Die Bibel und Gleichberechtigung - Referat bei Freundeskreis Tutzing
Vom Saulus zum Frauenfreund?

Pfarrer i.R. Rainer Holl. Bild: sbü

Kann jemand Apostel sein und Frauenfeind zugleich? Und: Ist das Christentum der Grund dafür, dass in Europa Männer lange Zeit mehr galten als Frauen - oder hätte man es auch anders verstehen können? Antworten lieferte ein Vortrag im Vereinshaus.

Das Christentum prägte die europäische Kulturgeschichte fast zwei Jahrtausende lang in höchstem Maße - mit Folgen auch für das Verhältnis der Geschlechter. Unter Berufung auf christliche Wertvorstellungen und das Evangelium beherrschten die Männer weitgehend das gesellschaftliche Geschehen. Wie es dazu kam, damit beschäftigte sich nun ein Vortragsabend des Freundeskreises Weiden der Evangelischen Akademie Tutzing.

Großes Fragezeichen


Pfarrer i.R. Rainer Holl sprach im Haus der evangelischen Gemeinde über "Frauenbilder in der Bibel". In seinen Ausführungen über die Entstehungsgeschichte des Neuen Testaments nahmen der Apostel Paulus und die Paulusbriefe breiten Raum ein. Holl überschrieb ein großes Kapitel seines Vortrags mit dem Wort "Frauenfeind Paulus", setzte aber ein deutliches Fragezeichen dazu.

Dass Paulus vielfach als Frauenfeind galt, werde häufig begründet mit dem "klassischen Satz im 1. Korintherbrief, Frauen sollten in Versammlungen schweigen". Doch Holl relativierte dieses Paulus-Bild. Vermutlich stamme dieser Satz gar nicht von Paulus, sondern sei erst später eingefügt worden. Es gebe Paulusbriefe, die nur in seinem Namen von seinen Schülern geschrieben wurden. "Dies ist im Altertum gängig gewesen." Um die Entstehungsgeschichte des Evangeliums zu verstehen, müsse man berücksichtigen, dass es damals Judenchristen und Heidenchristen gegeben habe. Als Heidenchrist - also als Christ nichtjüdischer Herkunft - sei Paulus in vielen Urgemeinden unbeliebt gewesen. Er habe im elften Kapitel des 1. Korintherbriefes lediglich gefordert, dass Frauen ein Kopftuch tragen.

Ansonsten spricht laut Holl sehr viel dafür, dass Paulus Frauen in einer anderen Rolle sah, als sich diese später im Christentum entwickelt hat. Ein Indiz sei, dass Frauennamen sehr oft in den sogenannten Grußlisten am Anfang der Paulus-Briefe vorkämen. Mehr noch: "Die Geschichte der ersten von Paulus in Europa gegründeten christlichen Gemeinde beginnt mit einer Frau."

"Jesus hilft Frauen"


Dass der Text des Evangeliums gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt war, zeigt Pfarrer Holl zufolge die Tatsache, dass "viele Schriften dort nicht aufgenommen wurden". Die Verdrängung der Frau aus einer aktiven Rolle habe bis heute angehalten, sagte der Referent. Dabei habe auch Jesus in seinen Begegnungen mit Frauen viele damalige Tabus gebrochen. "Jesus hilft Frauen gegen den Willen der Pharisäer." Und Frauen seien unter den Jüngern Jesu eine der wichtigsten Gruppen gewesen.

Der Theologe schilderte zudem ausführlich das Frauenbild des Alten Testaments anhand zahlreicher Beispiele. Im ersten Schöpfungsbericht etwa sei bei der Erschaffung des Menschen gleichzeitig "von Mann und Frau gesprochen worden". Im zweiten Bericht sei es dann zu "einer drastischen Zurücksetzung der Frau" gekommen. Die Rolle der Frau im alten Orient habe darin bestanden, "Nachkommen zu gebären". Es gab allerdings auch andere Blickwinkel. So zählte der Pfarrer zahlreiche Beispiele aus dem Alten Testament auf. Esther, Judith, Miriam und Hannah - sie alle hätten eine herausragende Rolle gespielt.
Weitere Beiträge zu den Themen: Religion (52)Evangelische Akademie Tutzing (2)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.