Als das Bier in Gefahr war
Die Rettung des Reinheitsgebots

In seinem ersten Leben war der Oberpfälzer Siegfried Donhauser einfacher Landbraumeister. In seinem zweiten Leben in München rettete er das Reinheitsgebot. Davon weiß in der Oberpfalz kaum jemand etwas.

Weiden/Amberg. Bier und Bayern gehören zusammen. Prost! Schuld daran ist das Reinheitsgebot. Am 23. April 1516 bestimmte der bayerische Landständetag in Ingolstadt: Bayerische Brauer sollten nur noch Gerste, Hopfen und Wasser für die Bierherstellung verwenden. Das älteste bis heute bestehende Lebensmittelrecht war geschaffen.

Das ist jetzt 500 Jahre her. Fast genauso lang konnte keiner mit wissenschaftlichen Mitteln nachprüfen, ob Bier tatsächlich nur mit diesen drei Zutaten hergestellt wurde. Grundsätzlich lässt sich Bier nämlich auch mit anderem Getreide oder etwa mit Reis oder Mais brauen.

Beharrlich geforscht


Biere mit "Rohfruchtzusätzen" drängten in den 1960er Jahren europaweit auf den Markt. Franzosen, Belgier, Holländer, Engländer: Keiner achtete das Reinheitsgebot. Gemeinsam überschwemmten sie den Markt mit billigen Bieren und brachten die deutschen Brauer zum Schäumen. Der reine Genuss: Er war bedroht. Weder die Zollbehörden noch die staatlichen Untersuchungsämter konnten die Verstöße nachweisen. Teuere Forschungsvorhaben wurden ergebnislos beendet. Brauer diskutierten über die Abschaffung des Reinheitsgebots. Doch Hopfen und Malz waren noch nicht verloren. Denn es gab Siegfried Donhauser, den Landbrauer aus der Oberpfalz. Keiner glaubte an seine Idee, Verunreinigungen im Gerstensaft mit Hilfe eines immunologischen Verfahrens nachweisen zu können: weder der deutsche Brauerbund, noch die Professoren an der Technischen Universität München. Donhauser, der gebürtige Amberger, der in Weiden am späteren Kepler-Gymnasium Abitur gemacht hatte, kaufte sich Bücher und las sich ein. Das medizinische Thema war allen im Brauwesen ein böhmisches Dorf. Er aber arbeitete sich an der Immunologie ab - und experimentierte. Nachts, nach der Arbeit, in einem kleinen Labor in Fulda. Alles bezahlte er selbst. Mit kleinen Schritten näherte er sich der Lösung. Nicht wenige schüttelten den Kopf: Zur Gewinnung von Antiseren hielt er Kaninchen in der Brauerei. Nach viereinhalb Jahren Durststrecke hatte er es geschafft: Sein Serum machte es möglich, erstmals in der Geschichte des Bieres, Verstöße gegen das Reinheitsgebot wissenschaftlich nachzuweisen. Die Schaumkrone der Bierforschung - und eine Revolution.

Die Skepsis habe ihn damals angespornt, erklärt er. "Ich hab mir gedacht: denen zeig' ich's." Nach der Entwicklung des Serums arbeitet er weiter, vertieft seine Forschung, entwickelt neue, bessere Methoden. Langsam wird die Fachwelt auf ihn aufmerksam. Er sei von den Spitzen des deutschen Brauerbunds eingeladen worden, erzählt Donhauser. Er stellte im Brauhaus in München seine Forschung vor. Sie erinnerten sich nicht mehr daran, die "fixe Idee" des "Landbraumeisters" belächelt zu haben und baten ihn, weiter zu forschen.

Irgendwann sei seine Arbeit so erfolgreich gewesen, berichtet Donhauser, dass sogar die Franzosen vor seiner Tür gestanden hätten. Sie konnten in Deutschland nichts mehr verkaufen: "Ob ich denn nicht einmal Urlaub machen wolle? In den Vogesen vielleicht? Oder Hirsche schießen?", doch Donhauser habe sich nicht bestechen lassen.

Zu Professur gedrängt


Nachdem Donhauser bereits seine Forschung selbst finanziert hatte, meldete er auch das Serum nicht zum Patent an. Auch zu einer Anstellung als Professor, um die sich andere gerissen hätten, musste ihn die Technische Universität München drängen: Zwei Jahre zuvor hatte er noch abgelehnt. Doch dann hätten ihn alle möglichen wichtigen Leute angerufen, allen voran der Kultusminister und ihm einfach zu seiner Ernennung gratuliert, sagt Donhauser.

Konfrontiert man den Professor mit seiner Lebensleistung, zeigt er aber doch noch etwas Stolz: Der Leiter der Wissenschaftsförderung der Deutschen Brauwirtschaft habe einmal seine Erfindung als Sternstunde der Bierforschung bezeichnet. Er habe gesagt: Eine geschlossene Front habe sich gebildet. Alle deutschen Verbraucher, Brauereien sowie Politiker kämpften nun für die Beibehaltung des Reinheitsgebotes. ,Das alles haben wir Professor Donhauser zu verdanken.' "Aber das schreibe ich nicht in meine Aufsätze", meint der Professor. "Weil das wäre ja Selbstbeweihräucherung."

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Weitere Informationen im Internet:

www.onetz.de/tagdesbieres2016

Heimat OberpfalzGeboren wurde Donhauser 1927 in Amberg, dort und in Kümmersbruck lebt bis heute seine Familie. Nach sechs Jahren zog er nach Weiden. Sein Abitur machte er an der Oberrealschule, dem heutigen Kepler-Gymnasium. Bei einer Feier auf der Blockhütte am Fischerberg entschloss sich Donhauser aus einer Bierlaune heraus, Brauer zu werden: Er hörte von einem Bekannten, dessen Vater als Braumeister in Peru gewesen war. Das inspirierte Donhauser. Auch er wollte in die Ferne schweifen.

Der spätere Retter des Reinheitsgebots ging bei der Brauerei Landgraf in Weiden in die Lehre. Danach begann er ein Studium zum Diplom-Ingenieur in München. In den Semesterferien kehrte er immer wieder in die Oberpfalz zurück: Er arbeitete im Bürgerbräu in Weiden und in der Löwenbrauerei in Grafenwöhr. Als Professor lehrte er viele Jahrzehnte an der Technischen Universität München.

Tatsächlich hat es den Oberpfälzer in seinem Leben wunschgemäß in viele Länder der Welt verschlagen. In München ist er aber nie richtig heimisch geworden: "Die Oberpfalz ist meine Heimat, der ich mich nach wie vor verbunden fühle. Es ist eine raue Landschaft, aber eine schöne Landschaft. In Oberbayern ist es so satt und behäbig." Er schätze die Oberpfälzer Mentalität, erzählt Donhauser. "Die sind ,grad-an'. Man merkt recht schnell, ob sie einen mögen. Da gibt es keine Schleimerei." Diese Eigenschaft habe er sich auch sein ganzes Leben über behalten. Damit sei er oft angeeckt.

Donhauser entwickelte in seiner wissenschaftlichen Laufbahn immer präzisere Methoden zur Überprüfung des Reinheitsgebots. Von seiner Leistung zeugen seine vielen wissenschaftlichen Arbeiten. Er wurde vielfach ausgezeichnet und ist Träger des bayerischen Verdienstordens und des Bundesverdienstkreuzes 1. Klasse. (dko)
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