Der Leseranwalt schreibt:
Warum nicht alles in der Zeitung steht

Die Zugriffszahlen im Onetz, dem Internetportal von Oberpfalz-Medien, sind der Beleg: Die sogenannten Blaulicht-Meldungen stoßen bei den Lesern auf allergrößtes Interesse. Bei der Berichterstattung über Gewalttaten (auch angedrohte) wägt die Redaktion das Informationsinteresse der Öffentlichkeit gegen die Interessen der Opfer und Betroffenen sorgsam ab. Bei der Recherche gegenüber schutzbedürftigen Personen ist besondere Zurückhaltung geboten. Dies betrifft vor allem Menschen, die sich nicht im Vollbesitz
 
Autorin Edda Eick ist Referentin für Öffentlichkeitsarbeit beim Deutschen Presserat. Bild: exb

Streifenwagen vor dem Haus. Blaulicht zuckt. Mehrere Polizisten im Einsatz. Wer so eine Szenerie beobachtet, will natürlich wissen: Was ist da bloß passiert? Doch über das Geschehen muss nicht immer etwas in der Zeitung oder im Netz stehen.

Amberg/Weiden. "Es wundert mich sehr, dass Sie nichts über den Vorfall (...) in Weiden vom (...) berichten": Mit diesen Worten begann die Mail an die Lokalredaktion. Der Leser, der sie geschrieben hatte, spielte damit auf einen Vorfall in einem Mehrfamilienhaus an.

Ein Mann habe dort seine eigene Wohnung demoliert (worauf sein Sohn aus ihr geflüchtet sei) und anschließend im Hausflur randaliert. Unter anderem seien an die Tür eines weiteren Bewohners Flaschen geworfen worden.

Die Polizei rückte mit mehreren Kräften an. Einer der Beamten habe den Ausraster des alkoholisierten Täters mit der Anmerkung kommentiert: "Der hatte halt heute einen schlechten Tag." Möglicherweise sollte dieser Satz in dem Moment deeskalierend wirken. Die Menschen, die in dem Haus leben, hätten nun Angst vor dem Mann, ließ der Leser wissen und machte sich so seine Gedanken: "Merkwürdig, dass die Polizei das verharmlost bzw. vertuscht."

Familiäre Angelegenheit


Hat die Polizei hier wirklich etwas bagatellisiert und dann einfach für sich behalten? Dem Leser antwortete eine Redakteurin der Lokalredaktion Weiden/Neustadt dazu Folgendes: "Die Polizei hat uns den Einsatz, so wie von Ihnen geschildert, bestätigt. In den täglichen Pressebericht habe man den Einsatz nicht aufgenommen, weil es sich mehr oder weniger um eine familiäre Geschichte handelte. Außenstehende kamen (bis auf die Tür) nicht zu Schaden. Für die Polizei ist das - so krass das klingt - Alltag. In Weiden ereignen sich täglich etwa 10 Straftaten, 3500 im Jahr, die Verkehrsdelikte noch gar nicht dazu gerechnet. In den Pressebericht kommen in der Regel nur solche, die die Öffentlichkeit betrafen. Oder welche, bei denen Zeugen gebraucht werden." Eine Argumentation, der sich der Leseranwalt anschließt. Von echter Öffentlichkeit konnte in dieser Angelegenheit keine Rede sein, mit dem Geschehen war nur ein kleiner Personenkreis konfrontiert.

Kind spielt eine Rolle


Außerdem schrieb die Kollegin dem Leser: "So sehr ich verstehe, dass das für Sie und die anderen Mieter sicher kein alltägliches Ereignis war, kann ich die Entscheidung des Polizeisprechers nachvollziehen, gerade, weil auch ein Kind betroffen war. Ich wünsche Ihnen, dass sich das Problem löst, sicher keine einfache Situation."

Zusammenfassend ist festzuhalten: Die Redaktion hat in diesem Fall mit einer Nicht-Veröffentlichung den richtigen Weg gewählt. Was anderes wäre es sicherlich gewesen, wenn der Mann beispielsweise Möbel aus dem Fenster geschmissen oder einen Nachbarn tätlich angegriffen und vielleicht sogar verletzt hätte. Dann wäre tatsächlich öffentliches Interesse gegeben gewesen.

Ergänzend Zahlen der Weidener Polizei, die verdeutlichen, was sie tagein, tagaus zu tun hat. 2016 kam es zu 3544 Straftaten. Plus 1700 Verkehrsunfälle, macht im Schnitt 5 täglich. In der Statistik stehen: 1 Straftat gegen das Leben, 43 Sexualdelikte, 612 Rohheitsdelikte, 980 Diebstähle, 782 sonstige Straftaten, 704 Taten gegen strafrechtliche Nebengesetze (das sind z. B. Verstöße gegen das Waffen-, Umwelt- oder Betäubungsmittelgesetz), 422 Vermögens- und Fälschungsdelikte. Bei den 1700 Unfällen gab es 245 Verletzte.

Sehr viel davon findet sich in der Zeitung wieder: "Im Schnitt berichten wir nur für die Stadt Weiden pro Woche über - ich schätze mal grob - 30 Straftaten und Unfälle, also doch immerhin 1500 im Jahr", nennt die Kollegin aus der Redaktion eine Größenordnung. Es seien kleine und große Artikel.

Polizei liefert Infos


Und "es ist alles dabei", unterstreicht die Lokalredakteurin: von der Schlägerei über Sachbeschädigungen und Beleidigungen bis hin zu Diebstählen, Unfallfluchten, Unfällen, Drogenfunden und vielem mehr.

Wie gelangen die Infos an die Zeitung? "Berichte über Polizeieinsätze kommen in der Regel über die Polizei selbst, aber wir fragen oft genug selbst nach und sind auch froh um Hinweise unserer Leser", erläutert die Kollegin.

Zurückhaltung bei SuizidSuizid - ein sensibles Thema, mit dem Redaktionen immer wieder konfrontiert sind. Dazu gibt es in unserem Haus eine klare Linie: Die Berichterstattung über Selbsttötung gebietet Zurückhaltung. Auch aus folgendem Grund: Es müssen Nachahmungstaten befürchtet werden. Die Zurückhaltung gilt vor allem für die Nennung von Namen, die Veröffentlichung von Fotos und die Schilderung näherer Begleitumstände. Meist wird über Suizid nicht geschrieben. Nicht vermeiden lässt sich eine Berichterstattung aber, wenn die Selbsttötung in aller Öffentlichkeit stattgefunden hat, sie große Aufmerksamkeit erregt hat. Oder es handelt sich um eine bekannte Persönlichkeit. Einen Suizid im privaten Bereich wird die Redaktion kaum publik machen. (kan)


Ein Fall für den PresseratSo wird der Schüler identifizierbar

Von Edda Eick

Der Fall

Eine Prügelei zwischen zwei Schülern ist Thema in einer Regionalzeitung. Sie berichtet, einer der beiden sei ein "unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber" aus dem Irak. Die Redaktion kürzt den Begriff mit "Uma" ab. Der junge Mann wohnt in einer Betreuungseinrichtung für Schüler mit schwierigem sozialen Milieu. Neun "Umas" besuchten die Schule, heißt es im Artikel weiter. Mit ihnen gebe es keine Schwierigkeiten. Vorname ("Mohammed") und Alter des irakischen Jugendlichen und der Einrichtungen, in denen er gewohnt hat bzw. wohnt, werden in dem Artikel genannt.

Eine Sozialpädagogin, die in einer Jugendeinrichtung beschäftigt ist, wendet sich an den Presserat. Der Artikel verletze das Recht des Minderjährigen auf informationelle Selbstbestimmung. Zu keiner Zeit sei der Schüler oder jemand aus den jeweiligen Einrichtungen um Zustimmung zur Veröffentlichung der persönlichen Daten gefragt worden. Die Angaben seien de facto der Veröffentlichung der Adresse gleichgekommen. Vor dem Hintergrund der gesellschaftlichen Diskussion sei aus den Angaben eine reale Gefährdungslage für den Schüler entstanden.

Die Redaktion

Der Chefredakteur der Zeitung weist die Vorwürfe zurück. Nach seiner Auffassung sei der Schüler durch den Artikel nicht identifizierbar. Der Name Mohammed sei im arabischen Raum stark verbreitet. Auf die Nennung des Nachnamens habe man bewusst verzichtet. Die Daten stammten von der Schulleiterin. Da es um die Integration unbegleiteter minderjähriger Asylbewerber gehe, sei die Herkunft des Jugendlichen von Bedeutung. Der 14-Jährige sei, wie berichtet, ein Ausnahme- und Problemfall. Um nicht alle "Umas" unter Generalverdacht zu stellen, seien die persönlichen Hintergründe genannt worden.

Der Chefredakteur räumt ein, dass die Nennung der Betreuungseinrichtung hätte unterbleiben müssen. Die Beschwerde habe er zum Anlass genommen, um in der Redaktion über den Umgang mit personenbezogenen Daten zu diskutieren und Sensibilität für dieses Thema zu schaffen.

Das Ergebnis

Die Zeitung hat gegen Ziffer 8 des Pressekodex (Schutz der Persönlichkeit) in Verbindung mit Richtlinie 8.3 (Kinder und Jugendliche) verstoßen. Der Beschwerdeausschuss spricht eine Missbilligung aus. Der betroffene Schüler wird durch die Nennung seines Vornamens und der Einrichtung, in der er untergebracht ist, für einen erweiterten Personenkreis identifizierbar. Die Nennung der Einrichtung kommt in diesem Fall der Angabe der Adresse gleich. Vor allem bei der Berichterstattung über Minderjährige ist grundsätzliche Voraussetzung, dass ein Sorgeberechtigter die Zustimmung zu einer Veröffentlichung erteilt hat. Bei Vorliegen eines überragenden öffentlichen Interesses an der identifizierenden Darstellung kann diese Pflicht entfallen. Dieses liegt nicht vor, da es lediglich um eine Auseinandersetzung zwischen zwei Schülern geht.

Der Pressekodex

Ziffer 8 (Schutz der Persönlichkeit): Die Presse achtet das Privatleben des Menschen und seine informationelle Selbstbestimmung. Ist aber sein Verhalten von öffentlichem Interesse, so kann es in der Presse erörtert werden. Bei einer identifizierenden Berichterstattung muss das Informationsinteresse der Öffentlichkeit die schutzwürdigen Interessen von Betroffenen überwiegen; bloße Sensationsinteressen rechtfertigen keine identifizierende Berichterstattung. Soweit eine Anonymisierung geboten ist, muss sie wirksam sein. Die Presse gewährleistet den redaktionellen Datenschutz.

Richtlinie 8.3 (Kinder und Jugendliche): Insbesondere in der Berichterstattung über Straftaten und Unglücksfälle dürfen Kinder und Jugendliche bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres in der Regel nicht identifizierbar sein.
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