Bei Partnerschaftsverbund entstehen Freundschaften
Ein Hoch auf uns

Städtepartnerschaften haben es so an sich, dass sich Rede an Rede reiht, Honoratioren zu Empfängen bitten und sich im besten Fall Austauschschüler auf Facebook liken. Danach geht jeder wieder seiner Wege, um im Jahr darauf ein ähnliches Ritual zu zelebrieren.

Im Weidener Partnerschaftsverbund läuft es schon immer etwas anders. Fernab aller offiziellen Anlässe ist ein Freundeskreis gewachsen, der jenseits des Protokolls miteinander Spaß hat und neue Blicke auf Mitgliedskommunen ermöglicht. Angefangen hat alles mit einem Bierdeckel auf dem Bürgerfest (siehe Kasten). Dieser Gruppe gehören Frauen und Männer aus vier Nationen und fünf Bundesländern an, die sich reihum besuchen.

Nach Hamburg, Weiden am See, Macerata und Marienbad war zuletzt Annaberg-Buchholz an der Reihe. Organisator Heiner Nachtmann hatte für die "Bierfilzl"-Truppe ein Wochenende im Erzgebirge und in Dresden vorbereitet. Das Programm dürften nur wenige Einheimische schon ausgekostet haben.

An Tillichs Schreibtisch


Etwa das Probesitzen im Stuhl von Ministerpräsident Stanislaw Tillich in der sächsischen Staatskanzlei. Da der Hausherr gerade in Paris weilte, sperrte Sozialministerin Barbara Klepsch die Tür zur Machtzentrale in Dresden für die Freunde auf. Klepsch ist bekanntermaßen Ehrenbürgerin von Weiden und war vor ihrer Berufung ins Kabinett Tillich Oberbürgermeisterin von Annaberg.

In einer sitzungsfreien Woche nahm sie sich einen halben Tag Zeit, um den Gästen ihren Arbeitsplatz, die symbolträchtige Staatskanzlei mit dem Jugendstil-Atrium, das Grüne Gewölbe, die Frauenkirche und ein uriges Restaurant zu zeigen. Traurig: Die Ministerin gestand, dass sie Anfragen bekommt, ob Freunde mit anderer Hautfarbe einen Abstecher in die Kapitale der Pegida-Plärrer riskieren können. "Selbstverständlich", ist die zupackende CDU-Frau überzeugt, der ein weltoffenes Sachsen sehr am Herzen liegt.

Kultur der Offenheit


Ihr Nachfolger im Annaberger Rathaus arbeitet ganz in diesem Sinne. Rolf Schmidt (Freie Wähler) hat 400 Flüchtlinge in seiner 20 000-Einwohner-Stadt dezentral untergebracht. Von Überfremdung will er nichts wissen. "Das klappt prima. Die Asylbewerber fallen im Stadtbild doch gar nicht weiter auf." Wohltuende Töne an einem Wochenende, an dem 60 Kilometer weiter Clausnitzer Krawallmacher zur gleichen Zeit den Ruf der Region besudeln.

Die hat viel zu bieten, wie das Beispiel Annaberg zeigt. Drei absolut sehenswerte Museen, gute Gastronomie und eine beeindruckende Geschichte. Vielleicht stammt die Gastfreundschaft der Annaberger daher, dass vor Jahrhunderten Glücksritter aus ganz Deutschland auf Silberfunde in den Bergwerken ringsum hofften. Heute kann man ihren Spuren untertage im Bergbaumuseum "Im Gößner" folgen. Ebenfalls ein Must: Die historische Schmiede "Frohnauer Hammer". Bürgermeister Schmidt würde gerne an die Besucherzahlen aus DDR-Zeiten anknüpfen. Damals kamen 300 000 im Jahr in den "Hammer". Immerhin: Am Architekten-Wettbewerb für die Neukonzeption haben sich schon 96 Baumeister beteiligt.

Annaberg-Buchholz darf sich zudem "Schönste Weihnachtsstadt Deutschlands" nennen. Internet-Nutzer und eine Fachjury setzten Weidens Partnerin jüngst auf der Messe "Christmasworld" in Frankfurt diese Krone auf.

Zurzeit bereitet sich Schmidt auf die 500. Auflage der "Kät" vor. So heißt das größte Volksfest des Erzgebirges. Es steigt 14 Tage nach Pfingsten. Zum Jubiläum sucht Schmidt Vorschläge aus der Bevölkerung. So viel Bürgernähe imponiert Pierluigi Tordini. Der Marketing-Experte aus Macerata kennt diese ausgeprägte Gesprächsbereitschaft nicht. Dafür haben die italienische und die sächsische Partnerstadt eine andere Gemeinsamkeit. In beiden werden Stadtratssitzungen live übertragen. In Macerata im Internet, in Annaberg im Regionalfernsehen. Dieses Maß der Transparenz ist dem Weidener fremd. "Das muss kein Nachteil sein", räumt Schmidt ein. Die massive Öffentlichkeit führe dazu, dass es manchmal etwas verkrampft zugehe. Doch Schmidt ist mit seinen 30 Räten aus 6 Parteien ganz zufrieden. Er ist auf wechselnde Mehrheiten angewiesen, bescheinigt aber allen sachorientierten Pragmatismus.

Überraschungsgast


Irgendwie gleicht sich Politik überall. Zu diesem Ergebnis kamen beim Abendessen Rolf Schmidt, Barbara Klepsch und Willy Schwarz aus Weiden am See. Der Österreicher kam mit Ehefrau Hermine nach Sachsen, um "der Barbara" mal Servus zu sagen. Die "Bierfilzl"-Truppe hatte ihn als Überraschungsgast eingeschleust. Wo sie sich nächstes Jahr trifft, ist offen. Schwarz machte aber allen schon mal den Mund wässrig. Der Burgenländer Wein Jahrgang 2015 verspricht exzellente Ergebnisse.

Der Bierfilzl-PaktAm Bürgerfest-Wochenende 2011 bedauerte eine lustige Runde aus den Partnerstädten im "Pallas" am Unteren Markt, dass es leider wieder ein Jahr dauern wird, bis man sich wieder sieht. Also am besten gleich einen Pakt schließen: Auf einem Bierfilzl versprachen die Unterzeichner, sich öfter mal zu besuchen. Immer Ende Februar, wenn die Chance gering ist, dass Urlaubspläne oder andere Pflichten im Wege stehen. Auf dieser Basis pflegen Kontakt: Heiner Nachtmann, Stefanie Sperrer, Norbert Wittmann (Weiden/OPf.), Walter Karner (Weiden am See), Pierluigi Tordini, Lorenzo Tordini, Ulderico Orazi (Macerata), Zdenek Kral (Marienbad), Hennes Stolley, Rainer Hisker, Matthias Kool (ehemaliges Minenjagdboot Weiden) und seit Neuestem Katrin Bräuer aus Annaberg-Buchholz. (phs)
Weitere Beiträge zu den Themen: Freundeskreis (6)Partnerschaftsverbund (1)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.