Bundesweite Studie: Weiden ist Sitzenbleiber-Hochburg
Mieses Zeugnis zum Schulbeginn

(Foto: dpa)

Das neue Schuljahr hat begonnen. Für einige aber in der alten Jahrgangsstufe. Besonders Schüler, die in Weiden lernen, trifft das Wiederholer-Schicksal. Das behauptet eine nun erschienene Studie. Sie erklärt Weiden zur Sitzenbleiber-Hochburg.

Nur in Hof, Fürth und Coburg mussten laut der Zahlen vom Schuljahr 2014/2015 prozentual mehr Schüler als in Weiden eine Ehrenrunde drehen. So jedenfalls steht es im nun veröffentlichten "Sitzenbleiber-Atlas", einer erstmals erhobenen 122-Städte-Schulstudie. Darin wird auch behauptet, dass vor allem Realschüler der Stadt das Klassenziel verfehlten.

Realschüler sehr gefährdet


Doch alles der Reihe nach: Der Atlas bezieht sich auf 2014/2015. In diesem Zeitraum lernten laut Studie in Weiden in vier verschiedenen Schularten (Grund-, Haupt-, Realschulen sowie Gymnasien) 5807 Schüler. 206 davon, sprich 3,54 Prozent, mussten die Klasse wiederholen. Hochgerechnet auf 1000 Schüler drehten damit 35 eine Ehrenrunde. Im Vergleich weicht Weiden damit von der durchschnittlichen Wiederholerzahl der 122 untersuchten Städte in Deutschland satte 80 Prozent ab. Die Folge: Die Studie stuft Weiden als Sitzenbleiber-Hochburg ein.

Weiter heißt es, besonders in den Realschulen der Stadt gebe es viele Wiederholer. Die Quote lag 2014/2015 bei 7,1 Prozent, 44 Prozent über dem 122-Städte-Schnitt (1251 Realschüler, 89 Wiederholer). Nur 12 andere Städte verbuchten in dieser Schulart höhere Sitzenbleiberquoten. Zum Trost: Die Amberger Realschulen kommen nicht viel besser weg: Sie rangieren mit 6,6 Prozent sechs Plätze hinter Weiden, gelten ebenfalls als Sitzenbleiber-Hochburg.

Auch die Gymnasiasten Weidens drehen oft Ehrenrunden. 2014/2015 wiederholten 99 der insgesamt 2585 Pennäler. Das ergibt eine Sitzenbleiberquote von 3,8 Prozent (Amberg: 2,9 Prozent) - und im deutschlandweiten Vergleich wieder den Titel Sitzenbleiber-Hochburg für Weiden.

Was das dem Steuerzahler kostet, will die Studie auch vorrechnen. Dafür bedient sie sich der Zahlen der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Diese rechnete zuletzt in ihrem Bericht zur Pisa-Studie 2013 vor, dass jede Ehrenrunde im Jahr mit 34 000 Euro zu Buche schlägt. Dieser Betrag beinhaltet die tatsächlichen Kosten sowie die künftigen Steuereinbußen, weil der Sitzenbleiber verspätet in den Arbeitsmarkt eintritt. Die 206 Wiederholer Weidens im Jahr 2014/2015 verursachten demnach Kosten für die Allgemeinheit von über 7 Millionen Euro.

Fitte Grundschüler


Bei Grund- und Hauptschulen der Stadt dagegen läuft's laut Studie gut. 2014/2015 musste keiner der 1281 Grundschüler der Stadt eine Ehrenrunde drehen. Die Folge: Weiden gilt in dieser Schulart als Streber-Stadt, wird deutschlandweit als zweitbeste Grundschul-Adresse gelistet.

Ähnlich positiv fällt das Ergebnis für die Hauptschulen aus. Von 690 Hauptschülern mussten sich 2014/2015 nur 18 aufmachen, eine Ehrenrunde zu drehen (2,6 Prozent). Nicht zu toppen ist hier allerdings eine andere Kommune nahe Weiden: Amberg. Die Stadt an der Vils hat die niedrigste Sitzenbleiberquote an Hauptschulen deutschlandweit (733 Schüler, davon 1 Wiederholer).

Hintergrund


Die Studie erstellte das Internet-Verbraucherportal billiger.de auf der Basis von Zahlen der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder. Auch sei bei einigen Schulen angefragt worden. Das Portal wählte für seine Untersuchungen die "122 bedeutendsten Städte Deutschlands" aus. Neben Hamburg und Berlin (wo Sitzenbleiben oft gar keine Option mehr ist) oder etwa München finden sich auch Amberg - und Weiden.

Das sagen Kultusministerium und Lehrerverband zum Sitzenbleiber-AtlasDie Studie bewegte sowohl das Kultusministerium als auch den Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) zur Stellungnahme.

Das Ministerium erklärt: Die Sitzenbleiber-Quote Bayerns bei allgemeinbildenden Schulen liegt bei rund 1,6 Prozent und konnte dank diverser individueller Fördermaßnahmen "leicht gesenkt werden". Der BLLV meint: 50 000 Wiederholer in Bayern pro Schuljahr sind zu viel.

Zudem kritisiert das Ministerium, die Studie verkenne die Realität. So fließen in die Berechnungen die freiwilligen Wiederholer ein, also speziell für die so gescholtenen Realschulen etwa diejenigen, die nach einem Übertritt nach der 5. Klasse Mittelschule freiwillig die 5. Klasse Realschule besuchen. Zahlen dazu nennt das Ministerium nicht. Deshalb bleibt unklar, inwiefern der Anteil der freiwilligen Wiederholer statistisch ins Gewicht fällt.

Besonders harsch kritisiert das Ministerium die Auflistung der Kosten für eine Ehrenrunde. Es führe völlig in die Irre, "die Schulzeit allein nach kommerziellen Kriterien und Kosten zu bewerten - manchmal ist teuer besser [...], gerade, wenn es um Bildung für junge Menschen geht".

Der BLLV meint: "Anstatt Geld in das Wiederholen zu stecken, sollte vielmehr kräftig in die individuelle Förderung jedes einzelnen Schülers investiert werden." Und: "Ziffernnoten spiegeln nicht das tatsächliche Leistungsspektrum wider." Zeitgemäße Lern- und Leistungssysteme müssten etabliert werden. (mte)
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