Aus Sicht des Gerichts zieht sich für drei Angeklagte die Schlinge zu
Kilo Crystal regelrecht aufgedrängt

Letzter Aufruf: Vorsitzender Richter Markus Fillinger appellierte am Dienstag eindringlich an die Angeklagten, doch auszupacken. "Für keinen von Ihnen sieht es nach dieser Beweisaufnahme gut aus." Seit vier Prozesstagen wird vor der 1. Strafkammer gegen drei Männer aus Tschechien verhandelt. Sie sind wegen bandenmäßigen Handeltreibens mit Betäubungsmitteln angeklagt. Zwei Kilo Crystal gingen an einen Scheinkäufer des Zolls. Das Urteil wird für 15. April erwartet.

Eine Strategie der Verteidiger zielt darauf ab, dass die Tat provoziert war. Dabei scheint es vielmehr so, dass der serbische Angeklagte mehr Crystal lieferte, als bestellt war. Staatsanwalt Christian Härtl spielte am Dienstag ein Telefonat ein. Scheinkäufer "Klaus" informiert darin aufgeregt seine "Führerin" beim Zoll: "Jetzt hat der schon wieder ein Kilo im Kofferraum und will unbedingt das Geschäft machen."

Biergarten gefilmt


Außer dem Serben sind ein Slowake und ein Tscheche angeklagt. Bei den Drogenübergaben saßen sie scheinbar unbeteiligt an einem anderen Tisch im Lokal. Genauso unbeteiligt sitzen sie im Gerichtssaal. Richter Fillinger: "Es spricht aber mehr dafür, als dagegen, dass sie alle beteiligt waren." Bei den ersten Verhandlungen saßen alle Drei am Tisch.

Staatsanwalt Härtl zeigte am Dienstag ein Video, das untermauern soll, dass das Trio zusammenarbeitete. In dem Café waren zur Übergabe vier Kameras installiert. Sie filmten, wie der serbische Verhandlungsführer im Biergarten seinen angeblich unbeteiligten Komplizen einen Zettel weiterreicht. Darauf stehen die Preisvorstellungen des Scheinkäufers: "18 000 Euro" - und damit weniger als vereinbart. Ganz offensichtlich regt sich der Slowake darüber auf.

Die Strafkammer kämpft sich durch eine mühsame Beweisaufnahme. Nicht alle "Vertrauenspersonen" (Spitzel aus der Szene) können problemlos geladen werden. Einer ist verschwunden. Laut V-Mann-Führerin des Zolls sind seine Handynummern tot. "Ist das üblich, dass er ausbüxt?", fragte Anwalt Tobias Konze. "Soll sie ihm ein GPS-Halsband umhängen?", ärgerte sich der Richter.

Für "rechtsstaatlich äußerst bedenklich" halten die Verteidiger einen Vorfall im tschechischen Most. Dort war es zu einem Treffen der Angeklagten mit einem Mann namens "Legionär" gekommen, begleitet von einem Undercover-Zollbeamten. Man besprach die Übergabe. Anwalt Rouven Colbatz hätte diesen "Legionär" gerne als Zeugen gehört. Die V-Mann-Führerin weigerte sich beharrlich, auch nur zu bestätigen, ob der Mann überhaupt dem Zoll zuarbeitet. "Dazu darf ich nichts sagen."

Angst vor Vietnamesen?


Am Dienstag kam noch eine weitere Dimension ins Spiel: Der Serbe hatte nach seiner Festnahme dem Staatsanwalt erzählt, dass er Angst vor Vietnamesen habe. "Er hätte sich von ihnen Geld geliehen, und jetzt würden sie ihn als Ausgleich dafür zwingen, Rauschgift nach Deutschland zu bringen." Das Crystal stamme vom Sapa-Markt ("Klein-Hanoi") bei Prag.
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