Abschaffung von 500-Euro-Scheinen
Bar jeder Geldvernunft

Sind 500-Euro-Scheine nur zur Geldwäsche geeignet? Die Abschaffung des Scheins könnte Millionen kosten. Bild: dpa
 
"Es ist ein Anachronismus, in einer freiheitlichen Gesellschaft vorschreiben zu wollen, wie man bezahlt." Zitat: Professor Franz Seitz, OTH Weiden

Wie mögen sich die Lykier gefühlt haben, als um 700 vor Christus der König statt Kaurischnecken, ihrer harten Währung, modernes Teufelszeug als Zahlungsmittel einführte - Münzen? Einer ihrer späteren Herrscher hat davon profitiert: Krösus. Wem aber würde die Abschaffung unseres Bargelds nützen?

Wie so oft marschieren die skandinavischen Länder an der Spitze eines Trends: Tankstellen, Restaurants und sogar kleine Läden müssen in Dänemark kein Bargeld mehr annehmen. Auch in Schweden verliert das Bare an Warenwert. Und in Deutschland bohrt Peter Bofinger in der Wunde: Große Scheine, so behauptet der Würzburger Wirtschaftsweise, seien das Schmiermittel von Drogendeals, Geldwäsche, Schwarzarbeit und Steuerhinterziehung.

Volkswirt Professor Franz Seitz von der OTH Weiden kann darüber nur den Kopf schütteln. Erst kürzlich habe er mit dem Linzer Ökonom Friedrich Schneider gesprochen, der weltweit als Koryphäe der Schattenwirtschaftsforschung gilt: "Der ist auch der Auffassung, dass in der Schattenwirtschaft größtenteils nicht bar bezahlt wird." Seitz führt Argumente gegen die Abschaffung eines "über Jahrhunderte gewachsenen Systems" ins Feld, "ohne sich Gedanken zu machen, welche Eigenschaften ein Alternativsystem haben müsste".

"Geld ist geprägte Freiheit" (Fjodor Dostojewski): Weltweit gebe es kein Vorbild einer bargeldlosen Gesellschaft. "Derzeit funktionieren Modelle wie das Zahlen über Smartphone wie ,Apple Pay' nicht mal im Ansatz." Sobald sich aber die Erfassung aller Waren im Einkaufswagen über Bluetooth durchsetze, habe man den gläsernen Kunden - ob dann die Daten für Werbezwecke bei Unternehmen landen oder bei der Krankenkasse die Alarmglocken läuten, weil der Käufer ungesunde Süßigkeiten eintütete, lässt sich kaum kontrollieren. "Der anonyme Kauf über Bitcoins ist eine Illusion."

Ruin für kleine Händler: In Deutschland liegt die Zahl der Bar-Transaktionen gemessen am Umsatz noch bei über 50 Prozent. Selbst bei Discountern wechseln häufig Scheine und Münzen den Besitzer. Die Umstellung auf gebührenpflichtige EC-Kartengeräte ist besonders für Tante-Emma-, Bio- oder Hofläden eine hohe Hürde.

Das Karten-Prozedere spart keine Zeit: "Man vergleicht meist ein optimal funktionierendes Kartensystem mit der halbblinden Oma, die mühsam 23,73 Euro aus den Tiefen ihres Portemonnaies herauskruscht", sagt Seitz. Seriöse Studien des Einzelhandels hätten gezeigt, dass der bargeldlose Zahlungsverkehr im Schnitt länger dauert. "Wir werden in Zusammenarbeit mit der Bundesbank so eine Untersuchung vor Ort durchführen", kündigt der Oberbayer an. "Mit Stoppuhr an der Supermarktkasse."

Mit Bargeldverbot rettet man den Euro nicht: Die Europäische Zentralbank pumpt 1,75 Billionen Euro in den Geldkreislauf, um die Wirtschaft im lahmenden Europa anzukurbeln - dennoch bleibt das Wachstum aus, weil keine zusätzlichen Kredite an Unternehmen vergeben werden, die damit Investitionen finanzieren und Arbeitsplätze schaffen. Also versucht man, das Geldhorten zu bestrafen. Gleichzeitig lahmt in vielen Ländern die Nachfrage. "Es gibt gute Gründe, warum Banken vorsichtig sind", sagt Seitz mit Blick auf die Regeln von Basel III. "Es geht um die Problemländer, dort lösen sie die Defizite nicht, indem man Bargeld abschafft - am besten wäre ein Systemwechsel zu einem Euro-Nord und Euro-Süd."

Negativ-Zinsen führen nicht automatisch zu mehr Konsum: Schon heute zahlen Banken für ihre Guthaben bei der EZB negative Zinsen. Die Rechnung ist einfach: Wenn wir alle auf unsere Sparvermögen Strafzins bezahlen, werden wir mehr kaufen. "Solange es Bargeld gibt, geht die Rechnung nicht auf - deshalb ist es manchen ein Dorn im Auge." Seitz kritisiert, dass die Banken, die am besten durch die Krise kamen, wie Sparkassen, Volks- und Raiffeisenbanken, dadurch bestraft würden: "Man nimmt ihnen die Existenzgrundlage." Sie müssten sich nach anderen Modellen umschauen und stellten sich die Frage: "Sollen wir auch auf Investmentbanking umsteigen?" Mit Folgen für den Mittelstand und Kleinkreditnehmer, die kaum noch Kredite bekämen. "Auch Versicherungen und Stiftungen haben riesige Probleme."

Deswegen will man den 500er abschaffen: Banken und Unternehmen legen Geld in den Tresor, in 500er-Scheinen - je höher der Wert, desto geringer der Platzbedarf und die Lagerkosten. "Das ist der Grund, warum er abgeschafft werden soll. Nicht wegen der Terroristen. Nicht wegen IS - wegen der Banken." Hans-Werner Sinn habe vorgerechnet: "Wenn die Banken gezwungen werden, statt der 500-Euro-Scheine die etwas kleineren 200-Euro-Scheine zu halten, steigen die Tresorkosten etwa auf das Zweieinhalbfache."

Die Gegenbewegung: "Jeder Bürger hat das Grundrecht, am zahlungsfreien Verkehr teilzunehmen", weist der Professor auf juristische Probleme hin. "Wir brauchen ein einfaches System, das auch für Behinderte oder Kinder zu handhaben ist - am besten offline, für kleine und große Zahlungen."

Es sei ein Anachronismus in einer freiheitlichen Gesellschaft vorschreiben zu wollen, wie man bezahlt. "Auch ich zahle unbar, aber ich sehe nicht den Vorteil, wenn man Barzahlungen vollkommen verbietet." Internetunternehmen wie Amazon würden einen gegenläufigen Trend setzen und Geschäfte aufmachen, wo man explizit bar bezahlen kann."

Beliebtes Bar-Modell in Deutschland: www.barzahlen.de

Es ist ein Anachronismus, in einer freiheitlichen Gesellschaft vorschreiben zu wollen, wie man bezahlt.Professor Franz Seitz, OTH Weiden


Ohne Bares nichts Wahres Angemerkt von Jürgen HerdaAm Anfang war die Muschel oder das Fell. Reelle Dinge mit so viel Wert, wie sie dem Käufer Nutzen brachten. Dann kam das Gold, aus dem man Münzen prägte. Und weil Finanzminister zu Geiz neigen, sank der Gehalt des Edelmetalls bei jeder Prägung - bis zu bedruckten Papierscheinen. Von wegen harte Währung. Die Erfahrung dieser Kurzfassung des "Kapitals" lehrt: Es geht immer noch wertloser. Linke Ökonomen mögen zwar auf das marodierende Kapital der Global Player schielen. Treffen wird es aber jeden Kleinsparer, dessen Sparpaket nicht nur wie jetzt von der Inflation gestutzt, sondern dann von Negativzinsen aufgefressen wird. Das Bare unterm Kissen ist zwar nicht das wirklich Wahre, aber immer noch besser als wie die armen Griechen vergeblich am Geldautomaten zu rütteln - weil die Regierung beschließt, dass das Ersparte zur Rettung der Banken unentbehrlich ist.
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