Autorin Barbara Warning und Migranten diskutieren über Integration
„Meine Zukunft liegt in der Schule“

Wie kann Integration gelingen? Darüber sprach Moderator Veit Wagner (von rechts) mit Samira Ismailova, Nizamidin Haydari und Barbara Warning. Bild: fku

Mario ist so ein Beispiel. Als Kind floh er mit Mutter und Vater vor dem Jugoslawienkrieg nach Deutschland. Neue Sprache, neue Schule, altes Haus: Jahrelang lebt er mit seiner Familie in einem schäbigen Asylheim, schämt sich deshalb vor seinen Klassenkameraden. Er erfährt Abgrenzung, erlebt, wie die Eltern nicht arbeiten dürfen, zusehends verzweifeln. Die Eltern, die ihn trotzdem ermahnen, dankbar zu sein dafür, dass er hier leben darf, und fleißig zu lernen. Heute unterrichtet er selbst als Deutschlehrer. Seine Schüler sind überwiegend Migranten. Er wolle ihnen zeigen, sagt er, dass auch sie viel erreichen können.

Mario hat es geschafft. So wie viele der anderen Zuwanderer, die Barbara Warning in ihrem Buch porträtiert hat (wir berichteten). "Heimisch und doch fremd" (Ravensburger Verlag) heißt das Werk, aus dem sie am Donnerstag auch im Alten Schulhaus liest. Netzwerk Asyl und AK Asyl haben dazu als Teil der "Interkulturellen Wochen" geladen und im Anschluss eine Diskussion mit Migranten organisiert, die in der Region leben.

Kein Idyll


Die Hamburger Autorin sagt, sie zeichne mit ihrem Buch "keine Multikulti-Idylle". Dazu seien die Probleme, die es vielfach gebe, zu groß. Aber sie wolle zeigen, wie Integration doch gelingen kann, indem sie positive Beispiele schildere. Warning hat dafür von Hamburg bis Leipzig Migranten mit ganz unterschiedlichen Biografien gefunden, die mitreißende Geschichten erzählen. Das alleine würde an diesem Abend schon genug Stoff bieten. Aber Warning sitzt nicht allein vor dem Publikum.

Da wäre zum Beispiel Samira Ismailova, die nach der Lesung mit der Autorin diskutiert. Die 25-Jährige wäre selbst ein Kapitel wert. Ihre Eltern stammen aus Aserbaidschan. Von Russland kam die Familie 2002 nach Deutschland. Auch Ismailova hat seither viel geschafft: Sie studiert an der OTH, engagiert sich im Integrationsbeirat der Stadt.

Was nach einem Musterbeispiel klingt, wurde und wird ihr allerdings nicht leicht gemacht. Sie wuchs teils in Camp Pitman auf. Auch sie, erzählt Ismailova, habe sich "sehr geschämt", Freunde dorthin einzuladen. Das Lager konnte sie schließlich verlassen, aber Probleme blieben. Weil ihr Aufenthaltsstatus unsicher war, habe sie ihr Studienfach nicht frei wählen können, erzählt sie. Noch heute müsse sie fürchten, dass die Eltern, die noch immer nicht arbeiten dürfen und im Asylheim leben, das Land verlassen müssen, die Familie auseinandergerissen wird.

Keine Kindheit


Wie viel Stärke manchen Migranten abverlangt wird, zeigt auch das Beispiel von Nizamidin Haydari, der an diesem Abend ebenfalls mitdiskutiert. Vor etwas mehr als einem Jahr kam der Afghane nach Deutschland. Der 17-Jährige legte den Mittelschulabschluss an der Europa-Berufsschule ab. Inzwischen ist er Gastschüler am Kepler-Gymnasium. Daneben spielt er für die SpVgg SV, organisiert Feste im Jugendzentrum.

Auch hier bleibt offen, woher er die Kraft nimmt. Denn da ist ja noch die Vorgeschichte. Mit acht Jahren, so berichtet er es, verließ er seine Heimat Afghanistan und seine Familie. Eigentlich sollte er zur Schule gehen, aber er habe dann doch vor allem arbeiten müssen, zuletzt in der Türkei, bevor er nach Deutschland kam.

In Afghanistan, sagt er, war er seit seiner Ausreise nicht mehr. Der Vater sei inzwischen verstorben. Die Mutter, der kleine Bruder - "ich weiß nicht, wie ihre Gesichter aussehen". Trotzdem: "Ich habe ein Ziel." Nämlich einen guten Beruf erlernen, in dem er dann womöglich wieder in Afghanistan arbeiten kann. Und deshalb "liegt meine Zukunft in der Schule". Gleichzeitig habe er "immer noch Angst, dass ich abgeschoben werde".

"Völlige Unsicherheit"


Ismailova und Haydari bekamen beide Hausaufgabenhilfe beim AK Asyl. Dessen Sprecher Jost Hess, der im Publikum sitzt, kennt neben solchen Biografien auch das Gegenteil. Oft sei es die "völlige Unsicherheit" über den Aufenthaltsstatus, an dem die Menschen zerbrechen. Dafür, woran Integration auch scheitern kann, wären das Paradebeispiele.

Ich weiß nicht, wie ihre Gesichter aussehen.Nizamidin Haydari über seine Mutter und seinen Bruder
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