Bayern 1 ohne Volksmusik
Misstöne bei Musikern

Bayerisch-Böhmische Musik- und Biernacht in Weiding bei Schönsee mit sechs Musikgruppen in drei Gasthöfen. Der Bayerische Rundfunk schafft Volksmusik in seinem Sender Bayern 1 ab, trotz großer Beliebtheit des Genres in vielen Teilen der Bevölkerung. Archivbild: Götz

Langjährige Hörer sind traurig bis empört: Bayern 1 spielt ab Pfingsten keine Volks- und Blasmusik mehr. Der Digitalsender "BR Heimat" wird nur bedingt als Alternative gesehen.

Co-Autor: Dominik Konrad

Weiden/Amberg. "Schade" findet es Bezirksheimatpfleger Tobias Appl, dass die Volksmusik in einen Spartenkanal abwandert. Gerade eine Mischung aus unterschiedlichen Stilrichtungen mache einen Radiosender doch attraktiv. Der Bayerische Rundfunk (BR) hatte hingegen erklärt, Formatbrüche wie "Volksmusik neben Pop- und Rockmusik" beseitigen zu wollen. Bei den Volksmusikkursen, die der Bezirk Oberpfalz anbietet, stellt Appl immer wieder fest, dass auch Klassik- oder Jazzfreunde teilnehmen. Es sei "toll", dass in den vergangenen Jahren strenge Genregrenzen niedergerissen wurden. "Die werden jetzt wieder ein Stück weit aufgebaut."

Dass Volksmusik eine Nische ist, glaubt Appl nicht. Entsprechende Kurse des Bezirks würden sehr gut angenommen, gerade auch das "Kindersingen", das regelmäßig in Regensburg und an Oberpfälzer Schulen angeboten wird. Volksmusik gehöre als Teil des kulturellen Lebens ins Hauptprogramm einer öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, sagt Appl. Daher habe sich der Bayerische Bezirketag im Vorfeld der Entscheidung an den BR gewandt und sich gegen die Verlegung der Volksmusik positioniert - letztlich ohne Erfolg. Dennoch will Bezirketagspräsident Josef Mederer (CSU) nicht lockerlassen. In einem Brief will er sich an BR-Intendant Ulrich Wilhelm wenden und fragen, ob sich der BR der heimatlichen Klänge schäme.

Anrufe von enttäuschten Hörern, die bei ihm "Frust ablassen", erhält in diesen Tagen auch Andreas Kleinhenz, Geschäftsführer des Nordbayerischen Musikbunds. Am meisten schmerzt ihn, dass die Blasmusiksendung sonntags zwischen 11 und 12 Uhr nicht mehr auf Bayern 1 läuft. Außerdem fragt er sich, ob "nur Schlagergedudel und Oldies" auf Dauer nicht zu langweilig sind.

Nicht ausgerüstet


Lob vom BlasmusikverbandDie Verbannung von Volksmusik aus dem Radiosender Bayern 1 stößt nicht nur auf Kritik. Der Bayerische Blasmusikverband hofft auf mehr Sendezeit für Blasmusik. Im Programm „BR Heimat“ finde die Volks- und Blasmusik tatsächlich eine neue Heimat, sagte Verbandsgeschäftsführer Andreas Horber. Gerade jüngere und experimentierfreudige Volksmusiker hätten so Sendemöglichkeiten, die es im UKW-Bereich nicht gebe. Der Bayerische Rundfunk will an seiner Entscheidung festhalten. „Die Entscheidung ist gefallen“, sagte BR-Hörfunkdirektor Martin Wagner im Interview mit der dpa.
Auch wenn dem digitalen Radio die Zukunft gehöre, seien viele Hörer heute dafür technisch noch nicht gerüstet. "Knackpunkt" sind für Kleinhenz die Autoradios, die noch überwiegend analog empfangen. Die Liebe zur Volksmusik sei in der Bevölkerung sehr verbreitet, ist er sich sicher. "Es ist schade, wenn diese Klientel nicht mehr von einem großen Sender bedient wird." Neben dem weinenden habe er aber auch ein lachendes Auge, räumt Kleinhenz ein: Dass sich mit "BR Heimat" ein Sender komplett der Volks- und Blasmusik widmet, sei gut - und die Umstellung auf digitale Technik ohnehin nur eine Frage der Zeit. Ähnlich sieht es Wilhelm Weidinger, Präsident des Oberpfälzer Kulturbundes. "Ältere Leute mit antiken Geräten dürfen nicht ausgeschlossen werden", sagt er. Andererseits zeigt er Verständnis für die Entscheidung, da "wir in einem technischen Umbruch stecken".

Christian Gold, Keyboarder der Weidener Indie-Rock-Band "William's Orbit", begrüßt, dass es auf UKW-Sendern Programmzeiten für bestimmte Musikgenres gibt. Aber: "Als ,Nicht-Volksmusik-Hörer' habe kein Problem damit, wenn es diese Sendezeit auf Bayern 1 nicht mehr gibt." Allerdings betrachtet auch er die digitale Ausstrahlung als Problem: "Ich sehe eine große sympathisierende Gruppe von Zuhörern, die nicht mal eben ihr Smartphone zücken und im Auto oder zu Hause den Bluetooth-Empfänger verbinden um das favorisierte Musikprogramm - jetzt digital - zu hören."

Eine Stunde möglich


Horst Fuchs, Vorsitzender der Nordoberpfälzer Musikfreunde, erklärt klipp und klar: "Ich finde es nicht gut, dass der BR die Volksmusik aus dem Programm nimmt. Die Musik ist im Aufschwung." Und auch der Tirschenreuther Landtagsabgeordnete Tobias Reiß (CSU), Mitglied des Rundfunkrats, sagt: "Eine Stunde am Tag wäre in B1 weiter möglich gewesen." Angesichts der Verbreitung des Digitalradios sei die Umstellung zu früh erfolgt. Das Konzept des BR verstehe er aber durchaus.

"Volksmusikszene ist gewachsen"Erstaunt hat Lothar Höher, Geschäftsführer des Regionalfernsehsenders OTV, auf die Ankündigung des Bayerischen Rundfunks reagiert, die Volksmusik aus dem Programm von Bayern 1 zu streichen. Höher moderiert die wöchentlich ausgestrahlte OTV-Sendung "Oberpfälzer Musikanten".

Herr Höher, was halten Sie von der Entscheidung, dass der Radiosender Bayern 1 künftig keine Volksmusik mehr spielt?

Höher: Ich war sehr überrascht und verstehe das überhaupt nicht. Die Volksmusikszene ist riesig und ist in den vergangenen 20 Jahren eher gewachsen. Kirwa und Tracht sind ein Trend gerade bei jungen Leuten. Außerdem ist die Volksmusik ja ein gutes Stück unserer Heimat, die im öffentlich-rechtlichen Rundfunk einen Platz haben sollte.

Ist "BR Heimat" eine Alternative?

Höher: Für einige bestimmt, aber nicht alle Volksmusikfreunde werden dorthin finden. Umso älter die Zuhörer sind, desto mehr haben sie ihre Gewohnheiten - und Volksmusik gehörte eben zu Bayern 1.

Die ARD hat den Musikantenstadl aufgegeben, Bayern 1 die Volksmusik. Besteht die Gefahr, dass OTV die "Oberpfälzer Musikanten" streicht?

Höher: Nein, nein, im Gegenteil, wir könnten sogar mehr Sendungen machen, so viele Anfragen haben wir. Das ist unser erfolgreichstes Format, es wird in ganz Bayern und auch in Österreich geschaut, was ja zeigt: Volksmusik ist unglaublich populär.


Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.