Bewegungsdaten ermöglichen Entwicklung neuer Therapien
GPS am National-Trikot

Anhand von Bewegungsdaten lassen sich Therapien erstellen. Diese interessante Entwicklung zeigte Professor Bjoern Eskofier (rechts) auf Einladung von Professor Clemens Bulitta (links), Leiter des OTH-Instituts für Medizintechnik, beim Kaminabend an der OTH auf. Bild: Bühner

Die deutsche Nationalelf trägt T-Shirts, mit deren Hilfe Bewegungsdaten gesammelt werden. Die sind allerdings absolut geheim. Wie derartige Daten bei der Entwicklung von Therapien helfen können, erfahren die Zuhörer beim Kaminabend an der OTH.

Professor Dr. Bjoern Eskofier von der FAU Erlangen-Nürnberg informierte hier über neuartige Systeme zur Erfassung von Bewegungsdaten und daraus entwickelte Gesundheitsprodukte. Als Stiftungsprofessor der Firma Adidas wolle er "Medizintechnik für das alltägliche Leben entwickeln".

Schon vor über 10 Jahren war Prof. Eskofier federführend an der Entwicklung eines "intelligenten Laufschuhs" beteiligt, von dem 1,2 Millionen Exemplare verkauft wurden. Dieser "Smart Shoe" war mit einem Mikroprozessor ausgestattet. Er passte die Dämpfung des Schuhs dem jeweiligen Untergrund an, auf dem gelaufen wird. In der Folgezeit stand für den Wissenschaftler zunächst die Sammlung und Analyse biomechanischer Daten des Menschen und seiner Bewegungsabläufe im Vordergrund. "Ziel ist es, neurologische und muskuläre Erkrankungen besser behandeln zu können", berichtet der Referent. Für die Behandlung von Bewegungsstörungen würden in Deutschland jährlich über 50 Milliarden Euro an Kosten anfallen.

Sensoren in Schuhen


"Wir haben über 1000 Datensätze von Parkinson-Patienten", nennt Eskofier ein Beispiel. Über Sensoren in den Schuhen wurden über längere Zeit deren Schrittlänge, Fersenhub, Schwung- und Abrollphase erfasst. Das ermöglicht laut Eskofier Aussagen über das Fortschreiten einer Erkrankung. Zudem können Bewegungsübungen entwickelt werden sowie Hinweise zur Sturzprophylaxe.

Eskofier sieht in der systematischen Datenerfassung und den daraus entwickelten Konsequenzen deutliche Vorteile gegenüber der traditionellen Situation des "Arztbesuches einmal im Halbjahr". Gerade bei chronischen Erkrankungen gebe es schwankende Symptome, die durch systematische Bewegungsmessungen besser beobachtet werden könnten. Sogenannte telemedizinische Informationen könnten auf verschiedene Art und Weise gewonnen werden, zum Beispiel auch durch ein von Adidas entwickeltes Fitness-Shirt. Ausgestattet mit Bewegungssensoren, GPS und einem Übertragungsteil würden so Bewegungsdaten erfasst. "Auch die Nationalspieler tragen im Training ein solches Shirt", so die überraschende Information für die Zuhörer.

Im Mittelpunkt der Auswertung von Bewegungsprofilen stehe allerdings nicht der Sportler, sondern der Patient, betonte Eskofier. Er meinte, dass es im Gesundheitssystem eines Tages zu einem Paradigmenwechsel kommen könnte. Derzeit werde die Therapie entlohnt. Doch vielleicht werde in Zukunft nur der Erfolg entlohnt, der über Bewegungsanalysen gemessen werden könne.

Spezial-Zentrum geplant


Ziel seiner Forschung sei es, "ein Zentrum für Bewegungsmedizin zu errichten". Bewegungsanalysen könnten auch zur Früherkennung von Muskelerkrankungen führen. "Dazu brauchen wir Parameter mit Aussagen über muskuläre Erkrankungen", sagte der Professor. Einsatzbereiche seien auch die Vermessung der Rehabilitation nach Operationen, die Entwicklung einer "Tagesform-scharfen" individuellen Medikamentendosis und Trainingsempfehlungen. Patienten könnten sich auch selbst besser beobachten und Schlussfolgerungen daraus ableiten, meinte der Referent.

Generell wurde aber auch festgestellt, dass der Datenschutz in Deutschland anders als in den USA das Zusammenspiel verschiedenster Datenbereiche verhindere. Bei den Krankenkassen selbst sei das Thema der Früherkennung durch Bewegungsanalysen "noch nicht aufgeschlagen", stellte der Professor fest.

Ziel ist es, neurologische und muskuläre Erkrankungen besser behandeln zu können.Professor Bjoern Eskofier
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