70 Jahre "Der neue Tag"
Neue Tage aus alten Zeiten

Gleicher Name, andere Zeit und anderer Ort. Die bis 1944 in Köln erschienene Zeitung, von der Originale immer noch im Internet gehandelt werden, hat mit unserem Medienhaus nichts zu tun. Bild: Götz
 
Jennifer Gavito, US-Generalkonsulin Bayern, beim Redaktionsbesuch am Dienstag, dem 70. Geburtstag des Medienhauses "Der neue Tag". In der Hand halten sie und Stefan Zaruba, stellvertretender Leiter der Zentralredaktion und des Ressorts Politik, die für die Jubiläumsbeilage nachgedruckte allererste Ausgabe vom Neuen Tag. Bild: Götz (Foto: ggö)

Zeitungstitel mit "Tag" oder "Neuer Tag" im Namen gab es auch andernorts. Die Neugründung 1946 in der Oberpfalz hatte mit keinem dieser Blätter zu tun. Manche waren astreine Propaganda-Blätter ihrer Zeit.

Von Michael Zeißner und Stefan Zaruba

Die mit der Lizenz Nr. 19 von der US-Militärregierung in Bayern ermöglichte Gründung einer unabhängigen und überparteilichen Tageszeitung mit dem Sitz Weiden lässt sich in vielen Details nachzeichnen. Der zuständige Presseoffizier Ernest Langendorf überreichte am 31. Mai 1946 um 11.30 Uhr im großen Sitzungssaal des Alten Rathauses in Weiden an Victor von Gostomski und Anton Döhler feierlich die Lizenzurkunde.

Neben dem Titel "Der neue Tag" Weiden (seit 1946) lassen sich vier inzwischen verschwundene Tageszeitungen mit diesem Namen nachvollziehen: "Der Neue Tag" (Wien, 1919/20), "Der neue Tag" (Prag, 1939-45), "Der Neue Tag" (Köln, 1934-1944) und "Neuer Tag" (Frankfurt/Oder, 1952-90). Politisch unterschiedlicher könnten Massenmedien kaum ausgerichtet sein.

Am 23. März 1919 erscheint erstmals eine deutschsprachige Tageszeitung mit dem Titel "Der Neue Tag". Das Wiener Blatt wird von Benno Karpeles (1868-1938) herausgegeben, der als erklärter Sozialdemokrat und Linksintellektueller gilt. Dem Blatt ist allerdings keine Zukunft vergönnt. Die letzte Ausgabe erscheint bereits am 30. April 1920. Gerade 13 Monate hat die Tageszeitung mit ihrer - aus heutiger Sicht - hochkarätigen Redaktion existiert. Das verlustreiche Blatt und die Inflation zehrten gewaltig an Karpeles' Vermögen. In "Der Neue Tag" sah der Herausgeber nach dem Ende des Ersten Weltkriegs quasi die programmatische Fortführung zum Aufbau der Republik Österreich. Umso mehr literarische Meriten gab es - im Nachhinein betrachtet - zu verdienen. Etwa für Joseph Roth (1894-1939), er hatte dort seine erste redaktionelle Festanstellung gefunden, oder Alfred Polgar (1873-1955), Literaturchef des Blatts.

Die Quellenlage zu der Tageszeitung "Der neue Tag" Prag (1939-45) stellt sich dürftig dar. Es handelte sich um ein astreines Nazi-Blatt zur Gleichschaltung der Medien und Unterdrückung der tschechischen Bevölkerung. Deutsche Zeitungen waren im liberalen Prag nichts Besonderes. Das "Prager Tagblatt" (1876-1939) zählte zu den besten deutschsprachigen Tageszeitungen überhaupt. Am 4. April 1939 musste das Renommierblatt sein Erscheinen einstellen. Am Tag darauf wurde in denselben Redaktionsräumen, derselben Druckerei "Der neue Tag" produziert.

Nicht nur die westlichen Alliierten hatten nach dem Zweiten Weltkrieg eine Lizenzpflicht für Tageszeitungen erlassen, die Sowjetunion ebenso. Sie gestattete nach 1949 auf dem Gebiet der späteren DDR jedoch ausschließlich Parteien und politisch ausgerichteten Massenorganisationen, Zeitungen herauszugeben. Diese Lizenzpflicht bestand bis zur Wiedervereinigung. Vor diesem Hintergrund entstand ein "Neuer Tag" Frankfurt/Oder. Dieses Blatt genoss den Status einer Bezirkszeitung und erschien unter diesem Titel von 1952 bis '90. Bezirkszeitung bedeutete, dass das Blatt ein offizielles "Organ der Bezirksleitung der SED" darstellte, mithin von der Partei herausgegeben wurde. Der "Neue Tag" Frankfurt/Oder fungierte als Regionalzeitung.

"Der Neue Tag - Die große Kölner Morgenzeitung": Im Internet werden derzeit mehrere Originalausgaben dieses während der Nazi-Zeit erschienenen Blattes angeboten. Gleichwohl ist die Quellenlage auch hier recht dürftig. Der Historiker Manfred Pohl schreibt in einem Buch ("M. DuMont Schauberg - Der Kampf um die Unabhängigkeit des Zeitungsverlags unter der NS-Diktatur"), dass 1934 der "Kölner Lokalanzeiger" und das "Kölner Tageblatt" fusioniert hätten und danach unter dem Namen "Der Neue Tag" erschienen seien. Den Beginn des Zweiten Weltkriegs begleitete das Blatt entsprechend der offiziellen Linie. Noch im Krieg endete laut Pohl die Geschichte der Zeitung dieses Namens. Am 1. September 1944 sei sie mit dem "Kölner Stadtanzeiger" zu einer "Kriegsgemeinschaft" unter dem Titel "Kölner Nachrichten" vereinigt worden.

Wie "Der neue Tag" zu seinem Namen kam Von Bärbel Panzer

Eine Geschichte, die mein Vater Victor von Gostomski gern und immer wieder in mehr oder weniger ausführlichen Fassungen erzählte, war die, wie unsere Zeitung zu ihrem Namen kam. Sie lautete ungefähr so:

"Ich befand mich mit meinem Freund Dr. Otto Färber, dem damaligen Herausgeber der 'Stuttgarter Nachrichten', mit dem Auto auf der Fahrt von Augsburg nach Weiden. Unterwegs spürten wir beide ein ,menschliches Bedürfnis' und hielten an. Und als wir da so einträchtig an einem Baum standen, fragte mich Dr. Färber: ,Wie willst du eure Zeitung eigentlich nennen?' Und ich darauf: ,Damals in Berlin war ich im Scherl-Verlag tätig, einem ungeheuer großen Betrieb. Die haben mehrere Zeitungen herausgegeben und unzählige Zeitschriften. Unter anderem war da auch ein Lokalanzeiger in zwei Ausgaben: der Nachtausgabe und dem Tag. Die eine hieß auch «Der Tag».' ,Na, dann nenne doch die neue Zeitung «Der neue Tag»', meinte Dr. Färber. Und dabei blieb es dann!"
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