Der Bauer und die Zeit

Es war einmal ein junger Bauer, der wollte seine Liebste treffen. Er war ein ungeduldiger Kerl und viel zu früh gekommen. Er verstand sich schlecht aufs Warten. Er sah nicht den Sonnenschein, nicht den Frühling und die Pracht der Blumen. Ungeduldig warf er sich unter einen Baum und haderte mit sich und der Welt.

Da stand plötzlich ein graues Männchen vor ihm und sagte: Ich weiß, wo dich der Schuh drückt. Nimm diesen Knopf und nähe ihn an dein Wams. Und wenn du auf etwas wartest und dir die Zeit zu langsam geht, dann brauchst du nur den Knopf nach rechts zu drehen, und die springt über die Zeit hinweg bis dahin, wo du willst. Das war so recht nach des jungen Mannes Geschmack. Er nahm den Zauberknopf und machte einen Versuch und drehte: und schon stand die Liebste vor ihm und lachte ihn an.

Das ist schön und gut, dachte er, aber mir wäre lieber, wenn schon Hochzeit wäre. Er drehte abermals: Und saß mit ihr beim Hochzeitsessen, und Flöten und Geigen klangen um ihn. Da sah er seiner jungen Frau in die Augen: Wenn wir doch schon allein wären. Wieder drehte er heimlich, und da war tiefe Nacht und sein Wunsch erfüllt.

Und dann sprach er über seine Pläne. Wenn unser neues Haus fertig ist - und drehte von neuem an dem Knopf: Da war Sommer, und das Haus stand bereit und leer und nahm ihn auf. Jetzt fehlen uns noch die Kinder, dachte er, und konnte es wiederum nicht erwarten. Da drehte er schnell den Knopf: Da war er älter und hatte seine Buben auf den Knien, und durchs Fenster sah er auf den neuen Weinberg. Wie schade, dass er noch nicht trägt. Ein heimlicher Griff, und wieder sprang die Zeit. Immer hatte er etwas Neues im Sinn und konnte es nicht erwarten. Und drehte, drehte, dass das Leben an ihm vorbei sprang, und ehe er sich's versah, war er ein alter Mann und lag auf dem Sterbebett.

Nun hatte er gar nichts mehr zu drehen und blickte hinter sich. Und merkte, dass er schlecht gewirtschaftet hatte. Er wollte sich das Warten ersparen und nur die Erfüllung genießen, wie man Rosinen aus einem Napfkuchen nascht. Nun, da sein Leben verrauscht war, erkannte er, dass auch das Warten des Lebens wert ist und erst die Erfüllung würzt.

Was gäbe er darum, wenn er die Zeit ein wenig rückwärts schrauben könnte. Zitternd versuchte er, den Knopf nach links zu drehen. Da tat es einen Ruck, er wachte auf und lag noch immer unter dem blühenden Baum und wartete auf seine Liebste. Aber jetzt hatte er das Warten gelernt. Alle Hast und Ungeduld waren von ihm gewichen; er schaute gelassen ihn den blauen Himmel, hörte den Vöglein zu und spielte mit den Käfern im Grase. Und freute sich des Wartens (lir).
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