Auf einen Cappuccino in der Max-Reger-Stadt
Winterliche Weidener Café-Szenen

Wer beim Café-Besuch ganz Ohr ist, bekommt auch mächtig was zu hören. Etwa Gesprächsfetzen vom Plausch am Nebentisch. Das kann durchaus interessant sein. Bild: Götz

"Wien bleibt Wien - und das ist das Schlimmste, was man von der Stadt sagen kann." Mit diesem Satz hat der scharfzüngige Literat Alfred Polgar das Verhältnis zu seiner Heimatstadt beschrieben. Im Café "Central" war er Stammgast. Für ihn war das eine "Weltanschauung". "Aber was sieht man da schon?", fragte er ironisch.

Der geistreiche Mann hätte einmal an einem trüben Wintertag nach Weiden kommen sollen. Denn in den Cafés der Max-Reger-Stadt gibt es sehr wohl viel zu schauen und viel zu hören - von Jungen und Alten, von Einheimischen und Besuchern aus dem Landkreis. Sie alle erfüllen sich ihre Wünsche nach alten und neuen Kontakten. Viele wärmen sich noch vor der Heimfahrt mit einem duftenden Cappuccino auf.

Dank der gemütlichen Enge und der guten Akustik erreichen viele Gesprächsfetzen unser Ohr. Am Nachbartisch echauffiert sich eine Dame: "Ich hab' meinem Rechtsanwalt alles bestens erklärt. Doch er hat vor Gericht alles durcheinander gebracht." Hinter uns teilt eine Frau ihrem Mann mit verschwörerischer Stimme die Diagnose ihres Arztes mit. Er tröstet sie mit sonorer Stimme: "Na, den Kopf hat der Doktor dir ja nicht abgerissen." Reflexartig fährt sie sich mit den Händen in die Haare und stöhnt: "Beim Frisör war alles wieder so voll."

Eine Kinderstimme fragt: "Mami, wird man leichter oder schwerer, wenn man den Bauch einzieht?" Ein anderes Mädchen erzählt aufgeregt vom Kommunion-Unterricht: "Wir sollten unsere Sünden aufschreiben. Ich wusste aber nicht, welche. Da habe ich einfach eine erfunden. Und die werde ich das nächste Mal beichten." "Ja, die Kinder," wendet sich ihre Mutter an die Nachbarin. "Neulich hat die kleine Schwester in der Kirche vor dem Heiland am Kreuz laut gerufen: ,Schau mal, Mami, der braucht auch noch eine Windel!' Das war mir ja fast peinlich."

Beim Blick aus unserem Café nach draußen auf die frierenden Raucher stellt sich die Frage, ob Friedrich der Große Nichtraucher geworden wäre, wenn er mit seinem Tabak-Kollegium in preußischer Kälte hätte debattieren müssen.

Als die freundliche Kellnerin kassiert, hört man einen Herrn im feinen Zwirn zu seinem Begleiter sagen: "Ich habe meine Frau mit einem Flieger in den warmen Süden verfrachtet. Aber jetzt muss ich daheim fast alles selber machen." Da fällt einem an der Tür ein Zitat des Physikers und Philosophen Blaise Pascal ein: "Unsere Probleme beginnen damit, dass wir nicht zu Hause bleiben."
Weitere Beiträge zu den Themen: Cafe (27)Alfred Polgar (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.