Auf dem Land schließen immer mehr Apotheken, weil sie keinen Nachfolger finden
"Die goldenen Apothekerzeiten sind vorbei"

Vor allem auf dem Land schließen immer mehr Apotheken. Die Apotheke in Kirchenthumbach existiert seit Anfang 2014 nicht mehr, weil Inhaber Dr. Bernd Schäfer keinen Nachfolger gefunden hat. Archivbild: ü
 
"So manche Landapotheke, die nur offengehalten wurde, weil der Chef 60 Stunden die Woche arbeitet und sich kaum Urlaub gegönnt hat, findet verständlicherweise keinen Nachfolger." Zitat: Martin Wolf, stellvertretender Bezirksvorsitzender beim Bayerischen Apothekenverband

Überfluss in der Großstadt, weite Wege auf dem Land: Seit 2009 ist die Zahl der Apotheken in der Oberpfalz um 16 gesunken. Der Kampf um Kunden wird größer, doch die Mittel der Apotheker sind begrenzt.

Weiden/Regensburg. (esa/dpa) Rund 3200 Apotheken gibt es im Freistaat, jedes Jahr schließen zehn bis zwölf, weiß Thomas Metz vom Bayerischen Apothekerverband. Gerade auf dem Land ist es schwer, einen Nachfolger zu finden. "Wenn ein Landarzt schließt, weil er zum Beispiel in Rente geht, wird es für die Apotheke im Ort schwierig." Das bestätigt auch Martin Wolf, stellvertretender Bezirksvorsitzender: "Viele Kunden sind entweder in den Innenstädten, oder dort, wo Arztpraxen sind." Die Betriebe leben davon, dass Rezepte eingereicht würden, sagt Christian Züllich, Pressesprecher der Apotheken im Kreis Tirschenreuth. Die Politik wolle zwar Landarztpraxen erhalten, darüber freuten sich die Apotheker. Doch bleibe es bei Lippenbekenntnissen, konkrete Pläne folgten kaum.

Massiver Wettbewerb


"Die Zahl der Apotheken in der Oberpfalz ist von 292 im Jahr 2009 auf inzwischen 276 zurückgegangen, und ich gehe davon aus, dass diese Zahl noch weiter sinken wird", sagt Wolf. Sechs Neugründungen und sechs Schließungen hat das Landesamt für Statistik 2013 registriert, 2015 waren es sieben Eröffnungen und elf Schließungen. "Die goldenen Apothekerzeiten sind lange vorbei", sagt Josef Kammermeier, stellvertretender Vorsitzender des Bayerischen Apothekerverbands.

Als Grund für die Schließungen nennt Wolf die vielen gesetzlichen Einschnitte, die es immer schwieriger machen, eine Apotheke erfolgreich zu führen: Immer hochwertigere Leistungen, steigender bürokratischer Aufwand und entsprechend höherer Personalbedarf. "So manche Landapotheke, die nur offengehalten wurde, weil der Chef 60 Stunden die Woche arbeitet und sich kaum Urlaub gegönnt hat, findet verständlicherweise keinen Nachfolger", so Wolf, der die Rosen-Apotheke in Vohenstrauß betreibt. So erging es auch Dr. Bernd Schäfer. In Kirchenthumbach war er 30 Jahre lang Inhaber der Apotheke. Am 31. Dezember 2013 musste er schließen, sein Mietvertrag lief aus. Um weitermachen zu können, wären bauliche Veränderungen und größere Investitionen nötig gewesen. Für Schäfer, damals 61-jährig, hätte sich das nicht mehr rentiert. Der ortsansässige Allgemeinarzt Dr. Eduard Schreglmann und der damalige Bürgermeister Fritz Fürk haben sich 2013 an der Suche nach einem Nachfolger beteiligt - erfolglos.

Dabei fehlt es eigentlich nicht an Nachwuchs. Etwa 140 Studenten beginnen jedes Wintersemester ihr Pharmazie-Studium an der Universität Regensburg. Nach dem Studium stehen ihnen die Türen offen: Sie können in der Arzneimittelindustrie, Behörden oder Krankenhäusern, an Universitäten oder bei der Bundeswehr arbeiten. "Aber die Masse, vier von fünf Apothekern, sind in einer öffentlichen Apotheke tätig", weiß Wolf. Die Berufsaussichten seien nach wie vor gut, findet Züllich, der bei der Regierung als ehrenamtlicher Pharmazierat fungiert.

Angestellte Teilzeitkräfte


Von den Absolventen zieht es aber nur wenige aufs Land. Sie wollen lieber in der Stadt leben und arbeiten. Und um eine eigene Apotheke zu gründen oder eine bestehende zu übernehmen, benötigen sie viel Geld. Das fehle jungen Menschen. Oder es mangelt an Planungssicherheit, so Kammermeier. Zusätzlich ist die Vergütung der Apotheker laut Wolf in den vergangenen Jahren gesunken. 2015 lag sie bei 2,3 Prozent der Gesamtausgaben der gesetzlichen Krankenkassen. Hat sich tatsächlich einer zur Selbstständigkeit durchgerungen, muss er sich dem Wettbewerb stellen. Diesen beschreibt Kammermeier als "massiv". Da der Preis für Medikamente festgelegt ist, können sich die Apotheken nur in der Qualität oder im Standort unterscheiden.

Obwohl immer mehr Frauen Pharmazie studieren, arbeiten sie später meist als angestellte Teilzeitkräfte, weiß Kammermeier. Das unternehmerische Risiko bei einem eigenen Betrieb sei ihnen oft zu hoch, meint er. Züllich, der in Tirschenreuth eine Apotheke betreibt, hat lange nach einem Apotheker gesucht. Dann hat er eine junge Frau aus Hohenthann gefunden, die in der Region bleiben wollte. Züllich: "Ein Glücksfall."

Der Regensburger Apotheker Kammermeister erkennt ein regionales Gefälle in der Apothekendichte: "In einer Stadt wie Weiden ist die Dichte sehr hoch, im Landkreis Amberg-Sulzbach gibt es eine niedrige Dichte - bei nur 50 Kilometer Entfernung." Doch Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und Martin Wolf versichern, dass die Versorgung in Bayern noch immer flächendeckend gesichert sei. Auch die AOK sieht keinen Anhaltspunkt, dass die Apotheken im Freistaat nicht reichen. In Kirchenthumbach aber müssen Patienten für Medikamente nun mehrere Kilometer zurücklegen. Oder sie nehmen den Bringdienst in Anspruch, den die meisten Apotheker inzwischen anbieten.

Mehr Filialen, weniger EinzelapothekenBundesweit nimmt die Zahl der Apotheken zu, zumindest in den Städten. 1990 waren es rund 19 900 Apotheken, 2014 knapp 600 mehr, heißt es in einer Statistik der Bundesvereinigung Deutscher Apothekerverbände. Allerdings gab es vor zwei Jahren nur noch etwa 16 000 Haupt- oder Einzelapotheken. Es werden also immer mehr Filialen gegründet, die zu einer Hauptapotheke gehören. In Bayern gibt es rund 650 Filialen. 2014 haben in Deutschland fast 400 Apotheker ihr Geschäft geschlossen. Mit 25 Apotheken pro 100 000 Einwohner liegt Deutschland jedoch unter dem europäischen Schnitt (31). (esa)


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