Ärgerlich für Patienten, Ärzte und Apotheker
Immer wieder Impfstoff-Mangel

Schon ist alles wieder gut: Der kleine Mann, der gerade noch mit den Tränen gekämpft hat, interessiert sich nur noch für die Gummibärchen aus dem keckernden Delfin. Diesen süßen Trost hält Kinderarzt Dr. Roland Renz für alle seine kleinen Patienten bereit. Bild: Götz

Eine wirklich kritische Situation gab es noch nicht. Aber ärgerlich ist es schon: Der Impfstoff ist aus. Das bekamen Patienten in den letzten eineinhalb Jahren immer häufiger zu hören. Und was dann?

Gerade wenn es um den Impfschutz von Säuglingen und Kleinkindern geht, hören Eltern diese Nachricht natürlich nicht gerne. Kinderarzt Dr. Roland Renz weiß, wovon er spricht. Schließlich verabreicht er an manchen Tagen 40 bis 50 Schutzimpfungen an seine kleinen Patienten. Deshalb betreibt er auch eine relativ hohe Vorratshaltung. Trotzdem ist jetzt auch bei ihm der 5-fach Impfstoff aus: als Schutz vor Tetanus, Diphtherie, Keuchhusten, Polio und Haemophilus, Typ b. Eigentlich sollte er Mitte des Jahres wieder verfügbar sein. "Aber inzwischen hört man, es sei fraglich, ob der Impfstoff 2016 überhaupt noch erhältlich ist."

6-fach-Schutz statt 5-fach


Da trifft es sich gut, dass seit kurzer Zeit der 6-fach Impfstoff wieder verfügbar ist. Der war nämlich auch einige Zeit vom Markt gefegt. Dafür gab es allerdings eine Alternative von einem anderen Hersteller. "Jetzt müssen wir eben die Eltern überzeugen, dass es besser ist, diesen Impfstoff zu nehmen als gar keinen, wenn es den 5-fach Impfstoff nicht gibt. Wichtig ist doch der Schutz." Nicht lieferbar ist zur Zeit auch die Auffrisch-Impfung Revaxis mit 3-fach Schutz gegen Tetanus, Diphtherie und Polio, berichtet Renz aus seiner Praxis. Als Alternative hierzu empfiehlt er die 4-fach Impfung, die zusätzlich noch gegen Keuchhusten ist.

"Gottseidank sind die meisten Patienten bei uns nicht ganz so kritisch", sagt er. Problematisch werde es, wenn jemand die Alternativen rigoros ablehne. "Dann reden wir mit Engelszungen auf ihn ein. Denn wenn zu viel Zeit verstreicht, besteht die Gefahr, mit dem Impfschutz in Verzug zu kommen."

Seit eineinhalb Jahren gibt es bei der Nachlieferung von Impfstoffen immer wieder mal Probleme, berichtet der Kinderarzt. "Das ist traurig." Eine zufriedenstellende Erklärung dafür gebe es nicht. "Die Arzneimittelvertreter entschuldigen sich zwar. Mal sagen sie, dass Chargen ausgefallen sind. Ab und zu heißt es, China kauft den Markt leer. Aber ob das stimmt oder ob das Ausreden sind, weiß ich nicht."

Auch dass die Impfstoffe nicht ausreichen würden, weil viele Flüchtlinge geimpft werden müssten, sei ihm schon zu Ohren gekommen. "Das ist Quatsch", meint Dr. Renz. Die meisten Kinder, die mit ihren Eltern nach Deutschland flüchten würden, seien 5, 6 Jahre oder älter. "Die bekommen ganz andere Impfstoffe als Säuglinge oder Kleinkinder." Vielleicht werde der Mangel auch durch falsche Planung der Produzenten ausgelöst.

Dass es beim Nachschub nicht rund läuft, stellt auch Andreas Biebl, Sprecher der Weidener Apotheker, seit knapp einem Jahr immer wieder fest. Er räumt zwar ein, dass die bei den Flüchtlingen nachzuholenden Impfungen einen kleinen Anteil daran haben dürften. Doch insgesamt agiere die Impfstoffindustrie in Deutschland sehr träge. "Jede einzelne Charge muss vom Paul-Ehrlich-Institut freigegeben werden. Das dauert." Die Pharmaindustrie wolle zudem Überproduktion vermeiden. Nicht zuletzt, weil die Haltbarkeit der Produkte begrenzt sei. Ein Produktionsausfall wie vor einem Jahr bei dem neuen Grippeimpfstoff mache sich da deutlich bemerkbar. "Vielleicht spielt die Globalisierung ebenfalls eine gewisse Rolle", überlegt Andreas Biebl. Bei anderen Medikamenten sei das der Fall. Deutschland gelte als Präferenz-Preisland. "Bei uns sind die Arzneimittel oft günstiger als im Ausland." So mancher Großhändler würde deshalb lieber ins Ausland verkaufen als an den heimischen Markt.

Für Reisende ärgerlich


Was wiederum zur Folge habe, dass manche Hersteller ihre Ware kontingentierten. "Bei Routine-Impfungen ist das nicht so dramatisch, und häufig gibt es Alternativen, wie zum Beispiel statt 5-fach einen 6-fach Impfstoff." Befriedigend sei diese Situation allerdings nicht. Und: "Wenn jemand verreisen will und eine wichtige Impfung nicht erhält, ist das natürlich ärgerlich. Das ist klar."
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