Anerkannte Flüchtlinge könnten aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen - aber sie finden ...
Hunderte auf Wohnungssuche

Familie Al Najjar aus Altenstadt/WN ist eine von vielen Flüchtlingsfamilien, die im Landkreis und in der Stadt Weiden eine Wohnung suchen. Die ehrenamtliche Patin Vera Brieger unterstützt die syrische Familie dabei - und ist inzwischen selbst ratlos. Von links: Rawad (9), Jawad (4), Vera Brieger, Rawan (10), Mutter Amira mit Junior Mutassim (1) und Vater Mohamad. Bild: ca
 
Das Jobcenter zahlt die Mieten für anerkannte Flüchtlinge, so lange diese nicht auf eigenen Beinen stehen, analog zu Hartz IV: Die Tabelle zeigt, bis zu welcher Höhe das der Fall ist. Die Obergrenzen sind für Weiden und Neustadt/WN unterschiedlich. Für Neustadt/WN gibt es zwei Wohnraum-Typen. Grafik: NT/AZ
 
Zukunftspläne: Das Landkreissiedlungswerk hat die Vorplanung für 10 Wohneinheiten in der Ernst-Kraus-Straße in Altenstadt eingereicht. Bild: sm

Die Al Najjars aus Aleppo könnten eigentlich durchatmen. Sie sind anerkannte Flüchtlinge, mindestens bis 2018. Damit könnte die syrische Familie aus der Gemeinschaftsunterkunft der Regierung in der Kantstraße in Altenstadt/WN ausziehen. Nur: Wohin?

/Neustadt/WN. "Ich suche seit zwei Monaten eine Wohnung für meine fast siebenköpfige Flüchtlingsfamilie", berichtet Vera Brieger, ehrenamtliche Patin. Letzten Sonntag hat sie auf zehn Zeitungsannoncen angerufen. "Die meisten sagen: Wir haben nichts gegen Flüchtlinge. Aber sieben sind einfach zu viele."

Dabei wären die Ansprüche der Familie Al Najjar nicht groß. Seit fast zwei Jahren lebt das syrische Ehepaar mit den vier Kindern in einer Zwei-Zimmer-Wohnung auf 50 Quadratmetern: Wohnküche, Schlafzimmer, Kinderzimmer. Abends wird auf dem Teppich zwischen den beiden Kinderbetten eine Matratze ausgebreitet. "Alles, was größer ist, wäre schon eine Verbesserung", sagt Vera Brieger.

Dass in Deutschland viele Kinder ein eigenes Zimmer haben, quittieren Tochter Rawan (10) und die Söhne Rawad (9) und Jawad (4) ohnehin mit Unglauben. Auch örtlich ist man nicht festgelegt. Mangels Auto ist eine gewisse Infrastruktur vor Ort nötig. Weiden wäre schön, meint Mohamad. "Oder Luhe." Warum Luhe? Er hat gehört, da ist es gut.

"Familien mit vier, fünf Kindern haben generell ein Problem am Wohnungsmarkt", weiß die Neustädter Sozialamtsleiterin Johanna Meier. "Wenn die Wohnung dann auch noch wenig kosten darf, wird es noch schwieriger." Ein Großteil der Flüchtlinge ist - zumindest anfangs - auf Leistungen nach dem Sozialgesetzbuch II angewiesen. In diesem Fall werden die Kosten der Unterkunft vom Jobcenter übernommen, aber nur in gewissen Grenzen (Grafik).

Bei der Stadtbau Weiden liegen 300 Anträge von Parteien vor, die eine Wohnung in Weiden suchen, darunter immer mehr Flüchtlinge. "Bei uns läuft das jetzt verstärkt auf", sagt Susanne Haas von der Stadtbau. "Aber wir können auch nichts rauszaubern." Die Stadtbau vermietet 1700 Wohnungen in Weiden. Es gilt auch da: "Unser Problem ist, dass wir nicht so viele große Wohnungen haben", sagt Susanne Haas. Zwei, drei syrische Familien konnten aufgenommen werden. "Das klappt gut." Gerechtigkeit zu einheimischen Bewerbern wird gewahrt: "Wir sind ohnehin immer bemüht um eine ausgewogene Mieterstruktur. Integration funktioniert anders ja gar nicht."

Massenweise Bescheide


Das Problem wird sich verschärfen. Das Bundesamt für Migration arbeitet mit Hochdruck einen Berg von 499 000 Asylanträgen ab. Allein im Juni wurde fast 52 000 Anträge entschieden - zu 61 Prozent positiv. All diese Leute könnten aus den Gemeinschaftsunterkünften ausziehen. "Aber die Wohnungsnot ist eklatant. Wir kriegen nicht alle unter", sagt Manfred Weiß. Er hat als Koordinator Ehrenamt sein Büro im "Camp Pitman". Die Zahl der "Fehlbeleger" in den Gemeinschaftsunterkünften steigt wöchentlich (Stand diese Woche: 260). Einmal mehr bewährt sich laut Weiß das Patensystem. Wenn ein Einheimischer bürgt, klappe es immer mal wieder auch mit einer Wohnung. Erst letzte Woche konnte eine Patin des "Netzwerks Asyl" eine syrische Familie privat vermitteln.

Zurück zu Familie Al Najjar, die von Vera Brieger wärmstens gelobt wird: "sehr freundlich, so bemüht, sympathisch, aufgeschlossen, höflich und liebenswert." Papa Mohamad war früher als Maurer und in der Gastronomie tätig. Noch bis Ende des Jahres besucht er einen Integrationskurs an der VHS Weiden, danach will er "so schnell wie möglich" Arbeit finden. Mutter Amira kümmert sich um die vier Kinder - das fünfte, ein Mädchen, ist unterwegs. Tochter Rawan und Sohn Rawad besuchen die Grundschule und sprechen fließend Deutsch: Sie mag Mathe und Radfahren, er am liebsten Ballspiele im Sportunterricht. Vera Brieger: "Es macht sehr viel Freude, diese liebenswerte und dankbare Familie bei ihrer Integration zu unterstützen."

"Fehlbeleger"Die Zahl der "Fehlbeleger" in den Gemeinschaftsunterkünften steigt wöchentlich. Fehlbeleger sind anerkannte Asylbewerber, die ausziehen könnten. Aktuell befinden sich nach Auskunft von Regierungssprecher Markus Roth in der Weidener Unterkunft "Camp Pitman" plus in den Weidener Teil-Gemeinschaftsunterkünften 123 Fehlbeleger. Insgesamt sind in Weiden 564 Flüchtlinge (inklusive unbegleitete Minderjährige) untergebracht. Im Landkreis Neustadt/WN gibt es 138 Fehlbeleger bei insgesamt 1016 Asylbewerbern (unbegleitete Minderjährige mitgezählt).

Die Auslastung der Gemeinschaftsunterkünfte liegt laut Roth bei 80 Prozent. Aktuell setze die Regierung die Umsetzungen um, die ein Kabinettsbeschluss vom 26. April fordert. Die Staatsregierung will Flüchtlinge in Bayern wieder verstärkt in Gemeinschaftsunterkünften unterbringen. In Weiden gibt es mit dem Camp Pitman, Kasernenstraße, eine große GU. Zusätzlich haben Regierung und Stadt Weiden kleinere Teil-GUs - normale Wohnhäuser - angemietet. "Diese werden nach und nach abgebaut, um die Kommunen zu entlasten", erklärt Roth. (ca)


Die Wohnungsnot ist eklatant. Wir kriegen nicht alle unter.Manfred Weiß, Koordinator Ehrenamt der Diakonie

Einzelne haben schon Arbeit. Die meisten Flüchtlinge der großen Welle von 2015 befinden sich nach Einschätzung des Jobcenters aber noch in den Integrationskursen oder ESF-Bamf-Klassen (berufsbezogener Sprachunterricht). Das sei auch sinnvoll. Erst mit ausreichend Sprachkenntnissen könne berufliche Integration angegangen werden, so Geschäftsführer Wolfgang Hohlmeier. "Die Arbeit fängt für uns erst im Herbst 2016/Jahresbeginn 2017 an." Vorerst zahlt also das Jobcenter die Mieten, die von den Kommunen übernommen werden. Damit hat das Jobcenter einen Überblick, wie vielen es bisher gelungen ist, aus der Gemeinschaftsunterkunft auszuziehen. Etwa ein Drittel hat laut Hohlmeier eine eigene Wohnung gefunden. Für die anderen zwei Drittel zahlt das Jobcenter die Kosten der Unterkunft in den Gemeinschaftsunterkünften weiter. Dem Jobcenter sind 197 erwerbsfähige Leistungsberechtigte mit Fluchthintergrund in Weiden, 327 in Neustadt gemeldet.

Wohungspakt ein Flop

Von Christine Ascherl

Hunderte Flüchtlingsfamilien suchen eine Wohnung - auf einem Wohnungsmarkt, der für kinderreiche Familien ohnehin schon nichts hergibt. Unlösbar? Zumindest nicht schnell lösbar. Die glanzvoll aufgelegten Förderprogramme ("Wohnungspakt Bayern") sind in der Praxis nicht nutzbar, wie die Weidener Kämmerin jüngst dem Stadtrat erklärte ("Weckruf aus dem Rathaus", 22.6.). Ja, und selbst wenn - es gibt keine "bezaubernde Jeanie", die zwinkert und ein Haus steht da.

Fürs Erste wäre schon geholfen, wenn anerkannte Flüchtlinge sich in den Mehrfamilienhäusern einmieten könnten, die jetzt als ausgelagerte Unterkünfte der Regierung dienen. Diese Wohnungen waren von Regierung und Stadt angemietet worden, als es in den Gemeinschaftsunterkünften voll wurde. Inzwischen fährt der Freistaat einen anderen Kurs: Gemäß Kabinettsbeschluss vom April will man die dezentralen Unterkünfte nach und nach schließen.

Wem das alles zu viel Aufwand für "Fremde" ist, dem sei ein Trost: Die Bemühungen zielen auf ausreichenden, bezahlbaren Wohnraum ab. Am Ende würden alle Familien mit schmalem Budget profitieren.

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E-Mail an den Autor:

christine.ascherl@derneuetag.de

Hintergrund

Neuer bezahlbarer Wohnraum

Bei der Stadtbau Weiden liegen 300 Anträge von Parteien vor, die eine Wohnung suchen, darunter verstärkt Flüchtlinge. Die Situation stellt sich beim Landkreissiedlungswerk Neustadt überraschend anders darf: "Wir haben noch keine Anfragen aus dieser Richtung", sagt Geschäftsführer Toni Peter. Aber: "Bei uns schaut es momentan ohnehin sehr schlecht aus." Die Mappe mit Bewerbungsbögen ist "immer voll". Das Landkreissiedlungswerk hat etwa 650 Wohnungen und verwaltet die Wohnungen der Wohnungsbau Windischeschenbach. Aktuell stehen zwei Wohnungen in Neustadt leer, drei in Windischeschenbach.

Gerade für Familien mit drei, vier Kindern sei der Markt dünn. "Vier-Zimmer-Wohnungen haben wir ganz wenige." Das gleiche gilt für 1-Zimmer-Appartements, die im Flüchtlingsbereich auch gut gefragt wären. Die gute Nachricht: 2014 wurden in der Christian-Kreuzer-Straße in Altenstadt 17 Wohneinheiten neu gebaut. In Altenstadt/WN sei jetzt ein weiteres Wohnbauprojekt mit zehn Einheiten ins Auge gefasst. Die Vorplanung ist eingereicht.
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