Am achten Prozesstag gibt Psychiater sein Gutachten über Oliver H. ab
Angeklagter voll schuldfähig

Am Freitag, 28. Oktober, soll das Urteil gegen Oliver H. fallen.

Oliver H. ist voll schuldfähig. Zu dieser Einschätzung kommt der psychiatrische Gutachter, Dr. Johannes Schwerdtner. Der Angeklagte erfülle zwar Kriterien einer dissozialen Persönlichkeitsstörung, aber ohne Krankheitswert. Am Rande der Verhandlung wurde bekannt, dass der Angeklagte nicht zum ersten Mal im Mittelpunkt eines Todesermittlungsverfahrens steht.

Oliver H. hat von 2000 bis 2005 Georg K., den kranken Stiefsohn eines Bekannten gepflegt. Als der Patient starb, gab es aufgrund der ungeklärten Todesursache ein Todesermittlungsverfahren der Weidener Kriminalpolizei. Am Ende ging man nicht von einem Fremdverschulden aus. Dieses Verfahren ist jetzt von der Staatsanwaltschaft wiedereröffnet worden, bestätigte Oberstaatsanwalt Rainer Lehner. Es wurden noch einmal Beweise erhoben, die Akte am Ende aber wieder geschlossen. Ein Fremdverschulden ist nicht mehr aufklärbar.

Diese fünf Jahre als Pflegekraft sind die einzigen fünf Jahre Berufstätigkeit im Leben des Angeklagten. Im Gericht herrscht immer wieder Verblüffung, dass der 34-Jährige monatlich 1260 Euro private Erwerbsunfähigkeitsrente plus 1400 Euro Gesamtsumme von der gesetzlichen Rentenversicherung bezieht. "Wo kommt die Rente her?", fragt Vorsitzender Richter Walter Leupold. "Aus meiner Erwerbstätigkeit bei Georg", sagt der Angeklagte. Diese Zahlungen laufen auch während der Haft weiter.

Gewalt im Elternhaus


Gegenüber dem Psychiater machte Oliver H. (Jahrgang 1982) bereitwillig Angaben über seine Kindheit in Sachsen-Anhalt. Den Vater beschrieb er als "sehr gewalttätig". Es sei zu Schlägen gekommen, Zwangsmaßnahmen und sexuellen Übergriffen. Ein Stiefvater, mit dem er sich gut verstand, starb früh. "Ab seinem elften Lebensjahr war er stark auf sich allein gestellt", gibt Dr. Schwerdtner wieder. Als Teenager zog Oliver H. mit einem Freund in Regensburg zusammen. Der Gutachter spricht von einer "kurzen homosexuellen Beziehung" in der Jugend.

Oliver H. ging für einige Monate zur Bundeswehr, ließ sich dann aber aufgrund von Ängsten krankschreiben. Mit 17 lernte er den wesentlich älteren Bekannten (heute 77) kennen. Dieser stellte ihn im Jahr 2000 - nach einem vierwöchigen Kurs - als Pflegediensthelfer für den kranken Stiefsohn an. Die Drei leben zusammen in einem Haus in einem Weidener Ortsteil.

Die folgenden fünf Jahre beschrieb Oliver H. gegenüber dem Psychiater "als beste Zeit seines Lebens". Mit Georg habe ihn eine enge Freundschaft verbunden. Nach dem Tod des Patienten beantragte der Angeklagte 2006 die Rente. Zwei Gutachter attestierten ihm eine kombinierte Persönlichkeitsstörung und depressive Episoden. Daraus resultierte eine Erwerbsunfähigkeit für Pflegetätigkeiten. Oliver H. wird mit 24 verrentet.

Der Angeklagte ist zehnfach vorbestraft: unter anderem wegen Hausfriedensbruch, Erschleichen von Leistungen, Diebstahl. Wegen Nötigung im Straßenverkehr verlor er die Fahrerlaubnis. Das führte ihn 2004 erstmals zu einem Psychotherapeuten, dem er von Angstzuständen und Suizidgedanken berichtet. Er schrecke nachts auf. 2006 diagnostizierte das Bezirkskrankenhaus eine posttraumatische Belastungsstörung.

Dr. Schwerdtner, Leiter der forensischen Klinik am Bezirksklinikum Mainkofen, hat bei drei Terminen in der JVA und dem Studium aller Unterlagen einen eigenen Befund getroffen. Er sieht am "ehesten Kriterien für eine dissoziale Persönlichkeitsstörung", was aber kein Eingangsmerkmal für Schuldunfähigkeit ist. Auf der Psychopathie-Checkliste erreicht der Angeklagte nach Schwerdtners Einschätzung satte 27 Punkte, was auf eine hohe Rückfallwahrscheinlichkeit schließen lässt.

Urteil gegen Mittag


Am Freitag, 28. Oktober, 9 Uhr, wird plädiert: von Staatsanwalt, den zwei Verteidigern und dem Nebenklagevertreter Anwalt Werner Buckenleib. Gegen Mittag wird das Urteil der 1. Strafkammer erwartet.

Checkliste: Bin ich ein Psychopath?Auch der psychiatrische Gutachter Dr. Johannes Schwerdtner hat sie angewandt: Die PCL, eine Checkliste zur Diagnose einer "Psychopathy" des kanadischen Psychologen Hare. Sie ist inzwischen auch in der Kriminalprognostik in Europa weit verbreitet. "Psychopathy" steht für einen egozentrischen, gefühlsarmen Persönlichkeitsstil, oft einhergehend mit schweren Straftaten. Ab 25 wird ein "hoher Score" angenommen (in der Allgemeinbevölkerung unter 5 Prozent). Der Durchschnittsscore amerikanischer Gefangener liegt bei 22, in Europa niedriger. Oliver H. erreicht 27 Punkte.

Wer möchte, kann sich selbst einzuschätzen. In 20 Kategorien werden 0 bis 2 Punkte vergeben. Darunter: sprachgewandter Blender, übersteigertes Selbstwertgefühl, Stimulationsbedürfnis, pathologisches Lügen, manipulatives Verhalten, Mangel an Gewissensbissen, oberflächliche Gefühle, parasitärer Lebensstil, Promiskuität, frühe Verhaltensauffälligkeiten, Impulsivität, Jugendkriminalität.
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