Jahre zusammenfassen? Seht ihr: Schachmatt!

Und in den kommenden 70 Jahren: Wagen Sie doch mal einen Blick in die Wetterküche der Zukunft!

Oh jessas. Also, wenn ich das könnte, dann wäre ich ja „the one and only Wetterking“. Da gibt’s natürlich schon ein paar Prinzen, die meinen, sie könnten das wissen wollen dürfen. Ich gehöre da eher nicht dazu und lass mich überraschen. Dann bin ich 108, und wenn ich’s wie Heesters mache, dann schaffe ich dann auch noch mal gerade so ein Interview dazu.

Was halten Sie von der Klimaerwärmung: Dürfen wir von der Oberpfalz als eine Art „grüne Toskana“ träumen?

Klimaerwärmung: Da kann man sich Freunde und Feinde machen. Fachlich gesehen, muss man da vor Panikmache warnen, die Lage beobachten und vor allem realistisch sehen, dass man da noch in den Kinderschuhen steckt mit der Beobachtung und Forschung. Ganz persönlich: Ich mag ja Schnee. Ich mag aber auch Sommer, Sonne und Palmen. Träumen darf man immer. Deshalb mein Traum: Tolle Sommer mit Sonne und Palmen, im Winter dann Eis und Schnee. Oder wenn’s geht: einfach wärmeren Schnee erfinden.

Sind durchgängig kalte Winter im wahrsten Sinne des Wortes Schnee von gestern?

Naja, in den letzten zwei Jahrzehnten könnte man zumindest meinen, dass das die Zukunftsvision ist. Ich möchte das nicht vorhersagen, und ich möchte das eigentlich auch gar nicht wissen. Ich bin ja ohnehin so ein Wetterfrosch für das Hier und Jetzt, und dann noch für morgen und übermorgen, und vom Rest lasse ich mich gerne überraschen.

Gestatten Sie noch eine persönliche Frage: Ihre Wetterprognosen erfreuen sich bei unseren Lesern großer Beliebtheit. Lagen Sie schon mal schief oder spielte Ihnen der „Druckfehlerteufel“ mit?

Mich freut es, wenn die Leser so denken. Aber wenn ich ehrlich bin, und das muss man als Wettermann auch sein, dann geht natürlich schon manchmal einiges schief. Ich kann aber zumindest behaupten, dass ich mein Bestes gebe. Was viele Leser ja nicht wissen: Wenn die Kolumne freitags zu lesen ist, dann wird die Donnerstagvormittag verfasst.

Die Daten stammen dann meist vom Mittwochabend oder der Nacht zu Donnerstag. Wenn dann die Vorhersage für den Sonntag, also 4 Tage später, noch passt, dann kann man eigentlich zufrieden sein. Und wenn sich eine Wetterlage mal kniffelig gestaltet, dann schreibe ich das auch mit rein. Wetter ist Chaostheorie, was soll man da groß anderes erzählen. Ich versuche halt mit allem, was ich weiß, das jede Woche auf meine Heimat Oberpfalz zu münzen, und wenn sich dann der Leser freut, dann freut’s mich auch.
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