Barbara Kurz über Multiple Sklerose – und warum Selbstmitleid für sie keine Lösung ist
Mein Leben mit MS

 

Die Sonne kommt raus. Warme Frühlingsstrahlen künden vom nahenden Sommer. Die 17-jährige Schülerin steht an der Bushaltestelle und blinzelt hinauf in den Himmel. Helle Sonnenflecken brennen sich in ihre Netzhaut, sie kneift beide Augen fest zusammen, die Lichtkreise verschwinden wieder – allerdings nur auf der rechten Augenseite. Links bleiben sie zurück. Etwas beunruhigt fährt die Gymnasiastin nach Hause, die Kreise wollen einfach nicht verschwinden. Wenige Stunden danach sagt der Augenarzt zu ihr: „Sie haben eine Sehnerventzündung.“ Aufatmen, es gibt Schlimmeres. Einige Monate später kennt die junge Frau ihre eigentliche Diagnose: Multiple Sklerose. Eine bis heute unheilbare Erkrankung, von der man nicht genau sagen kann, wie sie verlaufen wird. „Eigentlich eine nette Krankheit“, sagt Barbara Kurz mit einem Lächeln. „Ein negativer Verlauf ist zwar möglich, ebenso gut kann sich aber auch vieles wieder verbessern.“ Die Sonne scheint durch die Fenster ihrer Praxis für Heilpraktik und taucht die Skultpur eines Menschen, der zuversichtlich eine hohe Hürde nimmt in gleißendes Licht.

Eigentlich will die 17-jährige Schülerin von damals Kfz.-Mechanikerin werden – dass sie nun ihre eigene Praxis für Homöopathie samt Master- Abschlüsse in Psychologie und Pädagogik hat, liegt nicht zwingend an ihrer MS-Erkrankung. Auch wenn Barbara Kurz barbara_kurz_portra-ª+¬teinen Zusammenhang nicht gänzlich ausschließen möchte. „Das Leben sucht sich seine Wege, mein beruflicher Weg hat sich so ergeben.“ Es ist das Frühjahr 1999, als sich die Krankheit im Leben der Sulzbacherin vermeintlich zum ersten Mal bemerkbar macht. Denn als die Ärzte bei ihr „Multiple Sklerose“ diagnostizieren, deutet die junge Frau körperliche und seelische Anzeichen der Vergangenheit neu: dieses Gefühl, ein Bein fühle sich nicht normal an, dieses Kribbeln im Arm, diese Melancholie, dieser ständige Wunsch, lieber zuhause als draußen zu sein. Und auch wenn Multiple Sklerose keine klassische Erbkrankheit ist, denkt sie an ihren Vater, der ebenfalls an MS erkrankt ist. „In gewisser Weise war ich erleichtert, ein Kreis aus diffusen Beschwerden hat sich mit dieser Diagnose geschlossen, ab sofort lautete meine Aufgabe: Ich mache das Beste daraus!“

Multiple Sklerose: die Erkrankung mit den 1.000 Gesichtern – und jene, bei der sich der Körper aufgrund einer Autoimmunreaktion selbst bekämpft und schädigt. Entzündungs- und Abwehrzellen greifen fälschlicherweise körpereigene Strukturen an, die schützende Hüllschicht von Nervenfasern wird dabei zerstört. Mit der Folge, dass Nervenimpulse nicht mehr mit der angemessenen Geschwindigkeit an den gewünschten Ort gelangen. Muskelschwäche, Lähmungen, Minderung der Sehschärfe, krampfhafte Erhöhung der Muskelspannung und Gefühlsstörungen sind typische Symptome. Der Mensch, der Körper bekämpft sich selbst … als Heilpraktikerin mit psychologischem Studium stellt sich Barbara Kurz die Frage nach dem Warum in besonderer Weise: War ich in der Vergangenheit nicht achtsam genug mit mir selbst? Mit meinen Wünschen? Doch bei aller psychologisch kritischer Betrachtungsweise, weiß die 34-Jährige auch um mögliche körperliche Faktoren, die bei der Entstehung von MS eine Rolle spielen können: Vitamin D-Mangel zum Beispiel oder Umwelteinflüsse. „Ich achte darauf, dass mein Vitamin D-Spiegel im Lot ist, außerdem auf genügend Bewegung – und ich gehe positiv mit mir um, vermeide Stress, alles, was mir schaden könnte.“

Das Beste daraus machen … für Barbara Kurz geht dies ausschließlich über die innere Einstellung. „Ich akzeptiere, dass ich keine stundenlangen Wanderungen machen kann, sehe aber auch, dass sich gewisse Dinge wieder verbessert haben – Schwindelgefühle und Müdigkeit sind verschwunden, ich bin in der Lage, mein Leben selbst und aktiv zu gestalten.“ Das Schreckensgespenst, am Ende der MS-Erkrankung steht der Rollstuhl, lässt die Sulzbacherin nicht mehr in ihr Leben. „Vor acht Jahren hatte ich meinen letzten Schub, die Angst formuliert dann die Frage: Bleibt das jetzt so?“ Sie hat sich irgendwann selbst die Antwort darauf gegeben. „Ich weiß, dass ich mit der richtigen inneren Einstellung, mit Optimismus und Selbstvertrauen in der Lage bin, den Verlauf der Krankheit ganz wesentlich mit zu beeinflussen.“

So unterschiedlich Entwicklung und Symptome von Multiple Sklerose sind, so verschieden gehen Menschen mit ihrer Krankheit um: mal offensiv, aber auch zurückziehend. Deshalb hat Barbara Kurz die „Chamäleons“ gegründet – eine Gruppe von jungen, aktiven MS-Betroffenen zwischen 25 und 45 Jahren, die sich ein Mal im Monat gemeinsam zum Frühstücken treffen. „In lockerer und ungezwungener Atmosphäre, denn wir wollen keine Selbsthilfegruppe mit Stuhlkreischarakter sein. Vielmehr zeigen, MS heißt nicht automatisch bewegungsunfähig in den eigenen vier Wänden sitzen, sondern aktiv am Leben teilnehmen, das Leben genießen.“ Unser Blick fällt auf die Skulptur mit dem Menschen, der die große Hürde nimmt. „Ein Geschenk meiner Mutter zur Praxiseröffnung“, sagt Barbara Kurz. Der Mensch ist oben angelangt, die Hürde genommen.

Multiple Sklerose
Grundsätzlich unterscheidet man bei Multiple Sklerose zwei Verlaufstypen: den schubförmigen und chronisch-voranschreitenden Verlaufstypen. Bei über 80 Prozent der Patienten beginnt die MS mit einem schubförmigen Verlauf, wobei unter einem Schub neue Symptome zu verstehen sind, die mindestens 24 Stunden andauern und nicht anderweitig zu erklären sind – seit dem Beginn des letzten Schubes dürfen nicht mehr als 30 Tage vergangen sein. Meist geht ein anfangs schubweiser Verlauf später in einen chronisch-voranschreitenden Verlauf über. Selten sind Verläufe, die bereits zu Beginn chronisch-voranschreitend sind.


Treffen
Weitere Informationen zu Multiple Sklerose und „Frühstücks-Termine“ der Chamäleons im Weidener Musikcafé Hemingway finden sich im Internet unter www.ms-chamaeleons.de
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