70 Jahre "Der neue Tag": Blattkritik im Kaffeehaus
Lesersicht gegen Tunnelblick

Testleser im Café Frieden: (von links) Silke Winkler, Hilde Burger, Gerhard Krones und Thomas Bauer zerpflücken für uns den "Neuen Tag". Bild: Herda

Im redaktionellen Alltag wechselt der Auftrag durch die Ressorts. Jeden Morgen durchforstet ein anderer Redakteur das Blatt nach Fehlern, Stilblüten, gelungenen und weniger gelungenen Überschriften und Bildern. Noch besser ist es, wenn die Leser selbst das Blatt auf Herz und Nieren prüfen. Blattkritik mal anders - im Kaffeehaus.

Der Leser, das unbekannte Wesen. So schlimm ist es auch wieder nicht. Dennoch: Tausende absolvierte Termine, die ungezählten Stunden vor dem Bildschirm, da kann man schon mal den Tunnelblick bekommen. Ein Perspektivwechsel muss da nicht schaden. Das erste Zeitungskränzchen im Weidener Café Frieden - die Juroren eine bunte gesellschaftliche Truppe. Die erste Frage betrifft die Herangehensweise der Testleser an das zu lesende Objekt (NT, 18. Mai ):

Wie lesen Sie denn Ihre Zeitung normalerweise - von vorne nach hinten, rückwärts, erst den Lokalteil, den Sport? SPD-Stadträtin Hilde Burger, 35, greift wie Silke Winkler, 39, Vorstand im Weidener Kunstverein, zuerst zum Weidener Lokalteil. Kripochef Thomas Bauer, 47, blättert von vorne nach hinten und überspringt den Sport - während seine Partnerin von hinten beginnt. Auch Sozialpädagoge Gerhard Krones, 67, beginnt auf Seite 1, überblättert den Sport flott mit einem Blick auf den Tabellenstand des FC Freyung, verweilt im Lokalen, bleibt am "schönen Kulturteil" hängen - mit Begeisterung für Wanderrouten, Wetter und Todesanzeigen. Das geografische Interesse nimmt nach dem Stadtteil ab - außer bei Bauer, der sich berufsbedingt gleich drei regionale Ausgaben vornimmt.

Die Seite 1 ist Aushängeschild und Inhaltsangabe der Zeitung - sind die wichtigsten Themen des Tages vertreten? Konsens besteht, dass der Preisverfall der Milch, die Förderungsabicht für E-Autos und die Renten hierhin gehören. "Ich habe selbst einen E-Roller", sagt Burger, "und würde mir mehr Unterstützung wünschen." Ein kleiner Schmunzelkasten zum Specht in Floß, der das Rathaus traktiert, irrtitiert die Herren: "Muss man ihn auf der ersten Seite bringen?", zweifeln Bauer und Krones. "Mir gefällt so was", verteidigt Winkler das kleine Vergnügen.

Aktualität im Internetzeitalter - kein leichter Spagat: Was kommt Ihnen bereits bekannt vor, womit konnten wir Sie noch überraschen? Klar kommt die Rentendebatte immer wieder auf. "Arbeitgeber: Renten müssen sinken" hat mich aufgeregt und deshalb neugierig gemacht", verrät die Stadträtin: "Welche Lobby-Arbeit steckt dahinter?" Sieht der Pädagoge genauso: "Die Überschrift provoziert", sagt Krones. "Besonders in Verbindung mit dem Kommentar fand ich's interessant - da war ein neuer Aspekt der Bezug zur sozialen Marktwirtschaft, der zu wenig beachtet wird."Hausse und Baisse des Milchpreises sind zwar dem Polizisten und der Kulturvertreterin bekannt, aber weiter hinten findet Bauer eine "Grafik, die ich so noch nicht gesehen habe" - aufgeschlüsselt, wer wie viel am Liter verdient.

Apropos Kommentar? Möchte der geneigte Leser überhaupt noch die Meinung des Redakteurs serviert bekommen? "Mir ist das zu wenig Kommentar, zu wenig kritisch hinterfragt, oder auch mal süffisant aufbereitet", fordert der Gesetzeshüter mehr Mut. "Auch ich würde mir Kommentare provokanter wünschen", stimmt Krones zu. Und Winkler assistiert: "Mehr Pfeffer, bitte!" Etwa so wie die Karikatur, findet Burger: "Das ist bitterböse auf den Punkt gebracht."

Da denkt sich die Redaktion aus, wie wunderbar eine Seite 3 sein müsste, die regionale "Themen des Tages" serviert - honoriert das der Kunde? "Für mich ist das eine Gemischtwarenseite, bei der ich mich oft frage, warum das vor den Politik-Seiten kommt", ist die Stadträtin etwas ratlos. "Das einzige, was mir auffällt", gesteht Bauer, "da schreiben eure eigenen Journalisten." Immerhin, Gerhard Krones bricht eine Lanze für diese Errungenschaft: "Ich lese sie oft gerne, heute spricht sie mich weniger an - Wasserrettung und Einbruch." Immer wieder finde er hier aber "bedeutsame Themen".

Eine These der Medienbranche lautet: Nur ein kurzer Artikel ist ein guter Artikel - oder: BILD hat immer Recht. Wie finden Sie das Bemühen, möglichst viele Themen kurz abzuhandeln? "Obwohl der Einbruch mein Thema ist", grantelt der Kriminaler, "ist mir das schon zu lang." Es komme darauf an, wie viel Zeit man habe, zeigt sich Burger unentschlossen. "Ich lese schon lange Texte", outet sich Krones als Zeilenfresser. "Der Mehrwert kommt mir bei kurzen Texten zu kurz." Winkler sieht das anders: "Ich möchte einen Überblick, der ,Neue Tag' ist für mich eine Frühstückszeitung." Andererseits sei sie "ein großer Fan von Serien, wie der Crystal-Serie - kann man das nicht öfter an der gleichen Stelle bringen?"

"Die pfälzische Ampelkönigin" & Co: Wie treffend finden Sie die Überschriften, machen Sie neugierig, wissen Sie sofort, worum es geht? "Ich war erst gar kein Fan der verkürzten Überschrift", sagt Hilde Burger, "aber die ,Pfälzische Ampel-Königin' macht mich neugierig." Auch die zweite Dame am Tisch goutiert die kreative Lösung: "Eine Anspielung an Weinkönigin mit politischer Aussage, eine witzige Abwandlung." Krones dagegen liebäugelt mehr mit dem Interview mit der Juso-Chefin: "Das kann ich als 67-Jähriger auch unterschreiben."

Wie viel Zeit nimmt Ihre Lektüre täglich in Anspruch? "Etwa eine halbe Stunde morgens", liest sich Burger warm, "abends dann vertiefend nach Feierabend und im onetz - am Wochenende länger." Thomas Bauer nimmt sich für den allgemeinen Teil 20 Minuten, für jeden der drei Lokalteile 10 Minuten Zeit. Silke Winkler bringt es in der Früh und am Abend auf je 20 Minuten. "Am morgen 30 Minuten", trumpft Gerhard Krones auf. "Da kann es passieren, dass meine Frau oder ich Sachen rauslegen, auf die wir später zurückgreifen."
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