70 Jahre "Der neue Tag": Leserzuschriften im Wandel der Zeit
Lob und Tadel aus dem Herzen

Liebenswürdig, aber wie aus der Zeit gefallen wirken die noch handgeschriebenen Zuschriften der meist älteren Leser. Jeder einzelne Brief wird manuell erfasst, um dann im Redaktionssystem digital bearbeitet werden zu können. Solche Schreiben machen heute weniger als fünf Prozent der Leserpost aus. Die Reaktionen gehen fast durchwegs als E-Mails ein. (Foto: NT/AZ (Fotomontage))

Wie denkt der Leser? Welche Berichte und Themen berühren ihn? Nicht nur, weil wir den Leser als Kunden sehen, interessiert uns seine Meinung. Seine Haltung gleicht häufig einem Spiegelbild regionaler und gesellschaftlicher Diskussionen.

Vorweg gesagt: Wir freuen uns über jede Zuschrift, ob digital per E-Mail oder handgeschrieben (auch wenn letzteres für uns einige Mehrarbeit bedeutet). Leserbriefe unterliegen - quantitativ und inhaltlich - dem Wandel der Zeit. Bis in die 90er Jahre hinein schlugen sie eher in homöopathischen Mengen bei uns auf, widmeten sich meist den großen politischen Themen. Selten reichte der Posteingang für die Gestaltung einer ganzen Seite in der Gesamtausgabe.

Beruhte die eher zurückhaltende Resonanz darauf, dass damals das Vertrauen in Staat und Parteien ausgeprägter war? Oder lag es einfach am Aufwand (den Brief schreiben, frankieren und zur Post bringen)? Heute genügt ein Klick an leserbriefe@derneuetag.de, um seine Meinung schnell, bequem und direkt zu transportieren. Mehr als 95 Prozent der Zuschriften erreichen heute unsere Zeitung digital. Dies entpflichtet nach dem Pressegesetz nicht, den vollständigen Namen und die Adresse zu nennen. Bleibt auf unser rückfragendes Mail die Antwort aus, handelt es sich meist um ein Fake, das unter den mehr als Hundert Zuschriften im Monat erfreulicherweise die Ausnahme darstellt.

Auch die E-Mailadresse des Autors unter dem Kommentar fördert die direkte Kommunikation mit dem Leser. Seitdem stieg die digitale Leserpost nochmals signifikant an. Wir Redakteure stehen mit unserer Meinung schließlich nicht auf einem Podest, sondern auf Augenhöhe mit unseren Lesern. Wir sind daher offen und aufgeschlossen für kritisches Hinterfragen in der Sache. Diese unmittelbaren Reaktionen - ob zustimmend oder ablehnend - sind das Aufmunterndste, was einem "Schreiberling" so widerfahren kann: Wir fordern den Leser mit unseren Zeilen heraus, sich argumentativ oder emotional mit uns auseinanderzusetzen und auszutauschen.

Gerade bei einer Regionalzeitung sollte wechselseitig weder der Redakteur noch der Leser das unbekannte Wesen sein. Einen Zeitungsmacher könnte wohl nichts mehr entmutigen, als wenn der Leser am Morgen gelangweilt die Zeitung aus der Hand legen würde. Liebe Leser, wir nehmen daher Ihren Ärger an - und freuen uns noch mehr über Ihr Lob.
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