Bayerisch-böhmisches Anti-Drogen-Bündnis
Rezepte gegen Crystal-Sucht

Eine beschlagnahmte Crystalküche in Tschechien. Bild: Herda [M]
 
Drogenexperten zu Besuch bei Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (Zweiter von rechts), der das Projekt "Need no Speed" unterstützt. Die neue Anti-Crystal-Koalition schmieden Michal Nemec (links), Vorsitzender des Vereins Prevent 99, Lions-Präsident Thomas Kühn (Dritter von links) und Thomas Bauer, Chef der Weidener Kripo. Bild: Herda

Maruška (27) bringt die gebrauchten Spritzen ihres Partners zum Verein Prevent 99 - eine überlebenswichtige Tauschaktion. Sie fasst Vertrauen zu den tschechischen Streetworkern. "Und sie schafft mit deren Hilfe den Ausstieg", erzählt Vereinschef Michal Němec beim Besuch in Weiden.

"Man kann immer voneinander lernen", resümiert Oberbürgermeister Kurt Seggewiß (SPD) nach dem Treffen mit Vertretern von "Need no Speed" und einer Delegation tschechischer Suchthilfeorganisationen und Behördenvertretern.

Der östliche Nachbar hat seit Jahrzehnten Erfahrung im Umgang mit Crystal-Meth. Ein Grund dafür, warum Gerhard Krones, Initiator des Anti-Crystal-Bündnisses, das Gespräch mit den Kollegen jenseits der Grenze sucht, anstatt nur über das Land zu reden, aus dem beträchtliche Mengen der synthetischen Droge stammen.

Bereits viermal tauschten sich die bayerisch-böhmischen Partner aus - organisiert von "Need-No-Speed" zusammen mit Tandem Pilsen. "Für uns ergaben sich daraus wichtige Erkenntnisse", sagt Krones. "In Tschechien ist Crystal längst kein Phänomen mehr, das der Partyszene zuzuordnen ist."

Keine Party-Droge mehr


Während man hierzulande in der Prävention vorwiegend mit "Partyszene-Projekten" reagiere, habe die Oberpfälzer Initiative von Anfang an die Auffassung vertreten, dass Crystal vor allem im Privatbereich konsumiert werde. "Neben Jugendlichen sind einige Berufsgruppen mit hohen Anforderungen gefährdet, da man zunächst Nächte lang konzentriert durcharbeiten kann", sagt Krones.

Besonders den in Tschechien seit langem erfolgreich angewandten Ansatz der "Niedrigschwelligkeit" hält der Sozialpädagoge für erfolgversprechend. "Das ist eine Kontaktmethode für Drogenkonsumenten mit der geringsten Motivation für ein Beratungsgespräch mit gleichzeitig ausgeprägtem Risikoverhalten", erklärt Streetworker Artem Vartanyan. Der Ansatz der "Harm Reduction", ein therapeutischer Fachbegriff, erreiche Süchtige durch konkrete Hilfsangebote wie Spritzentausch früher als Suchtberatungsstellen.

"Je früher der Kontakt mit dem Suchthilfesystem, desto mehr Kosten für spätere Arztbehandlungen lassen sich einsparen", sagt Nemec. Wie beim Fallbeispiel Maruska fördere das Motivation, aus der Sucht auszusteigen. "So können sich Streetwork und Suchtberatungsstellen sehr gut ergänzen." Angesichts der jüngsten Statistik Drogentoter in der Region - seit Anfang des Jahres sind in Weiden 5, in Regensburg 9 Opfer zu beklagen - müssten man sich um einen Zugang zu Hochrisikokonsumenten bemühen: "Die unmittelbaren gesundheitlichen Risiken des intravenösen Drogenkonsums lassen sich durch Spritzentausch wie beim Projekt DrugStop in Regensburg und durch Streetwork vermindern", ist Krones überzeugt, "weil die Leute nah an der Szene unterwegs sind und konkrete Unterstützung anbieten."

Eltern-Wochenende


Die deutsch-tschechischen Partner wollen es nicht beim Erfahrungsaustausch belassen: "Ein ganz konkretes Ergebnis des Dialogs ist, dass wir das Wochenende für die Eltern von Drogenabhängigen künftig auch auf tschechische Mütter, Väter und Geschwister ausweiten wollen", sagt Thomas Kühn, Präsident des Lions Goldene Straße. Sein Club führt das Projekt zusammen mit Prevent 99 durch - die bayerische Repräsentanz in Prag stellte den Kontakt her.

Tschechische Delegation in der OberpfalzAuf Einladung von "Need-no- Speed"-Initiator Gerhard Krones besuchte eine tschechische Delegation unter Leitung von Michal Nemec, Vorsitzender des Vereins Prevent 99 aus Blatná (Südböhmen), die Oberpfalz. Vertreter von Suchthilfeorganisationen wie Laxus (Hrádec Kralové, Pardubice/Ostböhmen), Spolek Ulice (Pilsen/Westböhmen), White Light (Ústí nad Labem/Nordböhmen) sowie Marek Nerud vom Landratsamt Südböhmen und Daniel Dárek, zuständig für die Finanzierung der Drogenpolitik im Prager Regierungsamt, machten sich ein Bild von der bayerischen Drogenpolitik im Allgemeinen und von den Aktivitäten des Weidener Jugendzentrums, des Magischen Projekts und dem Regensburger Programm "Akut" der Organisation Drug Stop im Besonderen.
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