Comeback der Extraklasse
Jugendfußballer Marcel Zenger überwindet Krebs

Vor einem Jahr waren Tanja, Marcel und Markus Zenger (von links) noch etwas durch den Wind. Der Bub soll unheilbar krank sein, hieß es damals. Davon ist heute nichts mehr zu merken. Die Familie blickt zuversichtlich nach vorn. Bild: phs

Manchmal reicht ein Anruf, um Eltern die Beine wegzuziehen. So wie am 12. Mai vergangenen Jahres. Da ätzt sich Markus und Tanja Zenger die Nachricht ins Ohr, dass ihr quirliger Sohn Marcel Krebs haben soll. Einen unheilbaren. Heute gilt der 14-jährige Bub als genesen. Hoffentlich für immer.

Den Ausblick, dass nun alles gut sein könnte, genießt auch der FC Weiden-Ost. Der hatte für seinen C-Jugend-Kicker ein Benefizturnier veranstaltet (wir berichteten). Im Club herrschte lange Unsicherheit, wie es um den Außenverteidiger wirklich steht. Inzwischen kämpft er sich als Einwechselspieler wieder an die Mannschaft heran.

Hinter den Zengers liegen bis zu diesem Zeitpunkt nicht nur durchgegrübelte Nächte, was aus Marcel wird. Auch der heute 42-jährige Vater musste schon eine Krebsdiagnose wegstecken. "Die habe ich genau an meinem 40. Geburtstag bekommen." Betroffen war die Schilddrüse. Markus Zenger spricht abgeklärt darüber. "Viele haben damals gesagt: So ein Pech. Ich sage, dass ich Glück hatte. Der Tumor wurde rechtzeitig entdeckt und hat nicht gestreut."

Das könnte ihm Kraft gegeben haben, den telefonischen Tiefschlag in Bezug auf Marcel wegzustecken. "Erst einmal fühlst du Leere. Dann sind meine Frau und ich in jeweils andere Zimmer gegangen, und dann kamen die Tränen", hat er die Stunden nach dem Anruf aus der Regensburger Hedwigsklinik noch vor Augen.

"Marcel haben wir das zuerst verschwiegen, der war da gerade im Fußballtraining", erinnert sich Mutter Tanja. Ihr Mann macht ihr bald schon wieder Mut. "Die haben ja noch nicht mal eine Gewebeprobe." Und tatsächlich: Die ärztliche Vermutung "unheilbarer Knochenkrebs" entpuppt sich als falsch. Durchatmen können die Zengers jedoch nicht. Was sich da auf dem Röntgenbild zwischen den Rippen des Jungen unheilvoll angekündigt hat, ist ein aggressiver Lymphdrüsentumor, der genau zwischen Herz und Lunge wuchert. Eine fiese Stelle.

Niemand rechnet mit so einer schweren Krankheit. Der Hans-Scholl-Realschüler spürte zwar vor der Diagnose immer wieder ein Stechen nach dem Sport, im Ruhezustand war es aber zunächst erträglich. Hausarzt und Klinikum Weiden tippen auf einen ausgerenkten Wirbel oder Fibromyalgie-Schmerzen und empfehlen unter anderem Massagen.

Am 10. Mai 2015 steht das Muttertagsessen der Zengers beim "Schinderhannes" an. "Da hat er es vor Schmerzen kaum mehr ausgehalten", leidet Mutter Tanja heute noch mit. Es folgen Notaufnahme, Röntgen, MRT und schließlich jener Anruf.

Wut ersetzt Appetit


Als Marcel am Ende doch Bescheid weiß, lässt er sich nicht unterkriegen. "Ich dachte, jetzt kommen ein, zwei Operationen und dann ist es weg." Leider ist der Eingriff alles andere als einfach. Chirurgen und Kinderärzte der Universitäts- und der Hedwigsklinik in Regensburg müssen ran. Marcel fängt sich eine Lungenentzündung ein, quält sich durch sechs Chemoblöcke und magert auf 44 Kilo ab. "Zwischen den Chemos waren wir die besten Kunden in Pizzerien", lächelt der Vater. Etwas anderes schmeckt dem Jungen nicht. Die Therapie legt Appetit und Geschmackssinn lahm. Zudem sind etliche Lebensmittel aus medizinischer Sicht tabu.

Zwischenmenschlich sind Herbst und Sommer nicht weniger anstrengend. Marcel gibt zu, dass er monatelang am liebsten nur in sein Laptop gestarrt hat. Mutter, Vater und Schwester haben es nicht leicht mit ihm. Klinikkost, Chemo und Katheter entzünden sich als Wut und Launen. "Warst halt unsere Zicke", flachst der Vater zum Junior in der hübschen Wohnung in der Stockerhut.

Er weiß, dass sein Junge tapfer ist und sein Umfeld bewiesen hat, worauf es nicht nur auf dem Rasen ankommt: die richtige Moral. Die Fußballkumpels schicken ihm einen Ball mit allen Unterschriften, Trainer Markus Bauer erkundigt sich regelmäßig, und die Klassenkameraden schreiben ebenfalls fleißig. Eine weitere Stütze ist Herbert Putzer von der Kinderkrebshilfe. Gleichwohl ist das Familienleben auf den Kopf gestellt. Die Mutter geht nur mehr zur Spätschicht zur Fehlerbearbeitung bei Witt. Der Vater, Speditionskaufmann bei Ketonia, braucht ebenfalls öfter frei. "Sobald sich zum Beispiel Fieber angekündigt hat, mussten wir nach Regensburg, manchmal mitten in der Nacht." Die Eltern sind ihren Arbeitgebern für so viel Verständnis mächtig dankbar.

Urlaub, die zweite


Im Winter häufen sich endlich die guten Neuigkeiten. Die Abschlussuntersuchung im November deutet darauf hin, dass der Tumor vernarbt und verschwunden ist. Im Januar bekommt Marcel nach Monaten den Hickman-Katheter für die Chemos aus dem Körper. Inzwischen darf er wieder kicken, wiegt anständige 62 Kilo und genießt nicht nur Pizza.

Wieder gesund: Dafür macht Marcel gern die siebte Klasse ein zweites Mal. Und die Familie holte Pfingsten den Sommerurlaub in der Türkei nach, den sie 2015 gebucht hat und absagen musste. "Ohne einen Cent Erstattung von der Versicherung", bleibt dem Vater der Reiseveranstalter in unangenehmer Erinnerung. Lieber freut er sich aber über die Fußballerfamilie von Weiden-Ost. Denn Geld von Freunden aus dem Erlös eines Benefizturniers fühlt sich besser an als Almosen aus der Rechtsabteilung einer Reiserücktrittsversicherung.

Sobald sich zum Beispiel Fieber angekündigt hat, mussten wir nach Regensburg, manchmal mitten in der Nacht.Markus Zenger
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.