Amalie Wutz feiert 90. Geburtstag
Mit viel Mut, Kraft und Fingerhut

Amalie Wutz. Bild: fku
50 Mark hat sie in der Tasche. Einen Fingerhut. Und sonst nicht viel mehr. Genug, um einen illustren Teil der Münchener Oberschicht einzukleiden. Frühling 1953. Amalie Wutz hat ihren Salon "La Mode" in Schwabing eröffnet, aber fast kein Geld mehr. Von dem bisschen kauft sie Stoff, näht zwei Kleider, ein Kostüm, und kurz darauf ist alles verkauft. Wenig später gehen in dem 50-Mark-Geschäft die Reichen und Wichtigen ein und aus, wie Wutz erzählt. Verleger-Tochter Mascha Kauka , die heute für ihre Hilfsprojekte bekannt ist. Die Frau des Schauspielers Horst Frank . Oder Eva O'Neill , nun Schwiegermutter der schwedischen Prinzessin Madeleine .

Wutz' Münchener Zeit ist vorbei. Seit gut 20 Jahren lebt sie in Weiden, wo sie vielen im Umfeld des Maria-Seltmann-Hauses als Autorin bekannt ist. Wo sie heute auch ihren 90. Geburtstag feiern wird. Nachdem sie in ihrem Leben nicht nur einmal mit wenig mehr als ihren Talenten eine Menge geschafft hat. Und war es noch so schwer.

"Ich habe immer die Verantwortung gehabt", sagt sie. Schon von Kindheit an. Geboren und aufgewachsen in Tiefenbach (Kreis Cham), muss sie sich als Älteste in der Familie Ried um die vier Geschwister kümmern. Ihnen Klamotten nähen. Und nicht nur ihnen. Wutz entscheidet sich, Schneiderin zu werden. Wie schon die Großmutter.

Nach der Gesellenprüfung, nach dem Krieg geht sie mit ihrem Mann Alois Wutz nach München. Inmitten der Trümmer des Krieges beendet er dort sein Lehramtsstudium, sie legt die Meisterprüfung ab. Schließlich der eigene Salon, 50 Mark, Erfolg - und der dumpfe Schlag: 1967 stirbt der Ehemann. Wutz hat plötzlich nur noch Tochter Annette . Sie muss den Salon aufgeben, die eigene Wohnung zur Hälfte in einen Laden umwandeln, sich um das Geschäft, das Kind, im Laufe der Jahre um 50 Lehrlinge kümmern. Wieder allein in der Verantwortung. Und wieder gelingt es. "Mit viel Mut und viel Kraft."

Und die Kraft hat sie sich bewahrt, als 1995 ihr drittes Leben beginnt. Nun in Weiden. Mit knapp 70 Jahren nochmal eine neue Stadt. Dort leben Tochter Annette und Schwiegersohn Dr. Michael Huber . Der baut am Klinikum die Gefäßchirurgie mit auf, wird ihr Chefarzt - und stirbt 2005 bei einem Unfall. Wieder ein Schlag. Und wieder schafft es die Familie, zu der inzwischen auch die Enkel Amelie und Simon gehören. Auch dank Wutz' Hilfe, die parallel in Weiden Fuß gefasst hat.

Sie gehört zu den Gästen der ersten Stunde im Seltmann-Haus. Bis heute besucht sie dort die philosophischen Kurse. Und die Gruppe "Autobiographisches Schreiben" mit Helga Wiesbeck . Statt aus Stoff erschafft sie nun eben etwas aus der Erinnerung. Wutz ist mit dabei, als sich die Gruppe als Teil eines europäischen Projekts mit literarisch begabten Senioren aus anderen Ländern austauscht. 2004 zum Beispiel besteigt sie erstmals in ihrem Leben ein Flugzeug und reist nach Finnland. Viele weitere Reisen folgen.

Das Projekt ist schon länger passé. Das Schreiben nicht. In der jüngsten Ausgabe der Senioren-Zeitung des Seltmann-Hauses (in deren Redaktion Wutz ebenfalls vertreten ist) ist wieder einer ihrer Texte erschienen. Und ab und an, erzählt sie, trägt sie auch noch ihren Fingerhut. Nicht, weil sie noch schneidern würde. Einfach so, aus Gewohnheit. Und überhaupt, manchmal braucht es ja auch nicht viel mehr, um viel zu schaffen.
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