Diakon Karl Rühl kritisiert Grundsatz "ambulant vor stationär"
Wahlleistungen auch im Heim

Diakon Karl Rühl (rechts) sieht die Bedingungen für die Pflege durch den Grundsatz „ambulant vor stationär“ und deren unterschiedliche Finanzierungsmodelle gefährdet. Stattdessen fordert er ein Umdenken auch in der Politik. Für ihn sollte das Heim keine gesetzlichen Vorgaben hinsichtlich Pauschalversorgung bekommen. Bilder: Wilck (2)
 
Diakon Karl Rühl: "Die Wohnsituation darf nicht mehr die Finanzierung der Pflege beeinflussen."

Die Pflegeversicherung geht von einer Reform zur nächsten. Einer, der diese Entwicklung beobachtet und mit eigenen Gedanken begleitet, ist Karl Rühl.

Die Diakonie Weiden, deren Geschäftsführender Vorstand Rühl seit sechs Jahren ist, begrüßt viele Einzelmaßnahmen aus den drei Reformpaketen, die die Große Koalition im Bund seit zwei Jahren anpackt. Dabei geht es beispielsweise um den Abbau der Bürokratie in der Pflege und die bessere Versorgung von dementiell erkrankten Menschen. Beurteilungs- und Bewertungssystem sollen erneuert und den steigende Kosten mit der Idee "ambulant vor stationär" begegnet werden. Es werde versucht, die Leistungen für die zu pflegenden Menschen zu verbessern.

"Leider schafft der Gesetzgeber Gesetze, bei denen die Finanzierung der erforderlichen Maßnahmen zu wenig geklärt sind." Dies geschehe erst im Nachhinein. "Viele gute Ideen müssen dann dafür herhalten, dass es günstiger und nicht teurer wird", befürchtet Rühl. "Bei den derzeitigen Reformen werden vor allem ambulante Systeme verbessert und stationäre stiefmütterlicher behandelt."

Umzug vermeiden


Gemäß dem Grundsatz "ambulant vor stationär" wolle der Gesetzgeber pflegebedürftige Menschen ermutigen, sich so lange wie möglich daheim betreuen zu lassen und alle Hilfssysteme von Nachbarschaftshilfe bis zur ambulanten Versorgung in Anspruch zu nehmen. "Im Sinne der Pflegeversicherung kann eine pflegebedürftige Person bis zum Ende ihres Lebens im bewährten Wohnumfeld bleiben." Sie solle nur umziehen, wenn es keinen Sinn mehr mache, beispielsweise alleine zu wohnen.

Finanziell betrachtet gehe es aber immer um verschiedene Wohnformen, eine Mietzahlung und die Kosten für die Leistungen der Pflege. Vom Gedanken "ambulant vor stationär" erhoffe man sich, dass Pflege bezahlbarer bleibe. "Aber anspruchsvolle Pflege kostet auch in diesem System ihr Geld", ist sich Diakon Rühl sicher. "Aus meiner Sicht wird es nicht billiger und die pflegerische ganzheitliche Versorgung kann in einem Pflegehaus besser sein." Mit dem Slogan "ambulant vor stationär" werde konsequent ein alter Fehler fortgeführt. "Es geht um die unterschiedlichen Arten der Finanzierung." Dass Pflege nach Wohnformen finanziert und unterschiedliche Leistungen dafür bereitgehalten werden, sei seit 1996 der falsche Ansatz. "Die Wohnsituation darf nicht mehr die Finanzierung der Pflege beeinflussen. Wir brauchen auch zukünftig klassische Senioren- und Pflegeheime." Rühl fordert stattdessen "gute und gleichwertige Pflege egal wo und wie wir wohnen."

Die Pflegeversicherung sei ein System, das beispielsweise in einer Pflegeeinrichtung nur einen Teil der Kosten übernehme. "Die Rechnung bezahlt der Bewohner und wenn er dies nicht kann - was sehr oft der Fall ist - zahlt die Sozialhilfe. In Zukunft sollte die Versicherung die Pflege- und Krankenkosten voll übernehmen und die nichtpflegerischen Versorgungskosten müsste der Pflegebedürftige selbst berappen. Wenn das nicht möglich ist, dann muss weiterhin die Sozialhilfe einspringen."

Ähnliche Kosten


Nach Rühls Modell müsste ein Bewohner im Pflegeheim etwa 800 bis 1000 Euro hinzuzahlen, wenn er Vollversorgung mit Unterbringung will. Eine ähnliche Summe entstehe auch zu Hause für Wohnung, Essen und Nebenkosten. "Bei finanziellen Probleme sind das auch für die Sozialhilfe andere Summen. Sie würde massiv sinken und die Zuzahlung für das Leben im Alter mit Pflegebedarf wäre begrenzt." Die reinen Pflegekosten müssten Pflege- und Krankenversicherung komplett übernehmen.

Die Krankenkassen sind derzeit in einem Pflegeheim finanziell nicht engagiert. "Das läuft alles über die Pflegeversicherung." Sie verordne ein Pauschalangebot, dass der Bewohner nehmen und die Träger erbringen müssen. "Da ist es egal, ob es stets notwendig ist oder zur Unselbstständigkeit beiträgt." Jemand, der selbst kochen wolle oder dessen Angehörigen Essen vorbeibringen, müsse derzeit dennoch dafür bezahlen.

"Ein Pflegeheim könnte ziemlich kurzfristig auf Wahlleistungen im Versorgungsbereich umgestellt werden." Die Pflegekasse lasse das nicht zu. "Wir müssten ganz aus dem System stationär raus und unsere Häuser ambulantisieren", fordert Rühl. "Die Folge wäre, dass wir mit weniger Fachkräften arbeiten könnten, die Heimaufsicht mit ihrem ganzen Ordnungsrecht kommt nicht mehr vor, der Medizinische Dienst der Krankenkassen prüft anders, wir haben keine zwei bis drei Kräfte mehr im Nachtdienst und vieles mehr." All das könne man umgehen und vieles würde einfacher. "Aber ist das besser?"

Standards erhalten


Die Umwandlung von Pflegeheimen habe schon begonnen. Damit einher gehe aber auch die Umgehung von deren Standards. "Bevor das um sich greift, wäre es sinnvoller, wenn der Gesetzgeber ordentliche Rahmenbedingung schafft." Laut Prognosen werden 2030 um die Hälfte mehr Einrichtungen als derzeit mit den heutigen pflegerischen Standards eines Pflegeheimes benötigt. Rühl glaubt an eine solide und machbare Finanzierung. Die Kommune ist in der Altenhilfe anders als in der Kinderbetreuung nicht für die Versorgungsstruktur zuständig. Dadurch entstünden überall vor Ort punktuelle Projekte. Es fehle aber die ordnende Hand. "Es müsste zur Pflichtaufgabe einer Kommune gehören, die Pflegeinfrastruktur sicherzustellen. Auf dieses Grundsystem müssten der Ausbau und die Regelfinanzierung der Altenhilfe gestellt werden." Ein Gemeinwesen mit seinen gewählten Vertretern könne nach Rühls Ansicht am besten vor Ort eine sinnvolle Versorgung sicherstellen.

Rühl lebte als Kind im Haus seiner Großmutter im Altmühltal und hat ihr schon als junger Mensch auch pflegerisch geholfen. "Mir liegt sehr viel an dem Wert, dass wir gemeinsam unsere Väter und Mütter ehren, ihnen Gutes zukommen lassen und von ihnen den Segen des Alters erfahren." Diese Kindheitserfahrung und sein Werdegang als Diakon beeinflusst ihn in seiner Sichtweise. "Egal wie die Systeme sind, wir sind gerne für unsere älteren Menschen da und haben Freude am Zusammensein." Rühl treibt dennoch die Frage um, wohin sich langfristig die Pflege und mit diesen Reformen vor allem die stationäre Altenhilfe bewege. Deren Grundprobleme würden mit den jetzigen Maßnahmen nämlich nicht angegangen.

"Wir werden auf Dauer gut spezialisierte Pflegehäuser haben", vermutet er. Es werde aber auch Leute geben, die keinen hohen Pflegebedarf haben, aber doch betreut werden müssten. "Die werden es schwer haben, in ein Heim zu kommen." Denn das, so fürchtet Rühl, werden die Sozialkassen nicht mehr übernehmen. "Es bleibt ein sorgenvoller Blick auf die Zukunft."

Wertschätzung und Anerkennung für PflegekräfteBundesweit gibt es laut Karl Rühl einen Fachkräftemangel in der Pflege. "Es fehlen in den kommenden zehn Jahren vor allem in den Ballungsräumen, gut 220 000 Pflegefachkräfte." In der nördlichen Oberpfalz sei die Situation noch besser. Die Diakonie in Weiden, die selbst ausbildet, hat mit 275 Mitarbeitern im ambulanten und stationären Bereich aktuell keinen grundsätzlichen Mangel.

Die Situation ist Rühls zufolge in der Pflege analog zum generellen Fachkräftemangel in Deutschland. "Wir müssen um die Kräfte in der Pflege werben." Es komme darauf an, motivierte Auszubildende zu bekommen, standortnah auszubilden, gute Rahmenbedingungen zu schaffen und ordentlich zu bezahlen. "Die Freude an der schönen Arbeit mit Menschen darf den Beschäftigten in der Pflege nicht durch ständige Reformen und Auflagen genommen werden." Bei der Diakonie verdient eine Fachkraft im mittleren Dienstalterbereich nach Tarif. Das seien knapp 3000 Euro brutto im Monat plus Sonderzahlungen und Zulagen. In Rühls Bereich sei das für Fachkräfte in der Altenhilfe oder im Krankenhaus gleich. Das sei aber nicht bei allen Arbeitgebern so. Deshalb setzt sich der Diakoniechef für einen Flächentarif ein. "Die, die die Pflege erledigen, sollen auch im finanziellen Bereich ihre Anerkennung bekommen." Für viele sei die Pflege von alten Menschen ein schöner, bereichernder und sinnstiftender Beruf. "Hier zu arbeiten, findet wieder mehr und mehr Anerkennung, bietet gute Chancen auch für Quereinsteiger, und lässt Weiterqualifizierungen zu." Derzeit werde an einer generalisierten Pflegeausbildung gearbeitet. Ziel sei eine verbesserte Durchlässigkeit und damit verbunden Entwicklungsmöglichkeiten, so dass jemand aus der Altenhilfe auch im Krankenhaus arbeiten könnte. "Grundsätzlich möchten unsere Pflegekräfte in der Arbeit mehr Zeit für die Begegnung mit den Pflegebedürftigen haben", weiß der Diakon. "Das geht aber nur mit mehr Mitarbeitern." Zuwendung, würdevolle Pflege, Teilhabe, körperliche Unversehrtheit, Spiritualität, all diese Dinge benötigen Zeit statt enge Vorgaben von der Versicherung. Mit der Einführung der Pflegeversicherung sei hier ein Problemfeld aufgekommen, das man eigentlich nicht brauche. "Man hat die Zeit geraubt, in der Hoffnung dann mehr Geld zu haben, um Zeit zu finanzieren." (ui)


Man hat die Zeit geraubt, in der Hoffnung dann mehr Geld zu haben, um Zeit zu finanzieren.Karl Rühl


Die Wohnsituation darf nicht mehr die Finanzierung der Pflege beeinflussen.Diakon Karl Rühl


Mir liegt sehr viel an dem Wert, dass wir gemeinsam unsere Väter und Mütter ehren, ihnen Gutes zukommen lassen und von ihnen den Segen des Alters erfahren.Karl Rühl
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