Die Menschen sollen versuchen, einander zu lieben
Wir sind eine Familie

Von Thomas Jeschner, Dekan und Stadtpfarrer in Eschenbach

Dieser Jesus, der an Weihnachten in der Krippe liegt, wird schon als Baby und Kleinkind einiges erleben. Erst, wobei ich nicht genau weiß, ob das schon zählt, von Nazareth nach Bethlehem, dann von Bethlehem nach Ägypten, von Ägypten wieder zurück nach Israel, erst nach Judäa, dann nach Galiläa, genauer gesagt wieder nach Nazareth.

Es ist kein leichter Start, den der Erlöser hat, von Anfang an scheint sein Leben voller Tücken und Hindernissen zu sein. Die Geburt im Stall, die Flucht nach Ägypten. Eltern wünschen sich für ihr Kind etwas anderes.

Behütet und geschützt


Um wie viel besser geht es da uns! Die meisten von uns, und da meine ich nicht nur die Kinder, auch die Erwachsenen sind behütet und geschützt geboren und aufgewachsen. Wir durften und dürfen in Freiheit, ohne Angst, ohne wirklich große Sorgen aufwachsen. Das ist nicht bei allen so und es ist gut, sich gerade in diesen Tagen daran zu erinnern. Viele Familien leben auf der Flucht, leben in Furcht, leben in großen Sorgen, leben ohne Hoffnung. So wie wohl die Heilige Familie am Anfang ihres Familienlebens leben musste.

Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen.Apostel Paulus

Egal, wo die Familie hingekommen ist, sie waren immer Fremde. In Bethlehem waren Maria und Josef zwar nach Abstammung zu Hause, aber sie konnten kein Dach über dem Kopf finden. Sie waren für die Menschen dort Fremde. Menschen, die stören, die kein Geld haben, die nicht dazu gehören. In Ägypten und auf der Flucht wird es nicht viel anders gewesen sein. Nirgends hatten sie Heimat, einen Ort, an dem sie sich geborgen und geschützt fühlen konnten. Von Anfang an war Jesus, heimatlos, getrieben und vertrieben. Ein Flüchtling!

Sicher, es nicht schön, sich gleich wieder so von der Realität einholen zu lassen. Jeder von uns würde sich lieber das schöne, idyllische Bild von der Krippenszene bewahren. Aber die Evangelisten Matthäus und Lukas beschreiben beide aus ihrer Sicht den Lebensbeginn von Jesus. Matthäus zeigt, dass Gott ganz und gar Mensch geworden ist, ein Mensch seiner Zeit, der um sein Leben fürchten muss. Lukas beschreibt in ach so schönen Bildern die Geburt im Stall. Aber: In einem Stall riecht es, ist es zugig, unbequem, einfach ärmlich. Aber Gott geht dieses Wagnis ein, weil er uns Menschen liebt.

Paulus schreibt: "Ihr seid von Gott geliebt, seid seine auserwählten Heiligen." Ist das nicht toll? Gott liebt uns. Sogar so sehr, dass er es auf sich nimmt, als Fremder, als Heimatloser, als Vertriebener und so als Flüchtling in der Welt zu leben.

Dafür dürfen wir "Danke" sagen, als Teil seiner Familie, als seine Kinder. Und zu dieser Familie gehören alle Menschen, die dazu gehören wollen, egal ob groß und klein, dick oder dünn, mit und ohne Haaren, gelb, braun, weiß oder schwarz, mit deutscher, griechischer, syrischer oder afghanischer Herkunft, vollkommen egal. Wir alle gehören zusammen und wir alle sind füreinander verantwortlich, wie in einer Familie. Und wie in jeder Familie, gibt es auch in der Menschheitsfamilie Streit, Ärger, Missgunst, Neid. Der Apostel Paulus gibt uns da einen entscheidenden Hinweis: Ihr müsst gut miteinander umgehen. Gütig und freundlich, geduldig und sorgfältig sollen wir sein, dazu noch vergeben und Frieden stiften. Das ist nicht leicht. Jesus hat selber erlebt, wie es ist, in einer Welt voll Hass, Zorn und Neid zu leben. Aber er hat auch erfahren, gerade in seiner Familie, was alles heilen und lindern kann: Liebe.

Respektvoller Umgang


So wie die Heilige Familie liebevoll trotz aller schlechten Umstände miteinander umgegangen ist, so wie Jesus uns trotz aller Fehler liebt, so sollen auch wir versuchen, einander zu lieben. Das bedeutet nicht, dass wir jeden Menschen umarmen und liebkosen müssen, das würde vielleicht zu weit gehen. Aber es bedeutet, respektvoll miteinander umzugehen. Die Wünsche des anderen zu hören und nicht gleich immer "Nein" zu sagen. Vielleicht lässt sich ja ein Kompromiss finden. Wenn uns das gelingt, haben wir schon ganz viel erreicht und ein Stück Himmel auf Erden - Erlösung schon hier und jetzt.

Weitere Beiträge zu den Themen: Weihnachten (416)Thomas Jeschner (12)
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.