An Bord des Rettungshubschraubers
Abflug in weniger als 100 Sekunden

Notärztin Julia Koch beim Ausfüllen des Einsatzprotokolls.
 
Rettungsassistent Patrick Süttner beim Check der medizinischen Ausrüstung.
 
Pilot Jochen Huber.

Mit einem Krampf- und einem Schlaganfall, mit zwei Verlegungen nach einem Herzinfarkt und einem abgesägten Daumen endete der Vortag in der Luftrettungsstation Latsch. Der neue beginnt für Pilot, Notärztin und Luftrettungsassistent mit Rührei und Speck. Jeder Bissen könnte der letzte vor der ersten Alarmierung sein.

"Ich kann abgetrennte Gliedmaßen sehen, Blut macht mir nichts aus. Aber gespuckt wird im Hubschrauber nicht." So verdeutlicht Notärztin Julia Koch, was ihr am heutigen Arbeitstag an der Luftrettungsstation in Latsch die größten Sorgen bereitet: Übelkeit könnte den Fluggast von der Zeitung überkommen. Schließlich hob er noch nie mit einem Hubschrauber ab. Und schließlich sitzt er der Notärztin im Rettungshubschrauber (RTH) Christoph 80 ausgerechnet direkt gegenüber.

Doch Julia Koch ist mutig. "Die Rühreier sind gleich fertig", ruft die Anästhesistin aus Amberg in Richtung des Rettungssanitäters und der Reporterin in den Hangar. Die 35-Jährige kümmert sich heute zu Dienstbeginn um das Frühstück der Crew. Zur Crew zählt heute auch Rettungssanitäter Patrick Süttner. Zuvor aber prüft der HEMS-TC (Helicopter Emergency Medical Service Technical Crew Member) die medizinischen Geräte an Bord des Hubschraubers wie das mobile EKG, das Ultraschallgerät im Handyformat oder das über 10 000 Euro teure Videolaryngoskop als optische Intubationshilfe. "Wir sind die ersten im ganzen Rettungsbereich, die so ein Gerät mitführen", sagt der 32-Jährige sichtlich stolz.

Pilot und Stationsleiter Jochen Huber hat derweil ein Auge auf das Wetter heute. Ein wenig Regen, ein wenig Wind, ein wenig Sonne. Es sieht gut aus. Auch die Vorflugkontrolle an Hubers Airbus Helicopter Typ EC 135 ist erledigt. Also meldet der 44-Jährige an die Integrierte Leitstelle, Christoph 80 ist einsatzbereit. Es ist 7 Uhr.

Bis zu 15 Stunden Schicht


Seit April 2011 startet der Rettungshubschrauber der DRF in Latsch. Immer von 7 Uhr an bis zum Sonnenuntergang. Im Sommer kommt es so zu 15-Stunden-Schichten. Für die Alarmierung gilt, es ist stets der am schnellsten verfügbare Notarzt zu schicken. Nicht selten ist das in einem Flächengebiet wie der nördlichen Oberpfalz Christoph 80.

Dessen Crew serviert zum Rührei Privates. Man verbringt in der Station zwischen Einsatz- und Reinraum, Küche und Wohnzimmer schließlich viel Zeit miteinander. "Bei Einsätzen verstehen wir uns so noch besser", weiß Notärztin Koch. Apropos: Die Crew bespricht auch Einsatzdetails vom Vortag. Eine Seniorin hat einen Herzinfarkt erlitten. Der RTH musste sie deshalb dringend ins Klinikum Regensburg bringen. Trotz ihrer ernsten gesundheitlichen Situation habe es die alte Dame genossen, abzuheben: "Die Frau war so begeistert vom Flug", erinnert sich Koch. Überhaupt gebe es ein ganzes Buch voll mit Dankschreiben von Patienten.

Eine 80-Jährige überkommen Glücksgefühle, wenn sie nach einem Herzinfarkt auf der Trage des Rettungshubschraubers liegt? Erstaunlich. Vielleicht ist es Zeit für den ersten Alarm. Vielleicht ist es an Bord gar nicht so übel, denkt die Reporterin - und hat Pech. Es bleibt ruhig.

Untypisch ist das. Denn laut Statistik fliegt der Rettungshubschrauber drei Mal pro Tag zu einem Einsatz. "Ich hatte auch schon 13 an einem Tag", erinnert sich Notärztin Koch. 6000 Einsätze absolvierte Christoph 80 seit Inbetriebnahme im April 2011. Gerade feierten die Verantwortlichen fünf Jahre Luftrettung in Weiden (wir berichteten). Dabei betonten sie, dass der Vertrag zwischen Zweckverband für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Nordoberpfalz (ZRF) und DRF-Luftrettung, die den Standort betreibt, um fünf Jahre verlängert wurde.

Pilot Jochen Huber ist von Anfang an an Bord. Dabei begann er seine Karriere als 16-Jähriger mit der Ausbildung zum Rettungssanitäter. Erst seit acht Jahren fliegt der Kommandant den 1500 PS starken Airbus Helicopter mit zwei Gasturbinen, die erst vor zwei Wochen in der kleinen Werft im Hangar gewechselt wurden. 250 Sachen schafft Christoph 80, mit Rückenwind geht's noch schneller. Wohin er fliegt, weiß das Navi an Bord. Die Integrierte Leitstelle (ILS) übermittelt die Flugroute zum Einsatzort direkt dorthin. Und dann passiert es. Die Uhr zeigt 11.30. Alarm!

Seniorin braucht Hilfe


Die Reporterin reagiert nervös, die Crew routiniert. Pilot Huber geht zuerst an Bord. HEMS-TC Süttner klärt derweil mit der Leitstelle, was wo passiert ist. Dann eilt auch er zum Hubschrauber, checkt die Koordinaten, die die Leitstelle bereits direkt auf das Navi im Heli geschickt hat. Notärztin Koch kappt die Stromversorung, steigt zuletzt zu, schnallt sich an, setzt den Helm auf, stöpselt das Mikrofon ein und zieht die blauen Handschuhe über: "Kabine ist klar", meldet sie. Nicht mal 100 Sekunden nach dem Alarm hebt Christoph 80 ab. Damit erfolgt der Take-off 20 Sekunden schneller, als es die Einsatzregeln fordern. Zeit für Unwohlsein bleibt schlicht nicht. Eine Seniorin in Schnaittenbach braucht Hilfe. Sie hat ihr Bewusstsein verloren.

Keine vier Minuten später kreist Huber mit Christoph 80 über dem Ziel. Alle halten Ausschau nach einem passenden Landeplatz. Ob der Holzzaun da morsch ist? Wie weit ist das Gewächshaus mit der Plane entfernt? Die Crew kommt zum Schluss: Das geht. Und wie das geht. Die Kufen setzen sicher auf im Gartengrundstück. Ärztin und Sanitäter laufen los. Ohne den 27 Kilogramm schweren Rettungsrucksack. Ihn braucht es ausnahmsweise nicht, weil ein Rettungswagen mit der nötigen Ausrüstung bereits vor Ort ist. Das weiß das Team wegen des Funkkontakts zur Integrierten Leitstelle.

Koch beugt sich über die Seniorin: "Sie haben ein bisschen wenig Flüssigkeit im Körper", sagt die Notärztin einfühlsam, kontrolliert die Vitalfunktionen der Frau, bereitet die Venen vor, um eine Infusion zu legen. Die 77-Jährige guckt einfach nur zu. Sie ist wieder bei Bewusstsein und stabil. Deshalb nimmt schließlich der Rettungswagen die Frau mit ins Klinikum Amberg.

Die Crew geht zurück zum Hubschrauber, ist bereit für einen möglichen Folgeeinsatz. Als Huber seinen rot-weißen Vogel aus dem Gartengrundstück in die Luft zirkelt, recken sich reihenweise die Hälse nach Christoph 80. Die Kinder auf dem Pausenhof stürmen zusammen, werfen ihre Köpfe in den Nacken und winken mit beiden Armen in den Himmel. Die Zeitungsreporterin bestaunt den Auflauf am Boden, freut sich, dass dieser Einsatz so glimpflich ausgegangen ist und denkt an die Seniorin vom Vortag. Glücksgefühle an Bord von Christoph 80? Wenn es der Gesundheitszustand erlaubt - absolut nachvollziehbar.

Die CrewIn der Luftrettung am Standort Weiden sind drei Piloten der DRF, sechs Rettungsassistenten des Zweckverbands für Rettungsdienst und Feuerwehralarmierung Nordoberpfalz sowie 17 Notärzte der Kliniken Amberg und Weiden im Einsatz. (mte)
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