Ablenkung durch Smartphone-Nutzung am Steuer immens
Nur einen Blick riskiert

Wenn das Handy piepst, riskieren viele den Blick aufs Display. Experten vermuten, dass die Dunkelziffer der Unfälle, die durch Handy-Nutzung verursacht werden, hoch ist. Eine Statistik gibt es dazu nicht. Die Erfassung ist zu aufwendig. (Foto: Gabi Schönberger)
 
(Foto: Gabi Schönberger)

Autofahrer unterschätzen die Gefahr. Nur einmal kurz aufs Handy geschaut - schon sind vier Sekunden vergangen, in denen der Fahrzeuglenker nicht auf den Verkehr geachtet hat. Trotzdem gibt es keine Statistik, wie viele Unfälle dadurch passieren. Die Dunkelziffer ist hoch, sagen Experten.

Der kurze Blick aufs Handy, eine Antwort per SMS: Wenige Sekunden Unaufmerksamkeit im Straßenverkehr können Leben kosten. So auch im Oktober 2015 zwischen Vohenstrauß und Weiden. Ein Landwirt fährt mit seinem Traktor auf der Staatsstraße, ein junger Mann in seinem SUV sieht den Traktorfahrer nicht und prallt fast ungebremst auf die großen Hinterreifen des Bulldogs. Der Landwirt wird aus seinem Sitz geschleudert und bleibt schwerverletzt auf der Straße liegen. Er stirbt einen Tag später.

Der 23-jährige Unfallfahrer tippte direkt vor dem Aufprall eine SMS. Das ergab die Auswertung des Smartphones. Den Gefahren der Handy-Nutzung am Steuer widmet das bayerische Kultusministerium heute einen Aktionstag "Augen auf die Straße".

"57 000 Anzeigen gab es wegen Handynutzung im Straßenverkehr im Jahr 2015. Das ist leider die einzige Zahl die ich dazu habe", sagt Michael Siefener, Pressesprecher des bayerischen Innenministeriums. In der Verkehrsunfallstatistik werde nicht ausgewertet, wie viele Unfälle durch Handys am Steuer verursacht werden. "Die Polizei kann in den wenigsten Fällen eine Handynutzung nachweisen. Oft liegt die Vermutung nahe, aber es gibt keine Indizien. Da muss der Verursacher die Nutzung zugeben oder ein Zeuge macht eine Aussage." Anderenfalls könne die Polizei nichts nachweisen, da die Beweislage oft mangelhaft sei. In Einzelfällen, bei schweren Unfällen, geht die Polizei dem Verdacht nach. Darüber wird aber keine Statistik geführt.

Im Minutentakt


Im Fall des Weidener Unfallfahrers forschte ein Kriminalhauptkommissar nach und fand durch Daten des Anbieters heraus, dass der Fahrer zum Zeitpunkt des Unfalls und vorher im Minutentakt Nachrichten versendet hatte. Der Fahrer wurde zu 21 Monaten auf Bewährung, 3 Monaten Fahrverbot und 2000 Euro Geldstrafe verurteilt. Wie gefährlich die Nutzung von Handys im Straßenverkehr ist, davor warnt auch Verkehrspsychologe Martin Gründl, Privatdozent an der Uni Regensburg. Gründl untersuchte in einem Experiment, wie lange eine Fahrerin auf das Display ihres Smartphones und nicht auf die Straße schaute - und was dabei passieren kann. Sie bekam eine Blickverfolgungsbrille und sollte durch einen Parcour fahren. Eine Nachricht wurde auf ihr Handy geschickt, gleichzeitig passierte das Auto eine Lichtschranke und ein Ball sprang auf die Fahrbahn.

"Die Fahrzeuglenkerin hätte bremsen müssen - aber sie sah den Ball nicht einmal", sagt Gründl. Vier Sekunden dauerte der Blick aufs Handy. "Die Fahrleistung sinkt massiv." Der Verkehrspsychologe betont, dass das Experiment keinen wissenschaftlichen Charakter hat. "Aber aufschlussreich ist es trotzdem, es zeigt genau, wie gefährlich ein solches Verhalten ist." Gründl beschäftigt sich in seiner Forschung hauptsächlich mit der Interaktion von Mensch und Maschine, sein Schwerpunkt ist der Bereich Verkehr. Er hat seine Doktorarbeit in der Verkehrsunfallforschung geschrieben, kennt daher die Problematik der fehlenden Statistiken. "Das ist ein heikles Thema. Es gibt natürlich niemand zu, während der Fahrt aufs Handy geschaut zu haben." Für die Polizei sei es schwierig, Daten zu erheben. "Bei schweren Unfällen mit Todesopfern ermittelt automatisch die Staatsanwaltschaft. Mobilfunkdaten können da Aufschluss über das Nutzungsverhalten des Fahrers geben. Das ist aber extrem aufwendig."

Überhöhte Geschwindigkeit, wenig Abstand, Alkoholfahrten: Es gibt eine ganze Reihe von riskanten Verhaltensweisen, die Leute im Auto freiwillig an den Tag legen.Martin Gründl, Verkehrspsychologe

"Fatale Fehleinschätzung"


Dass es gefährlich ist, am Steuer mit dem Smartphone zu hantieren, weiß jeder. Trotzdem tun es viele. "Überhöhte Geschwindigkeit, wenig Abstand, Alkoholfahrten: Es gibt eine ganze Reihe von riskanten Verhaltensweisen, die Leute im Auto freiwillig an den Tag legen." Als Grund sieht der Verkehrspsychologe einen Lernprozess. "Die Leute machen das und merken: Es ist nichts passiert. Also sagen sie sich: 'Ich kann das ruhig machen, mir passiert eh nichts.' Das ist eine fatale Fehleinschätzung."

VerkehrsstatistikDie Hauptursache für schwere Verkehrsunfälle war im Jahr 2015 überhöhte Geschwindigkeit. Rund ein Viertel aller tödlichen Verkehrsunfälle (168) ging auf Raser zurück. 177 Menschen starben deshalb 2015 auf Bayerns Straßen (2014: 193).

Im Zusammenhang mit Geschwindigkeitsverstößen hat die Bayerische Polizei im vergangenen Jahr 329 728 Anzeigen (2014: 319 638) erstattet und 844 657 Verwarnungen (2014: 840 510) erteilt. Zudem wurden 32 531 Fahrverbote (2014: 35 112) verhängt.

Die Alkoholunfälle reduzierten sich zwar auf 4580 (2014: 4603). Es seien aber immer noch 49 Alkoholunfall-Todesopfer zu beklagen (2014: 55). 67 Menschen starben, weil sie nicht angeschnallt waren (2014: 65).


Egoistische SMS-TipperAngemerkt von Tina Sandmann

Der Mensch lernt aus seinen Fehlern, heißt es. Aber er lernt nun mal auch daraus, wenn nach Fehlern keine schlimmen Konsequenzen eintreten. Nach dem Motto: "Ist ja nichts passiert, also kann ich das immer so machen", telefonieren viele Leute munter während des Autofahrens, schauen aufs Handy, wenn es piepst, und schreiben sogar SMS.

Das Problem an der Sache: Die Smartphone-Sünder lügen sich selbst in die Tasche. Denn auch wenn das Hundert Mal funktioniert, sobald es einmal kracht, bleibt der Blick aufs Handy nicht folgenlos. Und dann geht es oft auf Kosten anderer. Die SMS-Tipper beurteilen ihr Verhalten nur aus eigener Sicht. Sie vergessen völlig, dass sie mit ihrem Handeln nicht nur sich, sondern auch andere Verkehrsteilnehmer gefährden. Und da reicht's dann wirklich. Deshalb gibt es nur eines, das wir aus diesem Verhalten lernen sollten: Handy weg vom Steuer!


Kurz notiert: Pokémon Go am Steuer - Bub totTokio. (dpa) Ein neunjähriger Junge in Japan ist von einem Lastwagen überfahren worden, während der Fahrer gerade Pokémon Go spielte. Der Junge wollte nach Angaben der Polizei in der Zentralprovinz Aichi die Straße überqueren, als er plötzlich von dem Lastwagen erfasst wurde. "Ich hatte meine Augen nicht nach vorn gerichtet, weil ich Pokémon Go gespielt habe", gestand der 36-jährige Fahrer, wie die Polizei mitteilte. Im August hatte ein Spieler zwei Frauen überfahren. Eine von ihnen starb, die andere wurde schwerverletzt. Seit das Smartphone-Spiel im Juli in Japan herauskam, gab es bereits Dutzende Fahrrad- und Autounfälle mit Pokémon-Go-Spielern.
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